Schule, Kinder, Kindergarten: Am Gymnasium Wyk

Titel und Untertitel

Am Gymnasium Wyk Vom Zauber der Schulzeit

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Erstellt von Karin Grön am 18.05.2017

Autor dieses Beitrags

Karin Grön (Lampe)

Haupttext

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, sagte meines Wissens Thomas Mann einmal. Und auch wenn es abgegriffen klingt, so fühlte es sich doch ganz so an, als ich mich das erste Mal auf den Weg machte.

 

1962. Alles war neu. Der „lange“ Schulweg, der mit dem neuen Rad zu bewältigen war. Von meinem Zuhause Ecke Sandwall/ Feldstraße aus waren es zwar nicht einmal 3 km, aber sie kamen mir endlos vor. 

Neu war auch der Anbau an das altehrwürdige Gymnasium am Südstrand, dem Stadtrand, in dem die Unterstufe und damit auch wir Sextaner nun unterrichtet werden würden. 

Für uns war auch der große Sportplatz hinter der Schule neu, dessen eine Hälfte zusätzlich zu einem Asphaltstreifen in den Pausen genutzt werden durfte. Das üppige Grün rundherum, das in den Pausen allerdings nicht betreten werden durfte, in dem sich die Weitsprung- und Kugelstoßanlagen befanden. Viele neue Klassenkameraden, die entweder von den Schulen auf den Föhrer Dörfern oder gar aus Berlin oder Hamburg kamen und in den Internaten untergebracht waren. Und natürlich die Tatsache, dass wir nicht mehr nur eine Lehrerin hatten, sondern jedes Fach von einem anderen Lehrer oder einer anderen Lehrerin unterrichtet wurde.

Sogar die Schulhefte waren größer, es wurden nun DIN A 4 Hefte genutzt.

 

Die Unterstufe 

Wir Sextaner wurden nach einer kleinen Feierstunde in der Aula zu unserer Klasse im Anbau geführt.

Doch bald verblasste der Zauber und der Alltag kehrte ein. Eine besonders gute Schülerin war ich wohl nicht, mir fiel es immer schwer, lange ruhig zu sitzen und ich langweilte mich zu schnell. Außerdem hatte ich immer Probleme bei den Hausaufgaben, denn dafür war zuhause die Zeit nach dem Mittagessen vorgesehen, eine Zeit, in der ich regelmäßig den Kopf auf den Schreibtisch sinken liess. Suppenkoma wird der Zustand wohl auch genannt. Dann gegen 4 Uhr bekamen mein Bruder und ich frei und wir stürmten schnell hinaus zu unseren Freunden und zu neuen Abenteuern. 

 

 

Die Mittelstufe

Ab der Mittelstufe zogen wir dann in das altehrwürdige Hauptgebäude mit den großen, hohen Klassenräumen und dem Blick über den Sportplatz bis zu den Wipfeln der Bäume am Strand. 

 

Unsere Lehrer, das habe ich erst spät begriffen, waren fast ausnahmslos sehr  wohlwollend bemüht, uns viel beizubringen und aus uns ordentliche Menschen zu machen - obwohl sie es unter anderen auch mit mir teilweise sehr schwer hatten. In die Mittelstufe fiel seinerzeit noch die Pubertät, entsprechend schwierig waren wir Schüler. Die Klasse war auch sehr groß und gerade in der Mittelstufe, kurz bevor oder nach der Aufteilung in sprachlichen und mathematischen Zweig, sehr einig. Auf dem Schulhof nutzten wir die Zeit oft zum Bockspringen, wobei sich alle in einer Reihe oder einem Kreis aufstellten und derjenige, der alle Rücken übersprungen hatte, sich hinten anstellte und ebenfalls seinen Rücken beugte. Manchmal  stellten wir uns auch in einer Schlange zu zweit gegenüber auf, reichten einander die Hände und einer sprang auf die Hände, um dann in die Luft geworfen zu werden, bis er am Ende der Händeschlange angekommen war. Nie ist bei uns dabei etwas passiert, nie ist einer von anderen fallen gelassen worden oder ausgeschlossen worden. 

 

Genauso einig waren wir aber zum Leidwesen einiger Lehrer, wenn wir mal wieder die Grenzen ausloten wollten. Während wir bei unserem Deutschlehrer sehr ruhig und aufmerksam dem Unterricht folgten, weil uns andernfalls durchaus Kreide oder ein Schlüsselbund treffen konnte, so machten wir mit anderen Lehrern so unsere Scherze. Nicht immer waren wir sehr einfühlsam. Man muss bedenken, dass in den 60ern viele Lehrer den Krieg mitgemacht bzw. überlebt hatten und nicht alle heil und ganz zurückgekommen waren. Unserem Lateinlehrer fehlte unter der Hüfte so dies und das, genaues wußten wir nicht. Trotzdem erdreistete sich ein Mitschüler, auf dessen Tisch sich der Lehrer „Moppi“ niedergelassen hatte und sein Bein mit dem orthopädischen Stiefelchen baumeln liess, das Bein sanft anzustupsen, so dass es ein wenig mehr schaukelte. Wie die Geschichte ausging, weiß ich nicht mehr. Richtig schocken konnte man die Kriegsveteranen wohl eher nicht. Trotzdem hatte Moppi sich eigentlich eine bezaubernd naive Art erhalten. Auf die Frage, was denn „virulent“ bedeutete, drehte und wendete er sich und wußte nicht, wie er sie beantworten sollte. was bei uns natürlich den Eindruck hervorrief, dass es eine ganz und gar unanständige Bedeutung haben müsse. Auch konnte er sich darüber echauffieren, dass böse Leute die deutsche Fahne „schwarz-rot-mostricht“ nannten. Vom Unterrichten liess er sich gerne ablenken, wenn man ihn nach Cäsar befragte. 

 

Die alten Herren des Kollegiums erschienen eigentlich alle im Zweireiher mit Umschlagshosen, die recht locker saßen. Die Herren waren geradezu mager. Alle Lehrkräfte erschienen (wo ich das Wort gerade brauche) vor allem Tag für Tag. Niemand war je krank, verhindert oder hatte etwas anderes vor. Das ist wohl umso bedeutsamer im Hinblick auf Kriegsleiden, die die älteren ganz sicher hatten. 

So ein älterer Herr im schlapperig hängenden Anzug war auch unser Kunstlehrer, folgerichtig mit dem Spitznamen Schlapper versehen. Wir versammelten uns immer vor dem abgeschlossenen Kunstraum und Schlapper kam die Treppe hoch, hielt die rechte Hand mit dem Schlüssel schon ausgestreckt vor sich, um ihn dann nach Überqueren des Flures in das Schlüsselloch des Kunstraums einzuführen. Wir strömten hinein. Er las uns gerne Geschichten vor, zum Beispiel der „35. Mai“ von Erich Kästner und wir sollten die Geschichten illustrieren. Manchmal versuchten meine Freundin Ingke und ich uns in der Zeit an Komikfiguren, plötzlich stand Schlapper hinter uns und meinte: „keine Mickey Mäuse zeichnen, damal, damal".

 

Unser Deutschlehrer, dessen Name mir entfallen ist, blieb mir vor allem im Gedächtnis wegen seines rollenden R’s, durch das sich mir die erste Strophe des Gedichtes über Gorm Grimme unauslöschlich eingeprägt hat. „König Gorrrm herrrrrschte überrr Dänemarrrrrk, errr herrrscht die drrrreißig Jahrrr ….“

 

Auch Mrs. Brandt, unsere erste Englischlehrerin, war eine besonders einprägsame Lehrerin. Sie wies Ähnlichkeiten mit Queen Elizabeth auf und liebte England und die englischen Sitten. Besonders die Höflichkeit der Engländer und die Sitte des Schlangestehens. Als ich den Film vom Bären Paddington sah, mußte ich wieder daran denken, weil ich sicher genauso überrascht gewesen wäre wie der, dass alles, was ich gelernt hatte, nicht mehr stimmt. 

Mrs. Brandt, auch nach ihrem Vornamen „Alice“ genannt, liebte auch die englische Sprache und erst lange nach der Schulzeit hat der von ihr gepflanzte Keim bei mir gewirkt, ich habe ihre Liebe zur Sprache übernommen und lese Bücher von britischen und anderen englischsprachigen Autoren am liebsten im Original. Ich kann ihre Freude an bestimmten prägnanten Wendungen gut nachempfinden. 

 

Den Matheunterricht in der Mittelstufe erteilte „Stegefritz“. Warum er mich nicht mochte, weiß ich nicht, aber er liebte es, „das Lampilein“ an der Tafel vorzuführen. Schlagartig rutschten meine Noten ab. 

 

Ebenfalls der Mittelstufe führten wir ein Musical auf, dass unser Musiklehrer komponiert und einer der Deutschlehrer mit Text versehen hatte. Unsere geliebte Sportlehrerin übte mit uns „Cowboys“ die Choreografie einer Saloon-Schlägerei ein. Das Musical war ein enormer Erfolg und wurde zweimal aufgeführt. 

 

Die Oberstufe

 

Spätestens mit dem Übergang in die Oberstufe waren wir wie verwandelt. Vernunft setzte ein, nicht mit der Folge, dass ich nun strebsam lernte, meine Konzentrationsstörungen behielten die Oberhand, aber ich beteilige mich wie die meisten am Unterricht und genoß besonders die inzwischen offenen Unterrichtsformen in klassenübergreifenden Gruppen. Abends trafen wir uns bei verschiedenen Lehrkräften und diskutierten über aktuelle Themen.

 

In diese Zeit fielen auch zwei Klassenreisen, die heute wohl keinen Lehrer mehr hinter dem Ofen hervorlocken würden. In der Unterprima ging es zuerst in die Eifel, wo wir wandernd die Maare erkundeten. Wir warteten in Darscheid auf den Bus nach Daun, saßen alle auf der Straße und sangen die Beatles-Titel „Hey Jude“ und „Imagine“. Später ging es in eine Jugendherberge in Cochem an der Mosel. Von hier aus besichtigten wir die Burg Bernkastel-Kues und den Rückweg trampten meine Freundin und ich, alleine hätte ich das nie gewagt, aber Ingke war da mutiger. Ein Borgward Isabella hielt an und wir quetschten uns auf den Vordersitz. Der Fahrer erzählte, dass er bei Radio Luxemburg arbeitete, er hiesse Thomas, würde sich aber Dieter Thomas nennen (oder war es umgekehrt?), weil es noch einen anderen Thomas gäbe. Nun hörte ich abends immer Radio Luxemburg, das Programm wurde aber von AFN für die amerikanischen Soldaten gestaltet, daher sagte der Name Dieter Thomas Heck mir nichts. Er lieferte uns mit seinem schicken Wagen aber gut in Cochem ab. Die nächste Station war Bonn. Dort besichtigten wir das Synchrocyclotron und aßen in der Unikantine. Aufregend alles. Von Köln aus ging es dann nach Hause

 

Die letzte Reise ging wie üblich nach Berlin. Wegen der Teilung der Stadt schoss die Bundesregierung Geld zu den obligatorischen Propagandareisen hinzu und wir mußten uns abschreckende Ostpropagandafilme ansehen. Berlin war eine gemütliche und übersichtliche Stadt, in der wir uns wohl fühlten und die wir per S- und U-Bahn erkundeten. Abends ging es ins Riverboat mit unglaublichen 5 Bands und einer Diskothek. Das war etwas anderes als das heimische EP, die Disko im „Erdbeerparadies“.

 

1970

Schriftliche Prüfungen, dann die letzten Unterrichtstage, in denen nichts mehr passierte. Am letzten Tag wurde ausgiebig fotografiert, die Klasse war deutlich reduziert, nicht jeder kam, mancher auch recht spät. Niemand nahm den Unterricht mehr ernst. 

Dann kam das Abitur, ich erinnere eine mündliche Lateinprüfung, in der ich unter Einfluß von „Belladenal“, einem angeblich harmlosen Beruhigungsmittel, das mir meine Mutter eingetrichtert hatte, das ganze Kollegium zum Kichern brachte. Keine Ahnung, was ich dazu beigetragen hatte. 

 

Abiturfeier. Heidrun, unser Klassenprimus hielt im tantigen Kostüm eine aggressive gesellschaftskritische Rede. Die übrigen Redner versicherten uns, dass uns nun die Welt offenstünde und es war vorbei. Alle verteilten sich in die Welt, eine Freundin nach Equador, eine landete in Brüssel, eine in Frankreich. Die Insel verliessen erst einmal alle um zu studieren oder für andere Zwecke und nur 2 leben heute wieder auf der Insel, einer ist Rechtsanwalt geworden (the smartest boy of the school in New York) und einer ist heute, so viel ich weiß der Direx des neuen Gymnasiums der Stadt Wyk geworden.

 

Für mich und sicher für andere auch war es wieder ein Neuanfang, der wie immer irgendwann seinen Zauber verlor.

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