Vermischtes: Halloween contra Rummelpott

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Halloween contra Rummelpott

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Ersteller und Datum

Erstellt von Sabrina Böhmer am 05.08.2016

Autor dieses Beitrags

Maren von Pluta

Haupttext

 

Ich habe wohl nicht genügend geschmückt. Es sind keine Kinder gekommen“, bedauert eine Moderatorin der NDR-Welle  Nord am  Tag nach Halloween. Ich sehne die Besuche der Grusel-Kids nicht unbedingt herbei, habe deshalb die Wohnungstür, die Fenster, oder was die Moderatorin als Deko-Objekte genutzt hatte, auch nicht Hallcween-gerecht ausstaffiert.  Süßigkeiten  waren  allerdings  sicherheitshalber angeschafft  worden.  Wer  den  Halioween-Gespenstem  keine  gar  nicht  so  milden Gaben  überreichte,  musste  mit  auch  nicht  gerade  sanften  Racheakten  rechnen.

Gesprengte  Briefkasten,  brennende  Postsendungen,  mit  zerdepperten  Eiern  und Farbklecksen  beschmierten  Wanden  zum  Beispiel.  Also  lagerten  grellbunte  Leckerli im Hausflur,  direkt  neben  der  Eingangstür.  zur  raschen  Übergabe  bereit,  damit  die Süßigkeiten-Sammler  gar  nicht  erst  Zeit  für  Grafflty-Schmierereien  hatten. Es  kamen  keine  Kids  Die  Leckerlis  würde  ich  bis  Silvester  aufheben,  beschloss  ich. Gelegentlich  zogen  dann  noch  Rummelpott-Läufer  durch  den  Ort  mit  der  Bitte  um ebenfalls  nicht  zu  müde  Gaben.  Dieser Brauch  hatte  in  früherer  Zeit  wohl  helfen sollen,  böse  Geister  zu  vertreiben.  Das  geschah  mit  Hilfe  des  Rummelpotts,  eine Schweinsblase,  die  man  auf  eine  Blechdose  gespannt  hatte.  In  die  Blase  war  ein Reethalm  eingebaut.  Durch  Reiben  des  Halms  ließ  sich  ein  besonders  Geräusch erzeugen.  Zu  dieser  Begleitmusik  sangen  die  Kinder  ein  plattdeutsches  Lied.  Es begann  mit:  „0!d  Johr,  nee  Johr,  Mudder  sünd  de  Fotten  gor?“  Das  bedeutete:  Ist das  in  Schmalz  gebackene,  Berlinern  ähnliche  traditionelle  Gebäck  für  den Jahreswechsel  fertig  gestellt*.  Wenn  ja,  gib  uns  welche,  wenn  nicht,  nehmen  wir auch  was  anderes.

In  meiner Kindheit  gehörte  das  Rummelpott-Laufen  zum  festen Ritual  im Jahresablauf.  Ich  erinnere  mich  an  einen  Beutezug  durch  den  Ort.  von  dem  ich  mit selbst gebackenen  Schmalz-  und  Pfeffernüssen  zurückkehrte,  die  nach  einem  seit langer  Zeit  benutzten  Wischtuch  schmeckten.  Heute  würde  man  dazu  Allzwecktuch sagen.  Damals  nutzte  man  den  .Lappen*  zum  Abwasch,  zum  Reinigen  von Arbeitsflächen,  Holzbrettern,  Kuchenblechen.  Der  Wischlappen  war  offenbar  schon seit  Monaten  in  Gebrauch.  Wahrscheinlich  hatten  einige  Frauen  ihn  sich ausgeliehen.  So  ließ  sich  vielleicht  der  intensive  Wischlappen-Geschmack  vieler Schmalznüsse  erklären.  Es  befanden  sich  auch  einige  Apfel  in  dem  Stoffbeutel, in den  ich  die  Silvester-Schätze  gepackt  hatte.  Sie  waren  winzig,  verschrumpelt. glichen  ehe'  Rosinen  als  Äpfeln,  waren  mit  schwarzen  Flecken  übersät.  Produkte aus  der  Ernte  von  vor  eineinhalb  Jahren,  würde  man  heute  vermuten.  Aber  damals gab  es die heutige  Form  der  Frischhaltung  noch  nicht.  Es  waren  Früchte  vom  letzten Herbst. Meine  Mutter  hatte  Schokolade  und  Pralinen  gekauft  für  die  Rummelpott-Läufer:  Die von  mir  gelebten  Katzenzungen  sowie  Pralinen  mit  sehr  süßem,  unterschiedlich gefärbten  Inhalt.  Die  Katzenzungen  lagen  einzeln  in  der  Hülle,  also  mussten  die Kinder  nicht  auseinander  brechen,  um  sie  zu  teilen.  Für  de  Praletten  galt  das ebenfalls  Meine  Mutter  hatte  weit  gedacht.  Und  nun  so  was:  Ich  kam  mit  einer  Beute in  Schmierlappen-Qualität  zurück!.  Das  war  nicht  gerecht1.  Ich  liebte  Katzenzungen und  Pralinés.  Im  nächsten  Jahr  würden  wir  den  Rummelpctt-Läufem  die  Tür  nicht offnen  -  und  ich  würde  gar  nicht  erst  aufbrechen,  um  verschimmelte  Lebensmittel einzusammeln.  Meine  Mutter  hat  den  Einfall  wohl  als  erste  gehabt  aber  ich  war  nicht voll  dagegen. Als  wir  im  folgenden  Jahr  am  frühen  Silvesterabend  in  der  Feme  den  Sing-Sang  der Rummelpott-Laufer  hörten,  haben  wir  rasch  die  Lichter  der  Kerzen  am Weihnachtsbaum  ausgepustet  und  die  kleine  Stehlampe  neben  dem  Telefon angeschaltet  .  Mein  Vater  war  mit  dem  Auto  zu  einem  wichtigen  Kunden  gefahren. dessen  Wagen  ausgerechnet  an  Silvester  streikte  Vati  würde  sich  bemühen,  den Mercedes  wieder  flott  zu  machen.  Also  stand  kein  Wagen  auf  der  Auffahrt  zu unserem Haus  Die  Rummelpottläufer  konnten  annehmen,  dass  die  ganze  Familie unterwegs  war.  redeten  wir  uns  ein.  Aber  eigentlich  war  uns  klar  Nachbarn  hatten sicher  beobachtet,  dass  nur  eine  Person  im  Auto  gesessen  hatte.  Sie  wussten  alles Auch  dass  wir  Silvester  Würstchen  mit  Kartoffelsalat  (ohne  Mayonnaise)  aßen Wahrscheinlich  wussten  sie  auch,  dass  wir  Weihnachten  .Grüße  an  die  Seeleute  an Bord  ihrer  Schiffe*  hörten.  Wenn  jemand  während  eines  kurzfristigen  Aufenthaltes auf  der  Straße  aufmerksam  lauscht,  kann  er  feststellen,  welchen  Radiosender  die Nachbarn  eingeschaltet  haben. An  diesem  Silvesterabend  haben  die  Rummelpott-Kids  uns  .verschont*  mit  ihrem Besuch Früher  war  die  Strafe  nicht  so  hart,  wenn  man  ihnen  die  Tür  nicht  öffnete. Sie  sangen  lediglich  ein  Spottlied.  .Wtten  Tweem,  swarten  Tweem.  dusse  Olsch,  de givt  nicht  geem.*  Nicht  mal  das  haben  sie  an  diesem  Abend  getan. In  der  Jetztzeit  haben  die  zu  Halloween  angeschafften  Süßigkeiten  nicht  bis  Silvester vorgehalten  Ein  Großteil  der  quietschbunten  supersüßen  Leckereien  wurden  von einer  erwachsenen  Person  verzehrt,  die  diese  Produkte  für  extrem gesundheitsschädlich  hält  -  und  die  für  die  Rummelpott-Läufer  neue  Zahnkiller angeschafft  hat.  Falls  die  Rummelpott-Kids  nicht  kommen  sollten  -  bis  Ostern  wird der  Verrat  verzehrt  sein,  vermute  ich. In  einem  anderen  Teil  Schleswig-Holsteins  wird  dieser  Silvesterbrauch  in  etwas anderer,  sehr  interessanter  Form  gepflegt  Auf  Sylt  gibt  es  das  „unter  Maske  Laufen“ Eine  leider  vom  Aussterben  bedrohte  Sitte.  Die  Bewohner  eines  Ortes  treffen  sich kostümiert  im  Haus  einer  Person,  singen  Spottlieder.  Nachmittags  kommen  zum Beispiel  Kinder  als  Fußballer  verkleidet  tragen  Spottsongs  zum  Thema  Fußball  vor. Abends  nehmen  Erwachsene  Sylt-Intemar  aufs  Kom.  Eine  junge  Frau  spielt  zum Beispiel  eine  gescheiterte  Kandidatin  um  den  Job  der  Bürgermeisterin  im  knallengem Rock  und  Lackstiefeln. Es  werden  aber  auch  Streitereien  unter  Nachbarn  aufs  Korn  genommen,  zum Beispiel  im  Bananen-Song  (ein  Bewohner  des  Ortes  hat  einem  anderen  Bananenbrei an  die  Fenster  seines  Hauses  geschmiert).  Mir  würde  das  "Laufen  unter  Maske"  als Ersatz  für  das  mit  dem  Rummelpott  in  meinem  Dorf  gut  gefallen.  Ich  würde  ein  Lied singen  über  die  Nachbarin,  bei  dem  Heidi  Kabel  für  den  Tratsch  im  Treppenhaus noch  was  lernen  kann.

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Rummelpott

Jahr

2016

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