Nachkriegskinder: Die Kanone

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Die Kanone Geschichten vom Domziegelhof

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 12.10.2012
Zuletzt bearbeitet am 12.10.2012

Autor dieses Beitrags

Ursula Wolff

Haupttext

An einem Neujahrsmorgen gingen meine Brüder zur Frühmesse, weil sie Ministrantendienst hatten.

Es war wirklich noch sehr früh, die Straßen waren verlassen, die Stadt lag dunkel und still da. Meine Brüder waren ausgeschlafen - bei uns wurde im allgemeinen nicht die Nacht durchfeiert - aktiv und tatendurstig und tobten vor der Messe noch in der Anlage gegenüber der katholischen Kirche.

Und da machten sie im Springbrunnen den Fund ihres Lebens.

Im Sommer füllte das Brunnenbecken ein plätschernder Wasserstrahl, der von einer kleinen Knabenfigur ausging, genauer gesagt von einem betsimmten Körper­teil unterhalb seines Kugelbäuchleins. Es gab einige verbissene Kirchgänger, die diesen Brunnen ausgerechnet gegenüber der Kirche für sehr unpassend, ja sogar anstößig hielten.

•Jetzt im Winter plätscherte der Knabe nicht mehr und das Brunnenbecken war zugeweht mit Schnee.

Und in dem Schnee steckte - eine Kanone!

Zwar war sie nur aus glitzernd verzierter Pappe, hatte aber ein Mündungsrohr und eine Lafette mit zwei Rädern, war also durchaus geeignet zum Spielen.

War lag näher für die Ministranten, als die Kanone im Kirchenkeller zu ver­bergen?

Nach der Messe eilten sie zu ihrer Kanone (!) und spielten wunderbare Schlachten.

Pfarrer Heumann las still sein Brevier in der Kirche. Rumpumpumpum dröhnte es dumpf aus dem Kirchenkeller zu ihm hinauf. Rumpumpumpum, rumrumrumrum... Er ging den Geräuschen nach. Stolz zeigten ihm seine Meßdiener ihren Fund. Pfarrer Heumann identifizierte die Kanone als Theaterrequisit. Schließlich lag das Stadttheater gleich nebenan und in dem Weihnachtsmärchen hatte eine Kanone eine entscheidene Rolle gespielt.

Pfarrer Heumann bestand zwar darauf, daß meine Brüder die Kanone zurück­brachten in die Requisitenkammer, aber nicht sogleich. So war der Kirchenkeller noch einige Stunden Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen.

Es ist übrigens nie herausgekommen, auf welchem Weg die Kanone ins Brun­nenbecken geriet. Vielleicht hatten die Schauspieler bei einer ausgedehnten Silvesterfeier...?

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