Vermischtes: „The same procedure as every year”

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„The same procedure as every year” Muschelputzen bei Kolle

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Ersteller und Datum

Erstellt von Friedrich-Wilhelm Trottmann am 05.02.2017

Haupttext

 

„The same procedure as every year”

Muschelputzen bei Kolle oder eine Antwort auf die Frage: Wie fing alles an? 

Auf die Leiter steigen heißt es wieder für die 77- jährige Seniorchefin Erika Kolle vom gleichnamigen Restaurant „Kolles Alter Muschelsaal“ in der Hafenstraße.

Jedes Jahr ab Mitte Januar klettert Erika Kolle auf die Leiter und ran geht es an die etwa 100 000 Muscheln, die den ganzen Saal an den Wänden schmücken. In dieser flauen Zeit ist es auch in der Gastronomie etwas ruhiger, so dass man für einige Tage schließen kann. Sämtliche raumhohe Gardinen sind dabei auch abzunehmen und zu reinigen, und das sind bei diesem großen Saal nicht wenige.

Die  Muscheln müssen alle einzeln mit einem feuchten Tuch und kleinen Bürsten vorsichtig gereinigt werden, denn mit den Jahren sind sie etwas brüchig geworden. Allein an der Uhr sind etwa 1600 Stück wieder auf Hochglanz zu bringen, damit sich die Gäste daran erfreuen können. Die Gästelotsen vom Büsumer Tourismus- und Marketing-Service (TMS)  lassen diesen Muschelsaal nicht aus, er ist fester Bestandteil auf ihrer Tour durch Alt-Büsum. Neben den vielen tausenden Muscheln verziert auch  eine Galionsfigur „Wilhelmina“ eine Wand. Sie strandete einst vor Amrums Küste. Die im hinteren Teil des Saales zu findende Gallionsfigur stand früher am Eingang in der Hafenstraße. Doch weil die vorüberziehenden Pferde bei ihrem Anblick scheuten, wurde sie in den Saal verbracht. 

In der Hafenstraße 27 stand früher einmal die Fischerkneipe „To de lüdde Wirtschaft“ oder auch „To de lüttje Weertschopp“ genannt. Sie wich der „Fischerbörse“, die an gleicher Stelle 1901 im Auftrage vom Eigentümer Adolf Siegfried errichtet wurde. Leider ging beim Abbruch des alten Gebäudes im Jahre 1900 das Gründungsbuch des Fischer-Vereins verloren, denn hier in dieser alten Fischerkneipe wurde 1898 der Verein gegründet. Carl Richter kaufte das Gebäude im Jahre 1907.

Beim Stammtisch kam von Malermeister Busch die „Grogidee“ auf, die Kurgäste mit einer Gaststube zu locken, die komplett mit Muscheln ausgekleidet war. Die Idee schlug bombastisch ein, so dass Malermeister Busch 1914 auch den Saal mit Muscheln und Muschelgemälden verzierte, später auch den vorderen Teil des Lokals.

Im Januar 1919 verkaufte Carl Richter die „Fischerbörse“ an Claus Albrecht, am 13. Februar 1920 kaufte Carl Kolle den Muschelsaal und baute das Lokal im Mai 1939 mit weiteren Muscheln aus, so wie es heute ist. Sohn Werner Kolle machte 1948 seine Prüfung als Kellner auf Sylt im „Stadt Hamburg“ und stieg in den Betrieb ein. Von 1959 führte Werner Kolle und Ehefrau Erika, geborene Dorn „Kolles Alter Muschelsaal“. Heute wird er von Karl-Heinz Kolle mit Ehefrau Heidi und Sohn Erik, der 23-jährige Koch studiert Betriebswirtschaft, betrieben. 

Rund um diesen mit Muscheln geschmückten Saal gibt es so manche nette Geschichten von Erika Kolle zu erzählen.

Mit Pferd und Wagen ging es früher durch die Alleestraße zum Olen Hoov, dem heutigen Museumshafen. Dort wurde das gerade geerntete Getreide auf dort liegenden Schuten verladen. Sodann musste das Korn auf seine Feuchtigkeit untersucht werden. Dazu war als Untersuchungsraum Kolles Alter Muschelsaal mit seinen großen Ausmaßen prädestiniert. Die Kornproben wurden auf der Tanzfläche in lütten Hupen ausgebreitet. Doch die damalige Chefin Martha wollte nur grote Hupen zulassen, denn nach der Prüfung wanderten die Kornproben in der eigenen Küche zum Brotbacken.

Der Muschelsaal war auch stets Treffen der Büsumer Geschäftsleute, wie Erika Kolle anmerkte. Korn wurde dabei in flüssiger Form ordentlich konsumiert. Die damalige Chefin Martha Kolle musste Nachschub aus dem Keller holen, doch sie blieb zu lange weg und alle wurden ungeduldig ob ihres Durstes. Martha war leider in den Brunnen gefallen und wurde beim Nachsehen entdeckt. Der hölzerne Deckel wurde repariert und erst gegen einen aus Beton ausgewechselt, als auch Karl Kolle im Brunnen landete. 

Eine nette Geschichte mit gutem Ausgang rankt sich auch um die mit etwa 16000 Muscheln verzierte Uhr.

Das Schlagwerk dieser schönen Uhr machte sich alle Viertelstunde bemerkbar. Bei den vielen Feiern auf dem Saal wie Tanzvergnügen wurde der Glockenschlag zu später Stunde als Mahnzeichen für den baldigen Aufbruch empfunden. Das durfte natürlich nicht sein, denn die Gäste sollten weiterfeiern, sich wohlfühlen und den Speisen und Getränken weiterhin zusprechen. Man kam überein, das Schlagwerk auszubauen, um Ruhe zu haben. Nachdem der Saalbetrieb eingestellt worden war, erinnerte man sich an das ausgebaute Innere der Uhr und bedauerte den Verlust. Doch da hatte man nicht mit der Voraussicht von Erika Kolle gerechnet. Das ist doch kein Problem, dann bauen wir es wieder ein, bemerkte sie so beiläufig. Das haben wir doch alles weggeschmissen, wurde ihr dann vorgehalten. Doch Erika Kolle hatte alle Teile fein säuberlich in Tücher eingewickelt aufbewahrt. Dem befreundeten Büsumer Uhrmachermeister Thorsten Kremin bereitete es ein Vergnügen, dieses Prachtstück von Uhr wieder in den Urzustand zu versetzen. Ende gut, alles gut!

Bei einem Glas Wein erzählt Erika Kolle in den Muschelputzpausen gerne Geschichten aus alter Zeit, die aufzuschreiben eigentlich ein Muss sein sollten, denn mit der Zeit werden sie sonst in Vergessenheit geraten.

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Bildunterschrift

Erika Kolle auf der Leiter beim Muschelputzen

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Kolles Alter Muschelsaal;Restaurant;Muscheln

Jahr

2017

Ort

Büsum

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