Zeitenwende: Nachkriegserbe

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Nachkriegserbe

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Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 22.03.2013

Autor dieses Beitrags

Roman Grandis

Haupttext

Ich habe im Nachlaß meiner Oma ihre sehr bewegende Geschichte der schweren Monate in den Jahren 1945 und 1946 gefunden. Meine Großeltern wurden 1946 aus Saaz im Sudetenland (heute Zatec in Tschechien) vertrieben, nachdem sie nach Kriegsende nicht nur Demütigungen und Schmähungen, sondern auch unglaubliche Gräueltaten erleben mussten. Jetzt verstehe ich, warum meine Großeltern und Eltern zu Lebzeiten über diese Zeit nicht viel erzählen wollten und diese Erlebnisse in ihrem tiefstem Inneren verschlossen halten wollten. Meine Oma hat sich durch das Niederschreiben dieser Erlebnisse (auf allen möglichen Zetteln, bruchstückhaft und in ihren letzten Jahren teilweise nicht mehr leserlich) offenbar zu befreien versucht. Aber losgeworden ist sie diese schwere seelische Verwundung nie, wie diese sich offensichtlich über lange Jahre hinweg ziehenden Versuche zeigen. Solche Dokumentationen sind durch ihre Authentizität um ein Vielfaches eindrucksvoller als nüchterne geschichtliche Daten und sollten Pflichtlektüre für unsere nachfolgenden Generationen aller betroffenen Völker sein. Nicht um erneut Hass und Rachegefühle zu erzeugen, sondern um zu zeigen, wohin Ressentiments und Unterdrückung von Minderheiten und Andersdenkenden letztendlich führen kann! Aber für eine nachhaltige Versöhnung und ein darauf aufbauendes gegenseitiges Vertrauen für eine optimale Zusammenarbeit in unserem neuen Europa ist eine tabulose Aufarbeitung der Geschichte unabdingbare Voraussetzung. Dies ist aber bisher meiner Meinung nach nur unzureichend geschehen. Bisher wurde mit Recht die deutsche Verantwortung für die Katastrophe des Krieges mit seinen Folgen in den Vordergrund gestellt und tabulos aufgearbeitet. Alle Fragen nach der Verantwortung für an Deutsche begangene Verbrechen wurden entweder als Relativierungsversuche für die deutsche Schuld oder als revanchistisch oder sogar von nationalistisch geprägtem Gedankengut getriebene Versuche der Vertriebenenverbände abqualifiziert. Den Vertriebenen wurde oft unterstellt, sie wollten nur eine Wiedergutmachung/Entschädigung erreichen. Für ein Verbrechensopfer aber ist der Aspekt der Schuldanerkenntnis durch den Verursacher oder zumindest durch die für den Verursacher zuständige juristische Instanz außerordentlich wichtig und es ist unerträglich, zum erlittenen Unrecht noch zusätzlich den Freispruch des Täters erfahren zu müssen.

Nach mehr als 65 Jahren und besonders nach dem Gewinn der Freiheit bei unseren östlichen Nachbarn sollte es eigentlich möglich sein, einen reinen Tisch bezüglich unserer gemeinsamen Vergangenheit zu machen. Die bisher durchaus schon stattgefundenen kleinen Anfänge auf meistens privater oder kommunaler Ebene sind aber noch zu wenig. Um glaubhaft und nachhaltig zu sein, bedarf es einer deutlichen Sprache und Taten. Es dürfte nicht nur bei wachsweichen politischen Formulierungen bleiben wie in der Deutsch-Tschechischen Erklärung vom 21.01.1997, wo beide Seiten die jeweiligen völkerrechtswidrigen Aktionen nur "bedauern" und quasi den Mantel des Vergessens darüber decken. Seitens der Tschechen war ein größeres Zugeständnis mit der Angst vor eventuellen Regressansprüchen der Sudetendeutschen wohl bisher nicht möglich. Dies kommt auch durch die sogenannten Opt-out Klausel für Tschechien im Vertrag von Lissabon vom 13.12.2007 zum Ausdruck, in dem die Grundrechtecharta als nicht anwendbar bezeichnet wird, um mögliche Regressansprüche durch Sudetendeutsche (und Ungarn) zu verhindern. Da jetzt hier juristisch keine Ansprüche mehr hergeleitet werden können, sollte es endlich möglich sein, ohne Rücksicht auf mögliche unerwüschte Nebenwirkungen einen Befreiungsschlag zu wagen.

Es gibt nur noch wenige lebende Opfer und die ebenfalls noch wenigen lebenden Täter sind juristisch wohl auch nicht mehr zu belangen. Die Taten selber aber dürfen nicht vergessen werden und müssen ohne Rücksicht auf politische Befindlichkeiten aufgeklärt werden!

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Verganheitsbewältigung

Jahr

2013

Ort

Treia

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