Vermischtes: Winter

[Titel und Untertitel

Winter

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Ersteller und Datum

Erstellt von Sabrina Böhmer am 17.12.2016

Autor dieses Beitrags

Ursula Horn

Haupttext

Dies ist  eine  sehr  alte  Geschichte,  da  alles  ca.  70  Jahre  zurück!legt. Gleichzeitig  ist  es  eine  neue  Geschichte, weil  sie  in  seiner  Erinnerung und  Sehnsucht  immer  noch  so  lebendig  ist,  als  hätte  ich  sie  gerade  erst erlebt.Meine  Lieblingsjahreszeit  war  und  ist  der  Winter. -  Das  ist  auch  ein  Grund warum  nein  Mann  und  ich  nach  unserer  Berufstätigkeit  ins  Allgäu  gezogen sind.  Hier  können  wir  die  Berge  und  die  verschneite  Landschaft  genießen. Sehr  gerne  sind  wir  mit  unseren Langlaufskiern  auf  den  verschiedenen Loipen..Vorher  haben  wir  30  Jahre  auf  der  Insel  Sylt  gelebt.  Beide  Söhne  sind  dort geboren.  Wie  sehr  habe  ich  es  immer  bedauert, dass  meine  Kinder  keinen Winter  mit  viel  Schnee  kennenlernten.  denn  es  schneite  auf  Sylt  sehr selten:  und  Berge  gibt  es  dort  auch  nicht. Nun  besuchen  sie  uns  oft  im  Winter, da  beide  (wie  ich)  eine  Vorliebe für  die  kalte  Jahreszeit  haben. So  hofft  jetzt  die  ganze  Familie  auf  schneereiche  Weihnachtstage.Zurück  zum  Anfang! Als  Kind  wohnte  ich  in  einer  kleinen, von  Bergen umgebenen  Stadt  in  Hinterpommern, die  seit  Ende  des  2.  Weltkrieges  zu Polen  gehört.  Hochgebirge  gab  es  dort  nicht, aber  für  uns  Kinder  waren die  Berge  „hoch".  Im  Frühjahr  1946  wurden  wir  von  den  Polen  vertrieben.Die  Winter  waren  lang. Wenn.  der  Nikolaus  am  6.  Dezember  die  Stiefel  füllte, die  wir  vor  die  Tür  gestellt  hatten,  lag  schon  viel  Schnee.Morgens  waren  die  Fensterscheiben  total  mit  Eisblumen  befroren.  Sie bildeten  wunderhübsche  Muster;  und  mein  Bruder  und  ich  überlegten,  welche Blumen,  Bäume.  Tiere  usw.  sie  darstellten.  Unserer  Fantasie  waren  keine Grenzen  gesetzt.  Wir  versuchten.  mit  den  Fingern  "Straßen"  zu  zeichnen, aber  das  gelang  meistens  nicht, da  die  Eisschicht  zu  dick war. Mit vielem Hauchen konnte man aber „Gucklöcher“ entstehen lassenDas machte viel Spass!Für  solche  Spiele  hatte  ich  morgens  wenig  Zeit,  da  ich  mich  für  die Schule  fertig  machen  mußte.  Das  Unangenehmste war  das  Anziehen.!Man  stelle  sich  einmal!  vor,  wie  es  damals  war:  Unterhemd,  darüber  ein dickeres  Leibchen  mit  je  z«ei  langen.  Lochgummis  an  beiden  Seiten:  daran wurden  die  von  Oma  oder  Mutter  aus Schafwolle selbst gestrickten  langen Strürpfe  befestigt.  Die  Strümpfe kratzten  fürchterlich  auf  der  Haut. aber  es  gab  kein  Pardon - man kannte  es  nicht  anders.  Solche  Strümpfe waren  wohl  ein  Horror  für  alle  Kinder! Eine  dicke,  innen  angeraute lange  Hose  und  ein  ebenfalls  kratziger  selbstbestrickter Pullover vervollständigte  unsere  Garderobe. Auf  dem Schulweg-  sah  ich  mehrere  Pferdeschlitten.  Die  Bauern  brachten ihre  Erzeugnisse  zu  den  Geschäften  oder  auf  den  Markt.  Die  Straßen  waren nur  notdürftig  geräumt  und  niemals  gestreut.  Die  Pferdeschlitten, die von  1  oder  2  Pferden  gezogen  wurden, brauchten  eine  feste  Schneedecke auf  den  Straßen.  Manchmal  war  es  so  glatt, dass die  Pferde  ausrutschten und  hinfielen.  Nur  sehr  mühsam und  mit  Hilfe  von  ausgebreiteten  leeren Säcken   aus  Jute  konnten  sie  wieder  aufstehen.  Leider  mußte  ich  auch  sehen, dass  ungeduldige  Männer  die  Pferde mit  der  Peitsche  schlugen,  wenn  diese nicht  schnell  genug  wieder  noch  kamen.Nach  Schule,  Mittagessen  und  Hausaufgaben,  die  wir  in  der  Grundschule mit  Griffeln  auf  eine  Schiefertafel  schrieben, ging es  raus  in  die  weiße Pracht!  Mit  meinen  Schulfreundinnen  traf  ich  mich  zum  Rodeln  oder  Schlittschuhlaufen. Letzteres  war  nicht  oft  möglich,  weil  zu viel  Schnee  auf dm.  zugefrorenen  See  lag. Die  Jungen  schoben  sich  dann  ein  rechteckiges Feld  frei,  um  Eishockey  zu  soielen.  Uns  Mädchen  ließen  sie  nicht  mitspielen.Aber  wir  hatten  unseren  "Hausbeg’’  (siehe  Foto).  Von  ganz  oben, vom Ausflugslokal  "Schöne  Aussicht"  hatte  man  eine  super  Rodelbahn  mit Serpentinen  und  weiten  Kurven  bis  auf  die  Sraße.  Der  Aufstieg war  lang und  beschwerlich, so  dass  wir am Nachmittag  nur  einmal  abfahren  konnten, wenn  wir  ganz  nach  oben  gingen. Bevor  man.  aber  rodeln  konnte, mußte  man  "arbeiten’'!  Geräumte, gewalzte Rodelbahnen,  wie  hier  im  Allgäu,  gab  es  nicht!- Mit  kurzen  Brettern, die  wir  mit  Bindfaden  oder  Tauen  unter  unsern  Schuhen  befestigten, traten und  trampelten  wir  den  Pulverschnee  zusammen,  um  eine  befahrbare  Bahn zu  bekommen. Viele  Helfer  fanden  sich  immer  ein;  Schulkinder  und  Erwachsene; denn  alle  freuten  sich  auf  eine  perfekte  Rodelbahn.Selten  bekamen  wir  Unterstützung  von  Waldarbeitern. Normalerweise  sollten ihre  Pferde  Baumstämme  aus  dem  Wald  herausziehen. Uns zuliebe schirrten  sie einen  mittleren Baumstamm  quer an und  führten  das  Pferd  den  breiten  Waldweg  hinauf. Unsere Rodelbahn  wurde  dadurch  bestens  geglättet. Welch  ein  Spaß,  wenn  wir  endlich  mit  unseren  Schlitten  den Berg  hinuntersausen  konnten! Ich  höre  noch  heute  in meinen  Gedanken  das  Rufen: „Achtung, die  Kleine  kommt!“ und  die aufsteigenden  Rodler  nachten  mir  Platz.Alle  Mädchen  sassen,  auf  ihren  Schlitten; die  Jungen  legten  sich bäuchlings  drauf. Ihre  Schuhspitzen  wurden  beim  Bremsen.  arg strapaziert.  Aber  auch  meine  Mutter  verlor  einmal  an  einer steilen Stelle  beim Bremsen beide  Absätze  von ihren Stiefeln.Bei einsetzender Dunkelheit  musste ich  zu  Hause sein. So gerne ich  auf  der  Rodelbahn  war, so  sehr  freute ich  sich  auf das Nachhausekommen. Oft  gab  es  nämlich etwas  Besonderes!! Der Kachelofen  im  Wohnzimmer  hatte oben  eine  Ofenröhre  mit  einem Türchen. Manchmal  stand  mein  Puppenbügeleisen  darin, aber  öfters brutzelten  dort  Bratäpfel  mit  etwas  Zucker  bestreut.  Welch eine  köstliche  Leckerei!! Jeder  bekam  sein  Tellerchen mit einem  Bratapfel.Wenn  der  Bratapfel  verspeist  war, wurden  Spiele  gespielt:Mensch  ärgere  dich  nicht, Fang  den  Hut, Quartett  und  anderes mehr. Das  war  immer  sehr  gemütlich! Oma  bemühte sich, uns Kinder  gewinnen  zu  lassen aber  wir  hatten  auch  unsere Tricks.Meine Mutter  beteiligte sich  nicht  oft  an  Spielen. Sie saß auf  der  Ofenbank  und strickte. Hauptsächlich  strickte sie für die Familie. Aber  es  wurden  auch  Wollsocken gebraucht, die für  die Soldaten  an  die  Front  geschickt  wurden.Fast jeden Tag ging  es  nach  draußen. Heutzutage  verbringen  die Kinder  viel  Zeit  vor  den  Computer  oder  Fernseher. Das  gab  es damals ja  noch  nicht. Also  raus!! Nur  Sturm, starkes Schneegestöber  und  große  Kälte  konnte  uns  zurückhalten. Als ich  trotzdem  einmal  bei sehr  schlechten  Wetter  heimlich  aus dem  Haus  wollte, erwischte  mich  mein  Vater, der  gerade auf Fronturlaub zu  Weihnachten  zu  Hause  war. Ich  bekam  die  erste und  einzige  Tracht  Prügel! (die allerdings  nicht sehr  ernst gemeint  war). „Bei solchen  Wetter  kann  man.  sich  den  Tod  holen!”, sagte  er.Erkältungen  mit  Husten, Schnupfen  und  leichtem  Fieber  blieben natürlich  nicht  aus. Da  hatte  meine  Oma  ihre  besonderen Methoden, mich  und  meinen Bruder  zu  kurieren: nasse (zuerst)kalte  Wadenwickel  mit  Hand- und  Wolltuch  abgedeckt, heißen Holunderbeersaft  mit  Wasser  verdünntn(von  uns  Saftwasser  genannt)b mit  etwas  Honig, dazu  ein.  Zuckerei (1 Ei ordentlich schaumig  geschlagen  mit  Zucker)!bDas  ließ  sich  alles  ertragen. Aber  bei Schnupfen  mussten  wir  lauwarmes  Salzwasser  durch  die Nase  hochziehen. Furchtbar!  Aber  es  half!Eine  besondere  Freude  war  es, wenn  meine  Kusine  vom  nahegelegenen  Gut uns  besuchte. Sie  ist  etwas  älter  als ich  und  kam im Winter  mit einem Schlitten, der  eine Sitzbank  für  2-3  Kinder hatte. Dieser  Schlitten  wurde  von  einem kastrierten  Ziegenbock gezogen. Ein  kräftiges, gutmütiges  Tier! Mein  Onkel  hatte dieses  Gefährt  extra  so  gebaut, dass  es  im  Winter  mit  Kufen, im Sommer mit Rädern fahren  konnte.So machtennwir  Schlittenfahrten  auf  verschneiten  Waldwegen, über der.  zugeschneiten  See und  über  die  Felder. Unberührte  Pulverschneeflächen  verleiteten  uns  dazu, anzuhalten  und  „Figuren” in dem  Schnee zu  zaubern. Beliebt  waren  die „Engel”. Man.  legt sich  vorsichtig  lang  auf  den  Rücken  in  der.  Schnee. Dann wird mit ausgestreckten  Armen  seitlich  von  unten  nach  oben  auf  den Schnee  geklopft; das  sieht  dann  wie  Engelflügei  aus.  Das  Aufstehen, ohne  etwas  kaputt  zu  machen, ist ein  bißchen  schwierig.Der  Ziegenbock  ließ  sich  so  leicht lenken, als  hätten  wir  ein Pony  davor  gespannt. Ee hat uns  nie Schwierigkeiten  gebracht.Noch  etwas  möchte ich  erzählen, das  die  damalige  Winterzeit  von der  heutigen unterscheidet. Sommer  wie  Winter  mußten  wir  das Wasser  zum  Trinken kochen, Waschen  usw. mit  Eimern  von  der Pumpe  auf  unseren  Hof  holen. In  der Kueche  war  eine sog.Wasserbarnk. Dort standen immer  zwei  Emailleeimer  mit  Wasser. Für die Winterzeit  wurde die  Pumpe  mit  viel  Stroh  und  Sackleinen umwickelt. um  sie  vor  dem  Einfrieren  zu  schützen. Aber  es passierte trotzdem! Nun  wurde es  schwierig, an Wasser  zu  kommen.Es  gab  nur  eine  Pumpe  für  alle  Bürger  auf  dem  Marktplatz, die ständig  lief. Von  dort  .mußten  auch  wir  Wasser  holen. Ein  Fußweg von  ein paar  hundert  Metern! Anstrengend  und  Schwer! Manchmal stellten  wir  die  gefüllten  Eimer  auf  einen  Schlitten; aber  durch das  Wackeln  und  Schaukeln  auf  dem Heimweg  waren  sie  dann  nur noch  halb  voll. Man kann sich  vorstellen, dass  wir  versuchten, mit sehr  wenig  Wasser  auszukommen. Wir  Kinder  freuten  uns  über eine „Katzenwäsche" anstelle  ausgiebigen  Waschens  mit  kaltem Wasser.Wie  gut  haben  wir  es  heute, dass wir  auch  im  Winter  nur  den Wasserhahn  aufdrehen  muessen, um  kaltes  und auch  warmes  Wasser  zu bekommen!!
Ich  freue  mich  über  den  schneereichen  Winter, der  schon  begonnen hat.Gerne schaue ich  den  Kindern  und  Jugendlichen  zu, wenn  sie  auf Skiern, Kurzski oder  Snowboard  die  Hänge  herunterfahren; auch wenn  ich  da  nicht mehr  mithalten  kann.Einen  Schlitten  habe ich  aber  gekauft! Ob  ich  mich  nochmal auf  eine  Rodelbahn  wage?Nachtrag: Die  beider,  letzten  Winter  (19-14./45) und (1945/46), die ich  in meiner  Heimat  verlebte, waren  von Angst, Schrecken  und vielen  Grausamkeiten  geprägt. Die  Russen  hatten  das  Land besetzt; Später  kamen  die  Polen  dazu. Mein  Vater  war  an  der  Front, Meine Mutter  von  den  Russen  verschleppt. Mein  Bruder  und  ich  mußten versuchen  zu  überleben. Wir  haben  es  geschafft!Davon  zu  erzählen  wäre  eine  weitere  Geschichte.

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Turm vom Hotel und Restaurant "Schöne Aussicht"

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Rodeln, Schnee, Winter

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