Schleswig-Holstein im Wandel: Das Leben in Hörnum 1958-1966 (VII)

Titel und Untertitel

Das Leben in Hörnum 1958-1966 (VII) Teil 7

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Ersteller und Datum

Erstellt von Michael Hansen am 08.10.2011
Zuletzt bearbeitet von GeZeiten Redaktion am 09.10.2011

Haupttext

Die Schulglocke, welche nur Erwachsene bedienen durften, leuchtete tagtäglich hellglänzend in der Sonne. Pünktlich zu Beginn und zum Ende des Unterrichts wurde dieses wundervolle Kleinod vom Hausmeister oder meist auch einem Lehrer betätigt. Für uns Kinder hing sie unerreichbar hoch. Allerdings hinderte dieser Umstand uns "Jungen" nicht daran, immer wieder empor zu springen, um sie doch irgendwann einmal berühren zu können und ihr einen Ton zu entlocken. Das war sozusagen Teil unseres selbst ausgedachten Schulsports! Mit heller Begeisterung nahm ich daran teil, was mir später, als tägliche Trainingseinheit betrachtet, vielleicht auch zu meiner relativ guten Hochsprungnote im Sportunterricht verhalf. Vollkonzentriert schnellten meine kleinen strammen Beine in die Höhe und das Wunder geschah. Ich berührte die Schiffsglocke und wurde mit einem für meine Ohren wundervollen hellen Klang belohnt. Mein Blick fiel auf die Kameraden, welche in respektvoller Entfernung dem Treiben vor ihren Augen zu schauten und triumphierend nahm ich ihre Anerkennung entgegen. Dann sah ich zur Seite und oben auf der Treppe stand: Frau Kepinsky, unsere Klassenlehrerin. Sie fackelte nicht lange. Strafarbeit: 'Hundert mal schreiben: Ich darf nicht bimmeln!'

Ich fühlte mich entsetzlich. Es ging mir dabei gar nicht um die Schreiberei, denn die schaffte ich mit links. Das Problem war meine Mutter. Wie es sich gehörte, machte ich am Nachmittag in ihrem Beisein die Hausaufgaben und obwohl sie mir nicht zu helfen brauchte, warf sie doch immer wieder mal einen Blick auf mein Heft. Sie hätte eine Strafarbeit solchen Ausmaßes sicher sofort entdeckt. War mir das peinlich! Trotzdem ich ja als Junge leben wollte, schien hier wohl leider die weibliche Sozialisation etwas durchzublicken. Ich löste mein vermeintliches Problem, in dem ich auf einem anderen Weg nach Hause ging, mich in die nächst beste Sandmulde setzte und mitten in den Dünen schnell meine Strafarbeit schrieb. Konzentriert sah ich auf mein Heft und bemerkte dabei natürlich den großen „grünen“ Mann, der plötzlich hinter mir stand, nicht. „Na, was machst du denn da?“, fragte mich eine tiefe Stimme und ich zuckte zusammen. Dann erblickten meine angstvoll geweiteten Augen ein Ungetüm in schwarzen Stiefeln, einem grünen weiten Umhang und einer ebenso grünen Mütze auf dem Kopf. Der Riese war kein anderer als mein Vater. Als Zollbeamter trug er im Dienst eben einen grünen Umhang, schwarze Stiefel und was sonst noch zu einer Uniform gehörte. Gottseidank war ich fast fertig und stand schnell auf, damit er meine Strafarbeit nicht mehr lesen konnte. Zusammen spazierten wir nach Hause. Das „Bimmeln“ probierte ich nach diesem Erlebnis nie wieder.

 

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Jahr

1958-1966

Schlagwörter (passend zum Thema des Artikels)

Erziehung, Schule

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