Schule, Kinder, Kindergarten: Eine Schiffsglocke als Pausenklingel

Titel und Untertitel

Eine Schiffsglocke als Pausenklingel

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Ersteller und Datum

Erstellt von Michael Hansen am 21.03.2010
Zuletzt bearbeitet von GeZeiten Redaktion am 22.03.2010

Haupttext

Wer auf Sylt wohnt, lebt an einem Ort, an dem andere Leute Urlaub machen.

Ich kam 1958 als zweijähriges Kind nach Hörnum, denn Vater war Zollbeamter von Beruf und aus Lübeck dorthin versetzt worden. Für meine Oma und meine Mutter brach beim ersten Anblick unseres neuen Domizils eine Welt zusammen. Der Unterschied zu ihrem bisherigen Leben in Lübeck konnte extremer nicht sein. Sprachlos enstiegen die beiden der schnaufenden Inselbahn,  blickten  erst nach links und dann nach rechts. Überall nichts als Sand, Dünen und noch mehr Dünen.

Halt, da stand auch noch ein rot weiß gestreifter Leuchtturm mitten im Sand! Irgendwann spazierte sogar ein einzelner Mensch, der sich trotz Wintersturms vorwitzig nach draußen gewagt hatte, vor ihren Augen die Straße entlang.

Entsetzt sahen sich die beiden an, sprachen von Sibirien und Walachei.

Wir bezogen im ‚Blanken Tälchen‘  in einer speziell für Zollbeamte angelegten Siedlung, die aus drei Gebäuden zu je zwei Wohnungen bestand, eine Haushälfte. Gegenüber erhob sich eine mächtige Dünenwand und lustig schaute ein roter Hydrant auf der Wiese davor aus dem Sand. Er würde uns Kindern später einmal als abendlicher Treffpunkt dienen und der Ausgangsort für unsere Versteck- und Räuberspiele werden.

Zwischen Millionen von Strandhafer Halmen führte eine Steintreppe nach oben auf die teilweise schon mit Häusern bebaute Düne. Auch hier stromerten wir herum, aber davon später!

Von dort hatte man jedenfalls einen wunderschönen Ausblick auf den kleinen Hafen und den Oststrand, der zum Wattenmeer gehörte und zur Ebbe regelmäßig trocken fiel.

Nachdem ich etwas älter geworden war und meine „Piratenstreifzüge“ alleine vornehmen durfte, brachten wir Kinder im Februar die alten Weihnachtsbäume hier herauf.. In meinem letzten Schuljahr als Inselkind 1966, sollte ich noch die Grundsteinlegung der neuen Schule auf dem gegenüberliegenden Platz miterleben dürfen.  Betreten habe ich die ‚Schule auf der Düne‘ nicht mehr, da mein Vater nach acht Jahren Inselleben  nun versetzt wurde. Aber zurück zu den Weihnachtsbäumen!

Am 21. Februar war es dann wie jedes Jahr soweit. Die  Flammen der Biike leuchteten am Petri Tag hell aufs stürmische und schäumende Meer hinaus. Für mich hatte dieser Tag auch aus anderen Gründen etwas Besonderes an sich, denn ich brauchte nicht wie sonst üblich, pünktlich um sieben Uhr im Bett liegen.  Dass Petrus  als Schutzheiliger der Fischer galt  und mit der lodernden Biike einstmals die Walfänger verabschiedet wurden, ahnte ich damals noch nicht. Ich genoss nur mein freies Räuberleben.

Es wurde dann in meinem vierten Lebensjahr  vom Tod meiner Oma überschattet und ich vermisste ihre  nächtlichen Erzählungen über die Mäusefamilie, deren Vater in einer Mausefalle um gekommen war und Mutter Maus, die nun ganz allein für ihre fünf Mäusekinder sorgen musste, sehr.  Mama war ziemlich sauer, weil ich Oma nicht schlafen ließ und stellte uns öfters die räumliche Trennung in Aussicht, sollte ich nicht aufhören des Nachts weiter um die Fortsetzung der Geschichte zu betteln.

Auch hatte es Oma geschafft, mich dazu zu bewegen, beim Zahnarzt endlich den Mund aufzumachen, was aber nicht zu sehr ihr Verdienst gewesen war, sondern viel mehr auf der freundlichen Behandlung durch den ältlichen Dentisten beruhte.

Er ließ mich  eine Weile auf dem Behandlungsstuhl rauf und runter fahren und im Gegenzug, wollte auch ich ihm den Spaß nicht verderben. Er durfte dann dafür gerne die notwendigen Arbeiten in meinem Mund ausführen. Seine Praxis gehörte ebenfalls zu den wenigen Häusern hoch droben auf der Düne und die herrliche Aussicht auf das Wattenmeer, ließ die Patienten ihre Zahnschmerzen sofort vergessen.

 

Es gab für mich auf der Insel soviel zu entdecken und jeder Morgen brachte ein neues Abenteuer mit sich.

Am 4.. April 1962 geschah allerdings etwas völlig Unerwartetes, das mein bisheriges unbekümmertes Leben ziemlich verändern sollte. Ich war bereits im Januar mit meiner Mutter  in einem merkwürdigen Gebäude zu Besuch gewesen. Es handelte sich um eine alte Kaserne, wie ich später herausfand.

Davor lag ein großer, zum Teil asphaltierter Platz und auch rund herum standen noch einige alte ungenutzte Bundeswehrgebäude.

Wir betraten dieses Bauwerk und stiegen eine Treppe hinauf. Über mir hing eine alte Schiffsglocke aus hell schimmernder Bronze.

An den Wänden konnte man bunte Bilder betrachten, die wohl von Kindern gemalt worden waren. Staunend sah ich meine Mutter an, als ich an ihrer Hand ein Zimmer betrat, in dem ein älterer Mann an seinem Schreibtisch saß. Ich stand plötzlich vor einem zweiten Mann, der einen weißen Kittel trug. Der Schularzt lachte mir freundlich zu. Dann ließ er mich einige Kniebeugen machen und ich sollte mit den Augen seinem Finger folgen. Er legte mir eine Metallscheibe auf die Brust, die mit einem Schlauch verbunden war, der am Ende zweigeteilt in seinen Ohren steckte. „Alles in Ordnung“, sagte er lächelnd. Ich durfte mich wieder anziehen.

Der Mann am Schreibtisch gab mir dann einen Würfel in die Hand und meinte, ich solle soviele Streichhölzer vor ihn auf den Tisch legen, wie ich Augen auf dem Würfel erkennen würde. Etwas empört über dieses Kleinkind Gehabe schüttelte ich meinen  Kopf, sagte „fünf“ und er erwiderte meiner Mutter zugewandt:: „Eingeschult!“ Überrascht hörte ich meine Mutter:: „Gott sei Dank“ sagen.

Ich hatte schon sehr früh bemerkt, dass meine Mama es sehr gerne mochte, wenn ich ‚brav‘ war und tat, was von mir verlangt wurde. In diesen Augenblicken konnte ich sie um den Finger wickeln und wieder ein neues Auto oder ein buntes Pixibuch für mich heraus schlagen. Mein glorreicher Zahnarztbesuch hatte mir einen sehr schönen gelben Kipplaster mit blauer Ladefläche eingebracht.

Doch dieses Mal brauchte ich mich merkwürdigerweise nicht einmal anzustrengen. Wir fuhren schon am nächsten Tag mit der Inselbahn, die hinter unserem Haus immer auf einer besonderen Drehscheibe für die Rückfahrt herumgedreht wurde, nach Westerland.  

Ich liebte diese Fahrten! Gleich neben dem großen Kaufhaus, in dem meine Eltern ihre Einkäufe tätigten, gab es noch einen etwas kleineren Laden, der aus einer riesigen Fensterfront bestand, die vollgestopft war mit Spielsachen aller Art. Die Ermahnung ‚Lauf nicht weg‘ entbehrte hier jeglicher Logik, denn ich spielte mich in Gedanken durch jedes Teil, während Mutter und Vater ihren Einkäufen nach gingen. Und das Wunderbare geschah!

Wir betraten das Geschäft, welches so herrlich nach Buntstiften und Büchern roch. Ehe ich mich versah, hatte ich einen kleinen braunen Schulranzen in der Hand und dann drückte mir Papa noch leicht spöttisch lächelnd, eine große bunte Tüte aus festem Pappmaterial unter den Arm. Ich war zwar etwas verwirrt, nahm dann aber freudig meine neuen Schätze entgegen.

An besagtem 4. April 1962, also ganze vierzehn Tage vor meinem sechsten Geburtstag,  trug  ich den Ranzen auf dem Rücken und die große Tüte, die nun mit Süßigkeiten und Buntstiften gefüllt, fast genauso schwer geworden war, wie ich,  auf dem Arm.

Man hatte die Hörnumer Kirche nicht vollständig im Dorf gelassen. Die kleine rote Holz Kapelle stand etwas außerhalb des Ortes, von Heidefeldern umgeben, inmitten einer bizarren Dünenlandschaft

Als vierzehnjähriger spielte mein Bruder dort vor der Tür Trompete und konnte damit am Sonntagmorgen die Einwohner alle in das gemütliche Gotteshaus locken.

Und ich saß nun mit vielen anderen Kindern, die ich noch nie gesehen hatte, in der ersten Reihe. Die Orgel spielte eine schöne Melodie und unsere Eltern sangen ein Lied dazu. Ein Mann in einem schwarzen  Umhang erzählte uns etwas über Jesus, den ich allerdings schon aus meinen abendlichen Gebeten mit Mama kannte. Es war ein schöner Morgen und mir war bewusst, dass  irgendetwas Besonderes geschehen würde.

Nach dem Gottesdienst spazierten wir dann mit den Eltern die Hauptstraße entlang zu dem merkwürdigen Gebäude.

Doch dieses Mal wurden wir erst einzeln und dann in der Gruppe an der großen Treppe von einem  Fotografen fotografiert, bevor wir sie hinaufsteigen durften. Oben stand eine Dame, die sich als unsere zukünftige Klassenlehrerin vorstellte.

Aus dem Augenwinkel sah ich im Vorübergehen, wie die bronzene Schiffsglocke hell  im Sonnenlicht glänzte und spürte ihre magische Anziehungskraft, welche mir in der nächsten Zeit noch ziemlich viel Ärger einbringen sollte.

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