Schleswig-Holstein im Wandel: Das Leben in Hörnum 1958-1966 (XIII)

Titel und Untertitel

Das Leben in Hörnum 1958-1966 (XIII) Teil 13

Mein Beitrag
Ersteller und Datum

Erstellt von Michael Hansen am 08.10.2011
Zuletzt bearbeitet von GeZeiten Redaktion am 09.10.2011

Haupttext

Im Winter konnte man mit dem Schlitten die „Todesbahn bei Krambeck“ hinunter sausen. Diese begann oben auf der Düne gleich hinter den „Erdbeeren“ und erwies sich tatsächlich als eine äußerst anspruchsvolle Abfahrt. Wer nicht rechtzeitig bremste, fuhr unserem Schuster (seine Tochter ging auch in meine Klasse), direkt in die gute Stube. (Daher der Name!) Kollege Heinzi zog mir öfter mal den Schlitten weg, so dass ich besagte Todesbahn auf dem Hosenboden bewältigten musste und dann, unten angekommen, einige Meter neben mir meinen Schlitten wieder aufsammeln durfte. Vor unserem Haus befand sich ein Garagenplatz und gleich dahinter wuchs ein kleines Wäldchen, welches aus Krüppelkiefern bestand. Auch hier spielten wir gerne. Genau wie der alte Bunker unterhalb des Leuchtturms zu unseren bevorzugten Spielplätzen gehörte. Ich sammelte Strandholz, fand tote Tümmler an den Buhnen und Bernsteine im Muscheltal, baute mir Schiffe und Burgen in den Sand. In Westerland gab es einen großen Spielplatz, auf dem ich „geparkt“ wurde, wenn meine Eltern Besorgungen machten. Vor einigen Jahren war ich mal wieder auf „meiner“ Insel, aber Schaukel und Wippe, sowie der Verkehrspark, in dem ich einmal bei einem älteren Jungen im Tretauto mitfahren durfte (und mir danach sehnlichst einen nie erhaltenen Go-Kart wünschte), waren wohl dem Bau neuer Hochhäuser zum Opfer gefallen. Die Sturmflut 1962 habe ich zitternd im Wohnzimmer mit den Eltern erlebt und als alles vorbei war, sahen wir uns die Bescherung am Weststrand an. Dort waren die Lokale schlichtweg von der Düne gefallen und Geschirr lag überall verstreut herum. Eines der neu erbauten Kersig Häuser stand dann eines Nachts in lodernden Flammen. Ich sah vom Bodenfenster aus den hellen Feuerschein und hörte die Sirene heulen. Die Siedlung hatte man mit Reet gedeckt, welches natürlich sofort lichterloh brannte. Eine Klassenkameradin, Sylvia, lebt in diesen Häusern. Zusammen mit meiner Mutter besuchte ich unseren Papa während seiner Dienststunden am Strand. Dann liefen wir um die Südspitze, ruhten uns in alten Bunkern aus, tranken Kaffee und mein Vater passte auf, dass keine Schmuggler an Land kommen konnten. Einmal fuhren wir mit meinem luftbereiften Roller auf den neu angelegten Holzwegen und meine Mutter versuchte verzweifelt zu bremsen. Es misslang und wir landeten beide im Sand. Mutter hatte danach arge Probleme mit ihrem Steißbein. Für meine Eltern stellten ansonsten nur die Zollfeste eine Abwechslung dar. Das Leben muss damals für großstadtgewohnte Erwachsene in der einsamen Abgeschiedenheit der Insel nicht einfach gewesen sein. Mein zwölf Jahre älterer Bruder, der die Hörnumer Bürger am Sonntagmorgen mit seiner Trompete zur Kirche bat, machte seinen Abschluss bei Herrn Ehlfeldt, um danach eine seemännische Ausbildung zu beginnen. Fast hätte er seinen Zug nach Hamburg noch verpasst, aber Vater gewann mit unserem alten VW doch noch das Wettrennen. Ich lebte von dem Tag an allein mit den Eltern, aber ich war ja auf der Insel aufgewachsen und kannte nichts anderes.

Es war eine wirklich schöne Zeit, die ich nicht missen möchte, auch wenn wir auf viele für heutige Verhältnisse selbstverständliche Annehmlichkeiten wie fließend warmes Wasser und Zentralheizung, Fernsehen etc. noch verzichten mussten. Einen Fernseher (natürlich nur in schwarz-weiß) bekamen wir erst, als ich gerade meinen siebenten Geburtstag gefeiert hatte. Ich erinnere mich noch genau: Vater schaltete an einem merkwürdigen Kasten herum und ich sollte ihm Gutenacht sagen. Plötzlich liefen drei kleine Teddys über das Bild und sangen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um das Sandmännchen, das ich nun immer abends sehen durfte, sofern ich brav gewesen war. Ich sah es leider nicht immer. Auch ein großes schwarzes Diensttelefon, welches aber auf keinen Fall zu privaten Zwecken genutzt werden durfte, hatte man in unserer Wohnstube installiert. Ich musste lernen im Notfall den Hörer abzunehmen und sollte dann einen Text aufsagen, bis Mutter oder Vater eintrafen. Für Handy und Computergewohnte Kinder ist dies heute sicher gar nicht mehr vorstellbar. Die Zeiten haben sich geändert und der technische Fortschritt beeinflusst nun auch das Leben der Kinder in einem Ausmaße, das ich manchmal, gemessen an unseren Möglichkeiten, als erschreckend empfinde. Es gab keine strahlenden Handys, die uns um den Hals gehängt wurden und wir kamen auch rechtzeitig, spätestens wenn wir Hunger hatten, müde und abgekämpft vom Toben und Spielen an der frischen Luft nach Hause. Übergewicht und Schlafstörungen kannte ich nicht. Gespielt haben wir mit den natürlichen Werkstoffen, die wir vorfanden: Sand, Treibholz, Wasser, Muscheln und heimische Pflanzen.

Ende

 

Bilder
Weitere Informationen
Jahr

1962-1966

Schlagwörter (passend zum Thema des Artikels)

Freizeit, Hausbrand, Spiele, Sturmflut

Pinnwand

  • 1318170791
    Karin Grön
    Karin Grön
    am 09.10.2011

    Toll, das war ja genauso eine schöne Kindheit, wie wir sie in Wyk hatten!

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