Schule, Kinder, Kindergarten: Schwarze Pädagogik im Kindergarten

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Schwarze Pädagogik im Kindergarten

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 22.07.2014

Autor dieses Beitrags

Hans-Werner Johannsen

Haupttext

An meine Kindergartenzeit 1955 /1956 in Flensburg habe ich keine gute Erinnerung. Viel lieber wäre ich zu Hause geblieben. Aber Mutter blieb wohl nichts anderes übrig mit drei kleinen Kindern und dem neugeborenen Baby, das unter einer Gehirnhautentzündung litt und nach nur einem Jahr verstarb. Mein Kindergartenaufenthalt entlastete Mutter und war sicherlich gut gemeint. Angemeldet wurde ich im Kindergarten am Nordergraben in Flensburg, einem alten Gebäude gegenüber dem Flensburger Theater. Mutter brachte mich hin und holte mich auch wieder ab. Immer ging es über den alten Friedhof zum Museumsberg und dann in einer Serpentine hinunter in Richtung Rathausstraße.

Ich weiß nicht mehr, ob es daran lag, dass es ein kirchlicher Kindergarten war, zumindest kamen mir die Erzieherinnen irgendwie religiös vor. Sie trugen lange dunkle Kleider oder Röcke und hatten ein Häubchen auf dem Kopf. Streng sahen sie aus und duldeten keinen Widerspruch. Mir kamen sie uralt vor und Freundlichkeit war keine ihrer bevorzugten Tugenden. Für kindliche Kreativität war kein Raum. Aufbewahrung stand auf dem Programm und möglichst pflegeleicht sollten die ungeliebten Plagen sein. Nun, der kleine Hans-Werner, der auf dem riesigen Gartengelände zwischen Moltke- und Friedhofstraße sehr naturnah aufgewachsen war, mochte sich so gar nicht an die festen Regeln halten und so kam es zu einer drakonischen Tortur.

Eines Morgens stand längeres Singen auf dem Programm. Offenbar gab ich mir nicht genug Mühe und sang falsch oder hatte etwas vollkommen anderes im Kopf. Auf jeden Fall missfiel mein Auftreten der Kindergärtnerin und sie brachte mich nach draußen auf den Flur. Aber nun kam es noch schlimmer! Ich hatte gedacht, dass ich auf dem Flur zur Besinnung kommen sollte. Die resolute Dame packte mich am Schlafittchen und flugs hatte sie mich am Hemdkragen auf einen der Kleiderhaken gehängt. Ich rutschte etwas nach vorn und zappelte mit den Beinen in der Luft. „So, jetzt kannst du dir überlegen, ob du richtig mitsingen willst!“, warf sie mir an den Kopf und verschwand wieder im Gruppenraum.

Ich hatte eine höllische Angst, dass man mich in dieser misslichen Lage vergessen konnte, und fing wohl an zu weinen oder zu schreien. Auf jeden Fall kam jemand und befreite mich umgehend vom missbräuchlich genutzten Kleiderhaken. Ich war wohl so geschockt, dass ich den ganzen Vormittag über den Mund nicht mehr aufmachte und bei jedem Blick der fürchterlichen Erzieherin zusammenzuckte. Wie glücklich war ich, als Mutter mich endlich nach einer Ewigkeit vom Kindergarten abholte und wir uns auf den Heimweg machten.

Natürlich erzählte ich von meinem Erlebnis, dem meine strikte Weigerung folgte, niemals wieder in besagten Kindergarten auch nur einen einzigen Schritt zu tun. Ich muss so fürchterlich geweint haben, dass Vater und Mutter entschieden, sich meiner Meinung  anzuschließen und mich unverzüglich vom Kindergarten am Nordergraben wieder abmeldeten. Sie wollten nach einem neuen Kindergarten für mich Ausschau halten. Solange dieser aber nicht gefunden war, durfte ich armer Wicht zu Hause bleiben. Nach wenigen Wochen war der neue Kindergarten für mich gefunden. Es war der im Marienhölzungsweg neben der Kirche St. Gertrud. Ich glaube, ihn gibt es noch heute. Hier war alles besser! Die Erzieherinnen waren jünger, weniger steif im Auftreten, hatten moderne Kleidung an und waren zu uns Kindern immer  aufgeschlossen und freundlich.  So hatte ich das große Glück, meine schlechte Meinung vom Kindergarten doch noch revidieren zu können.

Erst Jahrzehnte später während meines Pädagogikstudiums sollte mir der Begriff „Schwarze Pädagogik“ begegnen, der im Nachhinein genau das zu bezeichnen schien, was ich einst erlebt und nie wieder vergessen hatte. Katharina Rutschky hat 1977 diesen Begriff in die Pädagogik eingeführt als Kritik an einer repressiven Pädagogik, die Gewalt und Einschüchterung als Erziehungsmethode anwendete.  Später hat Alice Miller diese Arbeit in ihrem Buch „Am Anfang war Erziehung“ weitergeführt und sich vor allem der Frage gewidmet, warum so viele Kinder diese Pädagogik sprachlos ertragen und erduldet haben. Das muss wohl daran gelegen haben, dass Ziel dieser Pädagogik war, den eigenen Willen des Kindes zu brechen. 

Auch ich hatte mich im Kindergarten am Nordergraben nicht wehren können, aber in meinen Eltern verständnisvolle Helfer erhalten, die für mich Partei ergriffen und mir damit weitere Torturen ersparten. Aber wie viele Kinder müssen weiter unter der repressiven Knute dieser kinderfeindlichen Einrichtung gelitten haben. Erst seit gut einem Jahrzehnt beginnt in Deutschland die Aufarbeitung dieser schlimmen erzieherischen Auswüchse, die in der kinderverachtenden Heimerziehung ihren scheußlichen Gipfel erreichte.

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