Zeitenwende: Zeitenwende

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Zeitenwende

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Ersteller und Datum

Erstellt von Sabrina Böhmer am 27.06.2015

Autor dieses Beitrags

Klaus Lehmann

Haupttext

Es war Ende Januar 1945, als der Zug aus Leipzig auf dem
Bahnhof Weißenfels einrollte. Die tagelange Flucht aus Graudenz ( Westpr. ) mit ihren Strapazen lag hinter uns.

Weißenfels ist meine Geburtsstadt, hier lebt meine Familie, Großeltern, Tanten und Onkel.

Wir, meine Mutter, meine 17jährige Schwester und ich ( 11 Jahre ) packten unser geschrumpftes aber immerhin noch umfangreiches Gepäck, gingen durch die Unterführung und hinauf in die Merseburgerstrasse 66 in die Wohnung meiner Großmutter Hedwig Lehmann.
Ich war zu Hause und alles war gut. Im Gegensatz zu Graudenz, verbrachten wir fast jede Nacht im Keller, aber auch hier fielen keine Bomben. Später flogen die Flugzeuge am Tage über Weißenfels, vergeblich von unserer Flag beschossen.

Wir standen im Hof, als ein Flagsplitter neben uns an die Hauswand klatschte.

Mein Großvater sammelte den Splitter auf und gab ihn mir, er war noch warm.

Ich ging auch wieder in die Schule. Obwohl in Weißenfels geboren, galt ich in der Klasse als Flüchtling mit besonderer Anteilnahme. Neben mir saß noch ein Flüchtling, der von einem torpedierten Schiff an Land geschwommen war.

Eines Tages kam unser Klassenlehrer in voller SA-Uniform zum Unterricht. Er sagte, dass er zum letzten Mal vor uns stehe und uns alles Gute für die Zukunft wünscht.

Ja , und bald darauf bekamen wir schulfrei und allmählich erstarb das öffentliche Leben in der Stadt. Gerüchte machten die Runde.

Wir, meine Mutter, Schwester und ich, begaben uns mit
einem Handwagen auf Plünderung. Nicht weit von uns war ein Lager erstürmt worden und eine Menschenmenge wühlte und raffte Lebensmittel aller Art zusammen.

Sogar ein Dreirad-Auto stand im Hof und wurde beladen.

Ich stand auch im Hof und bewachte die immer größer werdende Beladung meines Bollerwagens. Das war auch nötig, denn ich konnte beobachten wie eine Frau einem etwas jüngeren Kind einen Karton mit

Lebensmitteln aus den Händen riss. Alles geschah unter dem immer bedrohlicher werdenden Artillerielärm.

Wir kamen gut mit unserer Beute, darunter ein ganzen Zuckersack nach Hause, während ein älterer Mitbewohner unseres Hauses nur eine Aktentasche voll Zucker und Reis mitbrachte.

Einige Tage davor hatte ich schon einen Alleingang in Sachen Plünderung unternommen in einem weiter entfernten Lagergebäude.

Es war ein Ausrüstungslager mit für mich nicht so interessanten Sachen. Nur einen riesigen Kavalleriesäbel, mehr ein Präsentierstück, fand ich toll und rannte mit ihm nach Hause, vorbei an der Polizeiwache in der Merseburgerstrasse und den davor stehenden Polizisten, die sichtlich amüsiert zusahen.

Später musste ich wegen des Waffenbesitzverbotes den Säbel auf Geheiss meiner Großmutter fortschaffen, ich habe ihn in der Saale versenkt.

Ebenso konsequent wurde übrigens „mein Kampf' entsorgt und fand ab da seine Bestimmung auf einem Ort „eine halbe Treppe" tiefer. Aber zurück: Zwischen dem Geschützlärm waren plötzlich 3 große Explosionen zu hören. Später stellte sich heraus, das dies die Sprengungen der drei Saatebrücken in Weißenfels waren.

Der Gefechtslärm hörte nach und nach auf und es wurde

immer stiller. Dann konnte man ein leises und immer lauter werdendes
Brummen vernehmen.

Ich schlich zum Fenster, wir wohnten im 2. Stock, und sah
eine Fahrzeugkolonne , besetzt mit schussbereiten
amerikanischen Soldaten ,aus Richtung Merseburg im
Schritttempo in die Stadt einrücken.„Junge ! Geh vom Fenster weg!“, sagte Oma...und ich gehorchte kommentarlos.
Kein Schuss fiel. Später wurde dennoch viel von Scharmützeln in einigen Straßen erzählt. Auch dass am Steilufer zur Saale ein Polizeioffizier erschossen worden sei.

Ich war neugierig, suchte diese Gegend auf und tatsächlich
fand ich auf den Treppenabsätzen eine Menge Blut.
Ansonsten schienen sich die Amerikaner nicht besonders
um die Zivilbevölkerung zu kümmern.
Doch einmal, unsere Leute hatten bald eine Holzbrücke für den Personenverkehr über die Saale gezimmert, stand ein Amerikaner mitten auf der Brücke und überwachte die Bergung eines toten deutschen Soldaten aus der Saale.
Sein Colt hing tatsächlich so an einer Seite wie ich es
später in den Wild-West-Filmen sah.
Ach ja, wir Kinder waren auch die Zuschauer bei der Siegesparade der Amerikaner, die an der Merseburger Strasse stattfand, nicht weit von unserem Haus entfernt.
Eines Tages bummelte ich mit 2 anderen jungen umher in Richtung Saale.

Ich bekam Bauchschmerzen, die immer stärker wurden. Auf der anderen Seite der Saale , auf einer kleinen Grünfläche, wurden die Schmerzen so heftig, dass ich mich hinlegen musste und nur noch wimmerte.
Die Kameraden waren verschwunden und um mich herum standen viele Menschen, die mich nur anstarrten.
Das ging so eine ganze Weile. Plötzlich sah ich meine Schwester, die mich ansah, sich umdrehte, und verschwand.

Kurze Zeit später kam meine Schwester in Begleitung von
zwei Männern wieder. Sie trugen mich zu einem Pferdefuhrwerk und fuhren mich in das alte Krankenhaus Ecke Naumburger Straße / Gustav-

Adolf Straße. Das Krankenhaus war bis einschließlich der Flure voller
Verwundeter und kranker Menschen…
Dann war ich auch schon wieder wach und völlig
schmerzfrei.

„Setz Dich hin und dann geh nach Hause und schone Dich. Du musst aber wiederkommen und operiert werden“, sagte mir der Arzt.

Ich hatte einen einklemmten Leistenbruch und meine
Schwester hat mir vermutlich das Leben gerettet.
Wir saßen noch eine Weile im Flur des Krankenhauses. Dabei sprach ich mit einem gleichaltrigen Jungen, dessen Beine voller kleiner Steine unter der Haut waren. Gefragt ,wie das geschehen sei, erzählte er: “Wir haben eine Panzerfaust gefunden, damit gespielt und als die Waffe losging stand ich genau dahinter und bekam die Druckwelle mit den aufgewirbelten Steinen direkt ab.“

Ich bin übrigens dort nicht wieder ins Krankenhaus gegangen und musste mich erst nach Jahrzehnten einer Serie von Leistenbruch Op's unterziehen. Dann kamen doch noch die Russen, nicht mit Pferd und Panjewagen, sondern mit Panzern und LKWs mit aufgesessener Infanterie in neuen und sauberen Uniformen. Irgendwann öffneten sogar die Schulen wieder ihre Pforten und zunächst erfolgte eine lange Serie von Arbeitseinsätzen im Spätsommer und Herbst auf dem Lande.

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Flucht, Leistenbruch

Ort

Leipzig

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