Nachkriegskinder: Nach Jahr und Tag

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Nach Jahr und Tag Geschichten vom Domziegelhof

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 12.10.2012

Autor dieses Beitrags

Ursula Wolff

Haupttext

Als die Zeit des braunen Terrors anbrach, stieß er auf wenig Gegenliebe in unserer Familie. Meine Mutter hielt das Menschen verachtende, kriegshetzerische Gebaren für unvereinbar mit ihrem katholischen Glauben, und damit war sie weiter als manche der hohen geistlichen Würdenträger.

Mein Vater aber hatte schon immer eine Vorliebe für den Kommunismus ge­habt. Ganz besonders schlimm war mein Großvater. Er war zu einer großen Nazi-Kundgebung gewesen, kehrte zurück und - lachte sich krumm.

Aber es half alles nichts, meine Brüder mussten in die HJ eintreten. Im Som­mer war ein großes Zeltlager am Langsee. die Hitlerjugend Schleswigs wurde mit einem Sonderzug hingefahren.

„Alles, was Rang und Namen hatte, war dabei", pflegte mein Bruder zu erzählen und damit meinte er die Jungen, die die verrücktesten Einfälle hatten, die dümmsten Witze machen konnten und am lautesten darüber lachten.

Am Sonntag fuhren meine Eltern, mein Großvater und ich hin, um meine Brüder zu besuchen. Mutter hatte Kaffee und Kuchen mitgenommen und wir saßen unter einem Schattenbaum und tranken Kaffee.

Plötzlich stand Manfred auf. zupfte meinen Großvater an der Jacke und sagte: „Opa, komm mal mit, ich muss dir was geben", und sie verschwanden im nahen Gebüsch. Ich sprang auf und wollte hinterherlaufen. Wenn ich auch nichts ab­bekam. so wollte ich wenigstens sehen, was Manfred unserem Opa gab. Aber ich wurde festgehalten und musste mich wieder hinsetzen.

Opa hatte auch gar nichts in der Hand, als er wiederkam. Ich musterte ihn eindringlich und nachdenklich: was hatte er bekommen und wohin hatte er es gesteckt? Ich bekam auch keine Antwort auf meine Fragen, gab es also auf zu bohren und vergaß anscheinend alles.

Vor kurzem, also fast 50 Jahre später, kam mein Bruder Lothar auf diesen kleinen Vorfall zu sprechen, als wir zusammensaßen und Kindheitserinnerungen erzählten.

„Weißt du noch wie wir am Langsee unter einem Baum Kaffee getrunken haben? 1’ 0 ja, ich erinnerte mich gut. „Weißt du noch, dass Manfred damals Opa etwas gab?" Da fiel es mir wieder ein, nichts hatte ich vergessen. Und nach 50 Jahren erfuhr ich endlich, was es gewesen war, nämlich „feindliche Flugblätter". Die waren damals in großer Zahl in der Feldmark abgeworfen worden und die Jungen wurden ausgeschickt, um sie einzusammeln. Sie hatten eine große Menge gefunden und gehorsam abgeliefert, nur Manfred hatte sich einige Exemplare aufgehoben und das war die geheimnisvolle Gabe gewesen, die er Opa zugesteckt hatte.

Anscheinend hatte Opa sie zu Hause gelesen und gleich verbrannt, denn sie waren ja damals explosiver als Dynamit. Ich zittre noch manchmal bei dem Gedanken, was geschehen wäre, wenn man die Flugblätter bei Manfred gefunden hätte.

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