Schule, Kinder, Kindergarten: Die Musiktruhe

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Die Musiktruhe

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Erstellt von Manfred Schreiber am 20.02.2016
Zuletzt bearbeitet am 21.02.2016

Autor dieses Beitrags

Manfred Schreiber

Haupttext

Galaxis, die Erde, altes Europa, der Norden, Kreis Segeberg, 2061 Sülfeld, Zuhause – Ende 70er, Anfang 1980er Jahre: Deutschaufsätze und Rechentürme verfasste, vergeigte man mittels Füller von Lamy (wohlsituiertes Elternhaus), Geha (Streberstyle) und Pelikan (Spielkinder). Oder Tintenkiller – das waren die harten Jungs, sie kokelten und räucherten Toiletten aus. Solche Typen brauchte man, um an Leckereien vom Bäcker zu gelangen, während der großen Pause, unbemerkt vom Hausmeister. Schulhofgrenze überqueren: schlechtes Image. Zum Bäcker schleichen, erwischt werden: blauer Brief. Mutig, mit doller Portion Schisslaweng, wer es auf sich nahm – um hinterher gefeiert zu werden, von hungrigen Auftraggebern, die solch Wagnis nie durchgezogen hätten. Es half ja kein Zauberkasten – jemand musste gehen.

Tennis: ultimativer Upper Class-Sport. Bolzplatz: Schmelztigel der Proletarier-Kids. Hörspiel-Geschichten liebten alle: ob schnieker HiFi-Turm mit Diamantnadel oder ehrwürdige Musiktruhe (Heim ungezählter Holzwürmer) – rotierende Märchen-LP’s vom Plattenteller gehörten dazu. Selbst die Tintenkiller-Fraktion neigte, weilte sie nicht zufällig im Raucher-Versteck, zur analogen Zerstreuung – nannten sich ihre Favoriten auch KISS und AC/DC. Wir, die Braven, liebten Eisenhans, Der kleine Muck, Bremer Stadtmusikanten und Die Regentrude – unverzichtbar schmeckten trockene Brötchen, zerrupft und eingetunkt in warmer Milch. Gern auch Zuckerei. Radioprogramme konnte die Musiktruhe auch empfangen, auf ihre Weise: frequenz-knatschend, extraterrestrisch...

Draußen ging unter allen Nachbarskindern noch eine Sage um – viel grässlicher als Eckeneckepenn, überliefert durch Omas, Eltern, Geschwister: jederzeit wachsam sein! Niemals dörflicher Idylle trauen! Von Moment zu Sekunde konnte sich Spiel in Ernst verwandeln, wenn der graue Lieferwagen mit gieriger Antenne auf dem Dach um die Ecke bog und im Schritttempo durch unsere Siedlung patroullierte. Verstecken! Dieser Lieferwagen nahm mysteriöse Messungen vor, seine Fühler rochen alles – entsandt durch eine Geheimorganisation namens GEZ. Unangemeldete Radios und Fernseher wurden aufgespürt, angesteuert, die Verantwortlichen zur Strecke gebracht. Besser, es blieb ruhig an der Haustür – niemand wollte, dass böse Spione die Eltern einkassierten. Man hörte von unschönen Methoden Leute zum Reden zu bringen.

Das Erste, das Zweite, das Dritte, das Undsonstgarnichts – gefühlt liefen Winnetou-„Streifen“ im sonntäglichen Nachmittagsprogramm rauf und runter. War der Abspann in voller Länge gesendet, sponnen alle Kinder die gerade erlebten Indianer-Stories draußen im Spielplatz-Revier weiter: ohne Fransenhose lief kaum einer durch Knicks, über Sandhügel oder ins Maisfeld rein. Landschaften, Figuren, Silberbüchse! Auch das Fährtenlesen stellte für jeden Kumpel etwas besonderes dar – von Brice & Co. konnte man lernen. Doch den geheimnisvollen Lieferwagen orakelte niemand.

Und da kamen sie, die üblen Häscher der GEZ – im grauen Lieferwagen mit Antenne auf dem Dach! Darth Vader war finster, doch „die hier“ machten Ernst – wir verhielten uns normal, gespannt zwar, aber normal. Ganz Kleine kauerten schon zitternd hinter dem Holzschuppen. Uns war auch danach, starr vor Angst. Fensterlos: der Lieferwagen beobachtete uns, Dank Kopfkino von Alten und Großen. Aber nichts geschah. Er rollte, beschleunigte, kurvte weiter und weiter, kehrte nie wieder zurück. Aufatmen: unser Sülfeld, unsere Siedlung, unsere Strasse war angemeldet – lange bevor sie kamen. 

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Dorf, Fernseher, Kinder, Märchen, Radio, Regentrude, Schulzeit

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