Nachkriegskinder: "Ellas Hände"

Titel und Untertitel

"Ellas Hände" Erinnerung aus meiner Kindheit nach 1945

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Ersteller und Datum

Erstellt von Maren Heesch am 01.05.2015

Autor dieses Beitrags

Maren Heesch

Haupttext

„Ellas Hände“ Teil 1 

 

Oma Ella! Ich sehe sie noch vor mir, ihre Hände, kräftige, von Sonne, Wind und Wetter gegerbte Hände. Die Hautfarbe von einem gleichmäßigen hellen Braunton ohne irgendwelche altersgemäßen  Pigmentveränderungen. Sehr ausdrucksvolle Hände mit gepflegt kurzgehaltenen Fingernägeln. Geschickte Hände, die aus Stoffresten zaubern konnten.

 

            So manches Kleid, so mancher Rock, den ich als Kind trug, waren  unter ihren flinken Händen auf ihrer alten Nähmaschine entstanden, die sie antrieb, unermüdlich mit beiden Füßen auf der großen Pedale wippend. Auch dieses Gerät faszinierte mich auf ungeheure Weise. Ich erinnere mich,  dass ich stundenlang zuschauen konnte, wie das große Rad an der Seite unten mit dem Lederriemen das kleine darüber an der Maschine selbst sich schneller und schneller drehen ließ und die Nadel mit dem Faden auf und ab durch den Stoff trieb. Es geschah so rasch, dass ich mit den Augen kaum folgen konnte. Die Garnspule oben auf der Maschine  rollte und rollte und gab den Faden her, der sich mit einem Unterfaden verband, die sich unter einer silberfarbenen Platte versteckt hielt. Durch ein kleines Loch sauste die Nadel mit dem Oberfaden hinunter und holte ihn mit einer Schlaufe hervor.  So wuchsen  Stich für Stich saubere Nähte in kurzen oder längeren Bahnen oder sogar Kurven. Ellas Hände schoben und drehten den Stoff und schon entstand, wie durch Zauberei, ein neues Kleidungsstück. Ab und zu hielten die Hände inne, zogen den Stoff ein Stückchen heraus. Die Schere, vor der ich stets gewarnt wurde, trennte ihn vom Faden ab. Dann wurde das Geheimnis innerhalb der Maschine gelüftet. Immer wieder mit  Neugier und Interesse beobachtete ich, wie Oma Ellas Hände, nachdem sie eine metallene Klappe geöffnet hatten, eine kleine Spule herausnahmen, diese auf einen passenden Stutzen an der Seite steckten und den Faden von der Garnrolle oberhalb einfädelten. Nun musste diese, auch durch unermüdliches Treten  von Ellas  Füßen, der Spule von ihrem Faden abgeben. Dadurch verlor die Rolle an Volumen.  Ich wartete gerne, liebte auch das Geräusch der sich rasch füllenden Spule. Die leeren Garnrollen dann waren ein vielseitiges Spielzeug. Ich hatte schon eine ganze Menge davon gesammelt.

 

            Sie hatte den Beruf der Schneiderin mal gelernt, sagte sie mir später und dann erzählte sie mir einiges aus ihrem Leben. Nicht viel.  -  Und ich bedauere, dass ich sie nicht mehr gefragt habe. Ich hätte so gerne gewusst, was sie dachte, was sie fühlte, ob sie glücklich war in ihrem Leben. Im Nachhinein denke ich, dass meine Großmutter sicherlich nicht viel preisgegeben hätte, denn auf eine gewisse Art war sie auch sehr verschlossen. Eines spürte ich jedoch, sie war zufrieden mit ihrem Leben, obwohl sie doch vieles Schwere hatte durchmachen müssen, vor allem die Kriegszeiten, die auch in ihr innere Wunden geschlagen hatten, die schwer zu heilen waren. -  Oma Ella, ich habe sie sehr geliebt.

 

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