Vermischtes: Der Käse ist fürs Abendbrot

[Titel und Untertitel

Der Käse ist fürs Abendbrot Eine Familiengeschichte aus dem Jahr, in dem ich "Horst Eckel" war

Mein Beitrag
Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 10.04.2009
Zuletzt bearbeitet am 21.04.2009

Autor dieses Beitrags

Günter Kanese

Haupttext

Hamburg, Februar 1992: Im Abfallbehälter, fest installiert im Mitarbeiterfahrstuhl der Hauptverwaltung eines großen Finanzdienstleistungsunternehmens, lag neben Bonbonpapier und einer Zigarettenkippe ein kleines, flaches, in Alufolie eingewickeltes Päckchen. Als Redakteur der Unternehmenszeitschrift von Berufs wegen neugierig, nahm ich es heraus, während der Lift mich abwärts beförderte.

In der Eingangshalle, in der an diesem Freitagabend bereits der Nachtpförtner seinen Dienst angetreten hatte, öffnete ich vorsichtig meinen silbrig glänzenden Fund und hielt eine Klappstulle in der Hand. Dick bestrichen mit Butter und mehr als gut belegt mit drei sich überlappenden Käsescheiben. Edamer, wie ich sachkundig feststellte. Und weil all das zusammen nicht nur appetitlich aussah, sondern auch so richtig frisch duftete, konnte ich nicht anders: Herzhaft biss ich hinein in das Käsebrot.

„Wohl noch nichts gegessen heute“, sagte der Pförtner, der mich interessiert beobachtet hatte. Ich ließ den ahnungslosen Kollegen von der Hausverwaltung in seinem Glauben, schluckte den Rest meiner lecker schmeckenden Mahlzeit hinunter, murmelte „Schönes Wochenende“ und machte mich auf den Heimweg. Während meiner Zugfahrt von Hamburg nach Neumünster, die ich meist dazu nutzte das Abendblatt zu lesen, ließ ich diesmal Zeitung Zeitung sein, schloss die Augen und dachte zurück an ein Ereignis aus Kindertagen, an das ich mich beim Verzehr der Klappstulle aus dem Abfalleimer schlagartig erinnert hatte.

Pinneberg, Juli 1954: Auf einer gleich hinter unserem Wohnblock gelegenen Pferdekoppel hatten meine Freunde und ich an einem hochsommerlich warmen Tag schon mehrere Stunden lang Fußball gespielt. Alle waren wir damals „Fritz Walter“ oder „Jupp Posipal“ oder „Toni Turek“ oder „Helmut Rahn“, denn mit diesen und den anderen „Helden von Bern“ war Deutschland im Juni überraschend Fußballweltmeister geworden.

Ich war „Horst Eckel“. Und genau wie mein Idol aus Kaiserslautern hatte ich mich beim Bolzen mächtig ins Zeug gelegt und dementsprechend mächtigen Hunger bekommen. Weil meine Mutter „Waschtag“ hatte, war das Frühstück gleichzeitig das Mittagessen gewesen, was sich nun bemerkbar machte.

Ich lief den kurzen Weg nach Hause, um mir von Mutti schnell „ein Brot“ schmieren zu lassen, doch mein Läuten an der Wohnungstür war vergeblich. „Deine Mutter ist noch in der Waschküche“, sagte die Nachbarin, die gerade vom Einkaufen kam. Zwar war ich kein für die damalige Zeit typisches „Schlüsselkind“, das den ganzen Tag alleine war, weil beide Eltern arbeiteten, doch meinen „eigenen Schlüssel“ besaß ich seit meinem 10. Geburtstag, den ich im März gefeiert hatte. Das verdankte ich meiner Mutter: „Der Junge muss doch in die Wohnung können, wenn wir mal beide nicht da sind“.

„Das Ding“, damit war der Schlüssel gemeint, „ verliert er doch bei der erstbesten Gelegenheit“, hatte mein Vater skeptisch erwidert. Dann aber hatte er nachgegeben und mir den Haustürschlüssel „mit Kette“ persönlich um den Hals gehängt.

Also schloss ich unsere Haustür auf, ging in die Küche und suchte im Schrank nach Brot und Margarine. Die karge Auswahl an Brotaufstrich, Omas Berthas selbst gemachtes Pflaumenmus und ein Becher Kunsthonig, das war nicht gerade nach meinem Geschmack. Und so schaute ich in die zu ebener Erde gelegene kleine Kammer, die in die Küchenwand eingelassen war und als Vorratsraum diente. An einen Kühlschrank war damals noch nicht zu denken. Gerade mal 45 Mark in der Woche verdiente mein Vater, der erst Ende 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen war, als Drechsler in einer Lederfabrik.

In der Kammer stand ein Teller mit Käsescheiben, säuberlich abgedeckt mit Pergamentpapier. Das wollte ich gerade entfernen, als ich hinter mir die Stimme meiner Mutter hörte: „Den Teller stell` mal wieder hin, der Käse ist fürs Abendbrot“, sagte Mutti, die, von mir unbemerkt, aus der Waschküche gekommen war. Und dann schmierte sie mir eine dicke Scheibe Brot mit Margarine und Kunsthonig, die ich gierig verschlang.

Auf halber Strecke zurück zu Pferdekoppel und Fußball fiel mir ein, dass ich meinem Freund Hans-Otto, der „Werner Liebrich“ war, sein Buch zurückgeben wollte. Es hieß, ich weiß es bis heute, „Sommertage im Försterhaus“.

Ich lief noch einmal zurück und hastete die Treppen bis in den dritten Stock hinauf. Mit meinem Schlüssel öffnete ich die Wohnungstür und hörte laute Schlagermusik. Aha, Mutti war also noch oben und nicht schon wieder am Waschbottich. Ich sah in die Küche. Vor der kleinen Vorratskammer hockte meine Mutter, hielt den Teller mit Käse in der Hand und war gerade dabei, sich eine der Scheiben in den Mund zu stecken. „Der Käse ist fürs Abendbrot“, rief ich laut. Meine Mutter, die mich nicht hatte kommen hören, drehte sich, zutiefst erschrocken, abrupt zu mir um: „Ich hatte plötzlich solchen Appetit auf ein Käsebrot“, sagte sie, und sah mich entschuldigend an.

Doch urplötzlich, wie auf Kommando, begannen wir beide aus vollem Hals zu lachen. Wir lachten und lachten – und konnten fast gar nicht mehr aufhören. Und später, beim gemeinsamen Abendbrot, lachte mein Vater schallend mit über die Geschichte, die in der Familie noch Jahrzehnte lang immer wieder zum Besten gegeben wurde, wenn von unserem Leben in den „frühen Fünfzigern“ die Rede war.

Eine Klappstulle, dick bestrichen mit Butter und mehr als gut belegt mit drei sich überlappenden Käsescheiben, wie gern wohl hätte meine Mutter mir damals, im Jahr als ich „Horst Eckel“ war, eine solche Köstlichkeit in die Hand gegeben

Bilder
Bewertungen
Wie anschaulich finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 2Jetzt bewerten
Wie informativ finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 2Jetzt bewerten
Weitere Informationen
Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Abfalleimer, Klappstulle

Jahr

1992

Pinnwand

  • Auf dieser Pinnwand wurden noch keine Einträge hinterlassen.

Hier anmelden

Sie sind noch kein Mitglied der Community?

Jetzt beteiligen

Jetzt einen Beitrag verfassen