Schleswig-Holstein im Wandel: Das Leben in Hörnum 1958-1966 (VIII & IX)

Titel und Untertitel

Das Leben in Hörnum 1958-1966 (VIII & IX) Teile 8 und 9

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Ersteller und Datum

Erstellt von Michael Hansen am 08.10.2011
Zuletzt bearbeitet von GeZeiten Redaktion am 09.10.2011

Haupttext

Die 60er Jahre hatten es in sich. Nicht nur, dass ich nun also am 04. April 1962, vierzehn Tage vor meinem sechsten Geburtstag, mit einer voll beladenen bunten Schultüte im Arm und einem braunen Schulranzen auf dem Rücken mit dem Ernst des Lebens konfrontiert worden war. Im Februar desselben Jahres brachen dann infolge einer schweren Sturmflut an der Nordseeküste viele Deiche. Vor Allem in Hamburg starben in einer einzigen Nacht Hunderte von Menschen. Umso schöner wurde es aber ein Jahr später, im Februar 1963. Eine besondere Wetterlage hatte das Unmögliche möglich gemacht. Die Nordsee war zugefroren! Sylt war und ist ja bis heute eine Insel im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer und normalerweise nur, wenn man nicht per Sportflugzeug oder Ausflugsdampfer anreist, über den Hindenburgdamm mit dem Autoreisezug erreichbar. (Von der dänischen Insel Röm kann man auch mit der Fähre nach List übersetzen.)

In Niebüll wurden und werden die Autos verladen und in Westerland, der Hauptstadt, fährt man wieder von der Rampe herunter. Die Bahn macht jedes Jahr das Geschäft ihres Lebens mit den Sommergästen und weigert sich verständlicherweise vehement, dem Bau einer Autostraße zuzustimmen. Im Februar 1963 geschah etwas, mit dem niemand gerechnet hatte und das in die Geschichte einging. Der Wasserstand im Wattenmeer war extrem niedrig gewesen und ein osteuropäisches Hoch bescherte uns fast neun Wochen lang Dauerfrost. Auf der ruhigen See hatte sich eine ca. 1,50 m dicke Eisschicht gebildet, welche überall fest auf dem Wattenboden auflag. Kurzerhand riefen die Sylter die sogenannte Eis-Avus ins Leben. Nördlich des Hindenburgdamms suchten sich die Autofahrer eine Schneise bis ans Meer und fuhren über dieses zum Festland hinüber. Ich tobte wie alle anderen Kinder aus dem Dorf nach der Schule im Schnee und sauste mit meinem Schlitten die Dünen hinunter. Eines Tages hörte ich, wie meine Eltern von der neuen Straße durchs Watt sprachen. Am Wochenende wollten wir sie ausprobieren. Wir waren inzwischen stolze Besitzer eines hellgrünen VW Käfers geworden und nachdem sich meine Eltern genau über die An-und Abfahrtwege sowie natürlich die Gefahren erkundigt hatten, fuhren wir los. Die Eis-Avus war tatsächlich von der Straßenbehörde für den Autoverkehr freigegeben worden. Mit großen Augen sah ich aus dem Autofenster als mein Vater meinte: „So, nun sind wir auf dem Wasser.“ Meine Mutter schaute ihn allerdings etwas ängstlich an. So ganz geheuer war ihr das Ganze wohl doch nicht. Aber sie freute sich auf den Einkaufsnachmittag in Bredstedt. Es war wirklich ein merkwürdiges Gefühl. Erst fuhren wir noch über Matsch und dann wurde der Untergrund plötzlich grau-weiß. Schnee lag überall, der Himmel über uns zeigte sich grau und auch mir wurde etwas unheimlich zu Mute, als ich am Horizont kein Land mehr sehen konnte. Unterwegs begegnete uns dann ein Reisezug. Er fuhr auf seinen Schienen rechts neben uns und mein Vater lachte. Ich feuerte ihn an. Er solle den Zug überholen. Einen Augenblick lang tat er mir den Gefallen und trat etwas aufs Gaspedal, dann schüttelte er doch den Kopf. Auch wenn das Eis hielt und große Lastwagen an uns vorbeifuhren, wollte er nicht allzu viel riskieren. Es wurde ein schöner Nachmittag. In Bredstedt kaufte meine Mutter begeistert ein und hinterher tranken wir noch Kakao in einem kleinen Gasthaus. Danach machten wir uns auf den Heimweg.  Unterwegs geschah ein mittelprächtiges Unglück. Ich hatte wohl zu viel heiße Schokolade getrunken und mitten auf dem Eis drang meine klägliche Stimme zu meiner Mutter nach vorne. „Mama, ich muss mal!“ Ich hörte Vaters entsetzte Stimme und bekam schon Angst, dass er auf der Eisstraße nicht stoppen wolle: „Nein, das auch noch!“ Dann hielt er aber doch an. Es war gottlob schon etwas dunkel geworden. Mir war die Situation nämlich sehr peinlich, denn es gab weder Baum noch Strauch, hinter denen ich mich hätte verstecken können. Zu Hause lachten meine Eltern noch lange über den denkwürdigen Tag. Sie waren nicht nur über die zugefrorene Nordsee gefahren, sondern hatten dank mir dort auch noch, mitten auf dem Wasser, anhalten müssen. Ich fand die Fahrt trotzdem großartig und wäre am liebsten gleich wieder los gefahren. Aber daraus wurde nichts mehr, denn das Tauwetter hatte eingesetzt.

 

 

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Jahr

1958-1966

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Eis Avus

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