Vermischtes: Meine Zeit in New York

[Titel und Untertitel

Meine Zeit in New York

Mein Beitrag
Ersteller und Datum

Erstellt von Sabrina Böhmer am 04.03.2015

Autor dieses Beitrags

Renate David

Haupttext

Anfang der 60. war ich in Amerika, es war die Zeit der Rassenunruhen und der Kubakrise. Die Idee auszuwandern bekam ich auf Sylt. Denn als der Krieg endlich zu Ende war, hatte meine Mutter einen Wunsch: endlich einmal wieder nach Sylt. 

Unsere erste Sylt-Reise war ein richtiges Abendteuer. Meine Mutter hatte einen großen Koffer gepackt und in einen Rucksack Kartoffeln und andere Lebensmittel verstaut, d.h. alles was sie so hamstern konnte. Mein Vater brachte uns mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof. Es gab ein Problem, denn irgendwo auf der Strecke sollten Bomben liegen. Wir hätten aber die Möglichkeit mit einem Lkw bis Cuxhaven zu fahren und dann mit dem Dampfer weiter. Auf der Ladefläche des Lkw’s standen zwei Bänke, auf denen wir mit einigen anderen Reisenden ziemlich zusammengepfercht saßen. Es dauerte einen Tag, bis wir endlich auf der Insel waren. Mit der Inselbahn ging’s dann nach List.
Meine Mutter hatte ein Zimmer mit Küchenbenutzung gemietet. Jeden Vormittag gingen wir zum Hafen, um Fisch zu kaufen, fangfrisch, direkt vom Kutter. Von 12 bis 13 Uhr durften wir die Küche benutzen, in der wir auch aßen. Nachdem wir das Geschirr abgewaschen hatten gingen wir zum Strand. Es war eine tolle Woche. 

Die Wirtin erzählte uns, dass ihre Familie in Amerika lebte und sie nun auch auswandern wollte. Sie schwärmte von Amerika und erzählte, was sie dort alles machen würde. Ich war ganz einfach fasziniert. Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, einem Traumland! Wer wollte damals nicht dort hin?

Einige Geschwister meiner Mutter und ihr Patenonkel lebten in Amerika, und so beschloss ich auch auszuwandern. Meine Mutter fand das nicht besonders witzig. Tröstete sich aber damit, dass ich erst die Schule zu Ende machen und „etwas Vernünftiges“ lernen müsste. Danach, meinte sie, hätte ich andere Pläne und diese Flausen vergessen. Aber ich würde auswandern, da war ich mir ganz sicher.

Und ich hatte Glück, mein Onkel bürgte für mich und ich bekam eine green card. Außerdem hatte ich einen - sogar gut bezahlten - Job gefunden als secretary shorthand typist in New York! Das Büro lag am Broadway, Nr. 29, im 15. Stock mit Blick auf die Statue of Liberty.
Mit der „Herta Engeline Fritzen“, einem kleinen Frachtschiff der Fritzen-Reederei war ich von Antwerpen nach Kingsbay, Georgia gefahren. Als einziger Passagier an Bord.
Kingsbay ist eine Ministadt. Ein Zug hielt nur auf Antrag. Als wir also Kingsbay erreichten und Zoll- und Passkontrolle an Bord kam, wurde beim Bahnhofvorsteher angerufen, damit er den Zug für mich anhielt. Der Zug war fast leer, denn man fuhr mit dem Wagen oder aber mit dem Greyhond. 

Endlich am Central Station angekommen, nahm ich ein Taxi und fuhr zur 82nd Street, East, wo die älteste Schwester meiner Mutter als Köchin arbeitete. Sie hatte mir gesagt, dass ich den Dienstboteneingang zu nehmen hätte und maximal 3 Tage bei ihr wohnen könnte. 

Am nächsten Morgen sollte ich bereits meinen Job antreten. Ich musste also mit der subway nach Downtown fahren. Ich kam mir ziemlich verloren vor, welche subway muss ich bis wohin nehmen? Meine Tante hatte mir in unverständlicher Weise versucht zu erklären, wie ich nach Downtown komme. Die Hausdame hatte ihr widersprochen und das Hausmädchen noch etwas anderes gemeint. Nun stand ich da, die Menschen liefen an mir vorbei, sahen so gehetzt aus, dass es eine Weile dauerte, bis ich jemanden ansprechen mochte. Schließlich fasste ich mir ein Herz, und sprach einen älteren Herrn an. Er war unwahrscheinlich hilfsbereit, erklärte mir ganz genau welche subway ich bis Bowling Green nehmen müsste und gab mir noch einen token für die Fahrt. 

Mein erster Tag im Büro war beeindruckend. Im Empfang saß eine ältere Dame vor einem Schaltbrett mit Kabeln. Alle Telefongespräche liefen dort auf und mussten weiter gestöpselt werden. Später musste ich sie manchmal vertreten. Am Anfang hatte ich einige Probleme mit der „Stöpselei“, aber dann gab es andere Probleme. Man hatte eine Stellenanzeige aufgegeben. Ich nahm das Gespräch an und, da mein Chef nicht im Büro war, bat ich den Anrufer es später noch einmal zu versuchen. Mein Chef fragte, ob es ein Weißer war, der angerufen hätte. Er war ganz entsetzt, dass ich das nicht hören konnte und, bis die Stelle besetzt war, durfte ich das Telefon nicht mehr bedienen.

Einmal habe ich fast eine Schlägerei in der subway verursacht. Links neben mir saß eine Farbige, eine andere, ebenfalls Farbige, stand vor ihr und die beiden unterhielten sich. Als der Herr rechts neben mir aufstand, rutschte ich auf seinen Platz, damit sich die beiden im Sitzen weiter unterhalten konnten. Sie bedankten sich überschwänglich. Das war mir richtig peinlich. Aber dann brüllte mich ein Weißer an, „das wird ja immer schöner, jetzt macht schon jemand Platz für so’n Niggerweib“. Ich wurde fürchterlich beschimpft. Andere Mitfahrende fanden das nicht schlimm, und so gab es eine lautstarke Diskussion. Dann mischten sich noch einige Farbige ein. Ich bekam Angst und stieg an der nächsten Station aus. Zum Glück ist mir keiner gefolgt.

Eine Freundin von mir wohnte in Eufaula, einer Kleinstadt in Alabama. Als ich meinen ersten Urlaub hatte – ich bekam wie es damals üblich war eine Woche im Jahr – besuchte ich sie. Ich flog bis Atlanta und fuhr von dort mit dem Greyhound nach Eufaula. Ich wollte im Wartesaal warten, bis der Bus kam. Als ich die Tür öffnete kam mir ein fürchterlicher Gestank entgegen. Erst danach fiel mir das Schild „colored only“ auf, das draußen an der Tür angebracht war. Der Wartesaal für „white only“ war klimatisiert.

 Im Bus lag auf einem der hinteren Sitze ein Schild „colored only“. Vorne im Bus saßen nur einige Weiße, viele Plätze waren leer, hinten im Bus standen viele Farbige zusammengedrängt, und wenn es einem Weißen gefiel, warf er das Schild noch einen Sitz weiter nach hinten.

„Eigentlich geht man nicht zu Fuß“, sagte meine Freundin, aber wir gingen dann doch einige Blocks zu Bekannten von ihr. Wenn uns ein Farbiger entgegenkam ging er bzw. sie auf den Fahrweg und überließ uns den Fußweg. In New York konnte es passieren, dass man von Farbigen angerempelt wurde.

Kennedy hatte damals angeordnet, dass auch Farbige alle Universitäten besuchen dürften. Das führte zu heftigen Krawallen.

Zurück in New York, herrschte allgemeine Aufregung. Im Büro sprach man nur über Kuba, man hoffte dass Kennedy es schaffte einen Krieg zu vermeiden. Zum Glück ist es ihm gelungen.

Ich denke gerne an meine Zeit in New York zurück.

Bilder
Bewertungen
Wie anschaulich finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 0Jetzt bewerten
Wie informativ finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 0Jetzt bewerten
Weitere Informationen

Pinnwand

  • Auf dieser Pinnwand wurden noch keine Einträge hinterlassen.

Hier anmelden

Sie sind noch kein Mitglied der Community?

Jetzt beteiligen

Jetzt einen Beitrag verfassen