Nachkriegskinder: Waschtag und andere wichtige Ereignisse

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Waschtag und andere wichtige Ereignisse

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Erstellt von Sabine Neumann am 23.03.2015
Zuletzt bearbeitet am 29.03.2015

Autor dieses Beitrags

Sabine Neumann

Haupttext

Wenn ich in meiner Kindheit zum allmonatlichen Waschtag in die Waschküche trat, schlug mir ein Nebel entgegen, den ich richtig spüren konnte. Der Duft von Kernseife und Waschpulver erinnerte mich dann an mein frisch bezogenes Bett. Damas war der Waschtag ein Kultakt in jeder Familie. Die weiße Kochwäsche wurde am Abend vor dem eigentlichen Waschtag in zwei große Zinkwannen eingeweicht. In der größeren Wanne badete samstags nacheinander die ganze Familie. Früh zeitig am Morgen ging Vater in die Waschküche, um unter dem Kessel ein tüchtiges Feuer anzufachen. Mutter war zu dieser Zeit auch schon aufgestanden und zog mich an, dabei betonte sie, dass ich heute nicht so rumquängeln darf und etwas für mich alleine spielen soll. Meist nickte ich und freute mich auf die Seifenblasen.

Es ist banal, dass mir beim Denken an meine Kindheit der Waschtag einfällt, wo es durchaus tragendere Vorkommnisse gegeben hat.

In der kleinen Stadt war es schon ein Ereignis, als der Pfarrer der ev. Kirche beim morgentlichen Öffnen der Fensterläden, einen Kinderwagen nur mit einer Matraze ausgestattet allerdings mit einem Kind daraufliegend, in seinem Garten vorfand. Das Kind war mit einem kleinen Hemdchen bekleidet und der Pfarrer schätzte das Alter des Mädchens auf höchstens sechs Monate. Hinter keinem Strauch, keinem Gebüsch, keiner Hausecke konnte der Pfarrer auch nur die geringste Spur eines Dritten entdecken und er dachte, großer Gott, wieder ein Wurm, der auf Kosten der Kirche groß gezogen werden muss. Was sich nun anschloss wirkt auf mich heute noch wie ein Wunder, denn schließlich handelt es sich bei dem gefundenen Kind um mich.

Otto und Charlotte, Eltern von vier Kindern hörten von meinem Schicksal und trafen eine Entscheidung, die für mich die Rettung meines Lebens bedeutete. Sie nahmen mich als ihr Kind auf. Mein Gesundheitszustand war sehr schlecht, ich war gezeichnet in seelischer und körperlicher Hinsicht. Ich wies deutliche Spuren einer elfmonatlichen Vernachlässigung auf, denn genau elf Monate hatte ich bei meiner leiblichen Mutter gelebt. Diese hatten die Behörden bald ausfindig gemacht. Sie hat dann auf dem Jugenamt das Erziehungsrecht über mich abgegeben. Sie wollte mich nicht, schließlich wäre ich aus einer Vergewaltigung während der russischen Gefangenschaft in einem Gulag hervorgegangen.

Sie stammte aus Königsberg und wurde im Frühjahr 1945 mit ihrer Muttter nach Sibirien deportiert. Die Mutter ist im Gulag an Typhus gestorben. Erst 1950 wurde sie in die ehemalige DDR entlassen, ist aber gleich in den Westsektor geflohen, um eventuelle Bekannte zu finden. Alles in allem, auch ein Schicksal.

  Ich, jedenfalls hatte bei meiner Pflegefamilie eine glückliche Kindheit, aus allen fünf Kindern ist etwas "ordentliches" geworden. Ich bin meinen, mittlerweile schon lange verstorbenen, Pflegeeltern für all ihre Zuneigung, für ihr Verständnis und ihre solide Erziehung für immer und ewig dankbar.   

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Sommer 1952

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harte Schicksale

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