Schule, Kinder, Kindergarten: Ein Nikolaus in der Schultüte

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Ein Nikolaus in der Schultüte

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Erstellt von Dirk Jansen am 09.11.2016
Zuletzt bearbeitet am 14.11.2016

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Dirk Jansen

Haupttext

Ein Nikolaus in der Schultüte

Das Foto, das anläßlich meiner Einschulung gemacht wurde, zeigt 9 Kinder im Eingangsbereich der Rüllschauer Dorfschule, jedes Kind selbstverständlich mit einer großen Schultüte im Arm und -  mit dicken Wintersachen angekleidet. Einschulungstag war nämlich der 6. Dezember 1966, Nikolaustag also und ein ungewöhnliches Datum. Aber wir neuen Erstklässler gehörten zum zweiten sogenannten Kurzschuljahr, das eingeschoben werden musste, um den Schuljahresbeginn vom bisherigen traditionellen Frühjahrstermin auf die ersten Tage nach den Sommerferien zu verlegen. So wurden wir also im Spätherbst eingeschult, und ich war ziemlich stolz auf einen tollen neuen Wintermantel und auf ein Paar Stiefel, beides war extra für diesen Anlaß und die zu erwartenden kalten Tage und die Wege zur Schule und zurück angeschafft worden.

Der erste Schultag begann ganz nach alter Sitte mit einem Einschulungsgottesdienst in der nahe der Schule gelegenen Rüllschauer Kirche, die gerade  renoviert worden war und in neuem Glanz erstrahlte. Vor der Kirche wartete Pastor Frank auf die eintreffenden Eltern, Großeltern und die „Schulanfänger“. Talar und Beffchen wehten im Wind, und aus dem Inneren der Kirche hörte man bereits Herrn Callsen, den fast blinden Organisten, auf dem Harmonium herum hantieren (eine Orgel erhielt die Kirche erst einige Jahre später wieder). Mir flößte diese Zeremonie großen Respekt ein. Pastor Frank war ein äußerst freundlicher Mann, der gut mit Kindern, aber auch mit allen anderen Menschen umgehen konnte und deshalb in der Gemeinde recht beliebt war.  So etwas wie einen kindgerechten Gottesdienst, zum Mitmachen oder gar mit Klatschen, Spielen, Frage-Antwort-Aktionen oder sonstigen Einlagen gab es damals allerdings noch nicht. Mit Sicherheit war die Ansprache auch für uns Kinder verständlich – ich erinnere mich nicht mehr daran -  aber im Großen und Ganzen wurde sich an die normale Gottesdienstform gehalten und das dauerte eben seine Zeit und minderte unsere Aufregung gar nicht, ganz im Gegenteil! „Jesu, geh voran, auf der Lebensbahn“? Das beflügelte meine Phantasie und meine Vorstellungen vom Vorangehen des Herrn in diesem Lied waren recht plastisch. Vielleicht hatte der auch heute seinen ersten Schultag? Man würde es erfahren.

Und dann, endlich, ging es hinüber in die Schule, nun wurde es ernst! Die Rüllschauer Schule bestand aus zwei Klassenräumen. Im vorderen Raum unterrichtete Herr Aschpurwis, der Schulleiter, die „Großen“, also die Schüler der Klassen 5-9, im anderen, am Ende des Flures gelegenen Raum, der mit den Schülern der zweiten bis vierten Klasse geteilt werden musste,  sollten wir nun also während der kommenden Jahre von Herrn K., dem zweiten Lehrer, in die Geheimnisse des Lesen, Rechnens und Schreibens eingewiesen werden. Klopfenden Herzens und an der Hand  der Mütter betrat die kleine Schar das Klassenzimmer, nachdem Herr K. alle in die Schule geführt hatte. Vier Tische mit je zwei Plätzen standen sich gegenüber und jeder suchte sich einen Platz und setzte sich – die Mutter nicht aus den Augen lassend. Die Schüler der zweiten bis vierten Klasse schauten uns an – es war vielleicht eine Mischung aus Mitleid und Schadenfreude  Zur Begrüßung hatten die Schüler der 4. Klasse aus Papprollen Nikoläuse mit abnehmbaren Hüten und Wattebärten gebastelt, die auf unseren Tischen standen. Die Figuren waren mit Bonbons gefüllt und nur mit ausdrücklicher Erlaubnis und nach Aufforderung durfte in den kommenden Tagen ein Bonbon entnommen werden. Der Respekt vor dem Lehrer war groß – ich glaube nicht, dass es jemand gewagt hat, heimlich den Hut vom Nikolaus abzunehmen, um sich ohne vorherige Ansage einen Bonbon zu gönnen.

 Herr K.bat nun die Mütter, Großmütter und alle die, die sonst noch mit gekommen waren hinaus. Manches Auge füllte sich da wohl mit Tränen, aber ganz so arg wurde es dann doch nicht und die Aussicht, zu Hause die Schultüte plündern zu dürfen, half durch dieses Gefühl der Verlassenheit hindurch. Und etwas Neugier war schließlich auch vorhanden! Sogar ein wenig gearbeitet wurde schon: Schwungübungen mit Stift und Papier – daraus sollten später einmal Buchstaben werden, aber das ahnte noch niemand. Nach einer Stunde war am ersten Tag bereits Schulschluss – na, das war doch auszuhalten! Die Mütter hatten draußen gewartet. Mit dem unbestimmten Gefühl, dass es an den kommenden Tagen wohl doch noch anstrengender werden könnte, ging es nach Hause. Aber: 6. Dezember? In zwei Wochen würde es ja schon Weihnachtsferien geben – prima Sache, das Ganze!

Bilder
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Bildunterschrift

Einschulung in Rüllschau am 6. Dezember 1966

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Einschulung, Schule

Jahr

1966

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