Zeitenwende: Ernten zum Eigenbedarf

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Ernten zum Eigenbedarf

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 03.01.2014
Zuletzt bearbeitet am 11.08.2014

Haupttext

Erntezeit, ernten zum Eigenverbrauch 1946

Im März 1946 sind meine Mutter, meine Schwester und ich nach der Flucht aus Ostpreu­ßen in Fleckeby angekommen. Wir bekamen auf dem Freiboden des alten Herrn Reimers ein Zimmer zugewiesen. Es war mehr ein Bretterverschlag ohne Heizung und zunächst ohne Kochgelegenheit. Um eine warme Mahlzeit am Tag zu uns zu nehmen, holten wir uns ein Essen aus einer Gemeinschaftsküche. Es gab weiße oder gelbe Suppe, Steckrü­benmus, Steckrüben in Milchsoße (oft angebrannt) immer nur Steckrüben, nie Kartoffeln. Meine Mutter ging zu den Bauern aufs Land und fragte, ja bettelte nach ein paar Kartof­feln, Möhren oder Schrot. Sie bekam vielleicht mal 5 Kartoffeln auf einer Müllschaufel ge­reicht, worüber wir uns sehr freuten. Die Bauern benötigten die Kartoffeln selbst für die nächste Aussaat. Das war verständlich.

Das Frühjahr kam und wir fanden Gelegenheit, bei den Bauern zu arbeiten, um ein paar Groschen zu verdienen. Rüben hacken wurde noch per Hand ausgeführt. Der Bauer ver­gab reihenweise Rüben, und wir hackten das Unkraut aus den Zwischenräumen aus und sammelten es in Körben ein. Bezahlt wurde nach Reihen. Wir konnten uns die Zeit eintei­len, so also der Mutter nach der Schule helfen.

Dann begann die Ernte von Gemüse und Getreide. Auf dem Gutshof in Louisenlund pflückten wir Bohnen und Erbsen im Akkord. Und wenn die Felder vom Getreide abgeern­tet waren, ging es mit dem Ährensammeln los. Der Müller in Götheby hatte Verständnis für unsere Notlage, nahm uns die Ähren ab und gab uns dafür eine Tüte Schrotmehl. Eine Wassersuppe mit Schrotmehl und Salz war eine Abwechslung auf unserem Speiseplan.

In den Herbstferien sammelten wir Kinder gerne bei den Bauern Kartoffeln. Um 7 Uhr mußten wir auf dem Hof sein. Dann setzten wir uns auf den Kastenwagen, und der Bauer lenkte die Pferde auf die Koppel. Er steckte für jeweils 2 Personen ein Stück Feld ab. Die Pferde spannte er vor die Erntemaschine und fuhr immer Runden um die Koppel. Ein Pflug schälte die Kartoffelfurchen auf, dabei drehte sich ein Schaufelrad mit einer Vorrich­tung, die die Knollen von Erde und Kraut abschüttelte. Wir sammelten emsig die Feld­früchte in einen Korb und brachten sie zu dem bereitstehenden Kastenwagen. Um 9 Uhr gab es Frühstück. Selbstgebackenes Mischbrot mit guter Butter und „Bauern-Mettwurst", dazu aus einer Wärmekanne heißen „Kornfrank-Kaffee" oder Saft. Ich freute mich schon immer auf das gute Brot, denn zu kaufen gab es zu der Zeit nur Maisbrot. Die Pause nutz­ten wir auch um unseren Rücken zu strecken. Wir ließen uns rückwärts über die Deichsel des Wagens hängen. Das entspannte. Dann ging das Sammeln wieder mit frischen Kräf­ten los. Wir Kinder beeilten uns, damit wir uns noch ein bißchen hinsetzen und ausruhen konnten, ehe der Bauer bei der nächsten Runde an unserer abgesteckten Strecke die Furche aufpflügte. Um 17 Uhr oder 18 Uhr war Feierabend. Dann gab es auf dem Hof in einer großen Diele Abendbrot. Dicke Gerstengrütze mit heißer Vollmilch, danach Bratkar­toffeln mit viel Speck und Zwiebeln. Lecker! Der Lohn wurde gleich ausgezahlt: 4,00 Mark am Tag und das Essen dazu. Wenn die Koppel abgeerntet war, gab der Bauer sie frei zum „Nachstoppeln". Verwandte kamen extra aus Kiel zu uns ins Dorf, um sich einen kleinen Wintervorrat zu schaffen. Wir hatten Glück und stoppelten an einem Nachmittag 3 Säcke voll. Aber wie die Kartoffeln nach Hause bringen? Ein Tischler aus unserem Ort verlieh kleine Handwagen. Der Kleine­re kostete 0,50 RM, der Größere 1,00 RM für den 1/2 Tag. Wir versteckten die Säcke zu­nächst auf dem Knick und deckten sie mit Ästen und Kartoffelkraut ab. Aber das Versteck war leer, die Enttäuschung groß.

Die Rübenernte fiel in die Schulzeit und war für uns Kinder viel zu schwer. Der Bauer
schenkte uns oftmals einige Körbe voll, auch Zuckerrüben. Diese wurden gewaschen, ge-
schrubbt, gekocht, der Saft ausgepreßt und zu Sirup dick eingekocht, den wir uns als
Brotaufstrich zu Kartoffel- oder Mehlklößen, zum Süßen oderdergl. schmecken ließen.

Im zweiten Frühjahr nach unserer Flucht mieteten wir uns einen Schrebergarten und ernteten die Früchte der Erde aus eigener Anpflanzung. Mir hat diese kurze „Ernte"-Zeit gezeigt, wie viel körperliche Mühe, Arbeit und Kraft man braucht, um die wertvolle Nahrung zu haben. Damals gab es noch keine großen Ernte- und Landmaschinen Ich kann heute
noch kein Brot wegwerfen.

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1946

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