Nachkriegskinder: Hungrige Zeiten

Titel und Untertitel

Hungrige Zeiten Sommer 1946

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Erstellt von Peter Burgdorff am 30.08.2012
Zuletzt bearbeitet am 19.06.2013

Autor dieses Beitrags

Peter Burgdorff

Haupttext

Wir schrieben das Jahr des Hungers und der Not 1946. Deutschland hatte den 2. Weltkrieg verloren. Mutter bemühte sich, den Friseursalon über Wasser zu halten. Die Kundinnen mussten für eine Bedienung Handtücher und ein Brikett - ersatzweise ein paar Scheite Holz - mibringen, um damit auf einem kleinen provisorischem Ofen (Hexe genannt) warmes Wasser aufzubereiten. Es gabe wenig, streng rationierte Lebensmittel nur gegen kleine Abschnitte einer Lebensmittelkarte. Wenn Fisch, Fleisch oder Gemüse aufgerufen wurde, war dennoch nicht sicher gestellt, dass man bei der Verteilung berücksichtigt wurde. Um  das Begehrte tatsächlich zu erhalten, stand man oftmals Stunden in der Warteschlange vor dem Geschäft. Das Brot war aus Mais gebacken und hatte eine entsprechend gelbe Farbe.

Es gab den sogenannten "Schwarzen Markt". Er fand im "Geheimen" statt und war doch öffentlich. Wer etwas zu tauschen hatte, konnte dort mit Vorsicht und Glück Lebenserhaltendes erwerben. Zigaretten waren ein begehrtes Tauschobjekt. Die "Ami-Lulle" erreichte einen Wert von 8 RM, die deutsche Zigarette hingegen nur 5 RM. Sie galten als beständige Währung. Wenn auf der Straße kleine Gruppen zusammen standen, wurde gehandelt. Dies war bei Strafe verboten.

Vater befand sich seit 2 Jahren in englischer Kriegsgefangenschaft auf der Insel.

Jede Möglichkeit an Essbares zu kommen musste genutzt weerden. So machten sich auch nmein Freund Sönke und ich uns eines Sommermorgens um 4 Uhr auf ins Nachbardorf Tangstedt, um von einem abgeernteten Kartoffelfeld ein paar Restfrüchte für den Familienhunger zu sammeln; Kartoffel stoppeln hieß das. Um überhaupt noch einige der wertvollen Knollen zu ergattern, war es nötig, bei Sonnenaufgang vor Ort zu sein. Mit 2 leeren Beuteln auf einer zweirädrigen Karre hatten wir 13-Jährige uns auf den 1-stündigen Fußmarsch gemacht. Viel zu spät!

Als wir unser Zielfeld erreichten, hatten Menschen vor uns das Feld kahl gestoppelt. Tief enttäuscht und mit knurrendem Magen traten wir unseren langen Heimweg an.

Eben aus dem Dorf heraus tauchte ein großes Feld voller Wurzeln auf. Das war doch verlockend, unseren drängenden Hunger zu mildern. Ich schlich aufs Feld, während Sönke mit den leeren Beuteln auf der Karre "Schmiere" stand.

Es mögen für jeden 3 bis 4 Feldfrüchte gewesen sein, die ich der Erde entzogen hatte, als der Bauer mit lautem Geschrei und einem über dem Kopf schwingendem Knüppel sich auf mich stürzte. Unversehens drosch dieser Rohling wie besessen auf mich ein. Flucht oder Gegenwehr? Chancenlos!. Meine Schmerzensschreie mussten Sönke lange Beine gemacht haben. Als der Bauer mich grün und blau geprügelt hatte, konnte ich meinen Freund durch den tränenüberströmten Blick erst in weiter Ferne erkennen.

Völlig durchnässt kamen wir zuhause an. Meine  Mutter brachte mich sofort zu  unserem Hausarzt. Mit Fieber musste ich das Bett hüten. Alle Nachbarn waren entsetzt und rieten Mutter, einen Anwalt einzuschalten. Man hatte schnell den Rohling ermittelt und Rechtsanwalt Dr. W. über den Sachverhalt in Kenntnis gesetzt.

Juristen der damaligen Zeit unterlagen jedoch leider auch anderen Bedingungen, als Recht und Gesetz zu folgen. Nicht nur die Liebe, auch das Recht ging durch den Magen! Durch vermutlich nicht geringe nahrhafte Zuwendungen an Dr. W. gelang es dem brutalen Schläger, das unser Anwalt die Fronten wechselte. Er gab Mutter den freundschaftlich gemeinten Rat, die Sache nicht weiter zu verfolgen, da es ja ohnehin keine Tatzeugen gäbe. So verlief die Sache im Sande und hinterließ Zorn, Schmerz und Ohnmacht!

Ich hatte mir damals geschworen: wenn ich groß bin, werde ich mich nach Kräften  rächen. Als ich dann endlich groß war, soll der Herrgott mir schon zuvor gekommen sein.

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schmerzhafter Hunger

Jahr

1946

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