Nachkriegskinder: Kriegskinder

Titel und Untertitel

Kriegskinder

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Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 24.04.2012

Autor dieses Beitrags

Gisela Brauer

Haupttext

Verletzten, gefallene Söhne, Ehemänner, Brüder: und Väter sind wieder zum Thema in der Öffentlichkeit geworden - aber auch die Kinder, geboren von etwa 1930 bis 1945.

Zu diesen Kriegskindern gehöre ich, wurde im Januar 1945 12 Jahre alt, als meine Mutter und ich schon auf der Flucht- waren. Damit endete unsere Kindheit. Wir befanden und auf einer Wanderschaft mit unbekanntem Ziel und mit erheblichen Gefahren für Leib und Leben.

Die meisten von uns konnten nach mehrfachen Unterbrechungen die Schulausbildung abschließen, einen Beruf erlernen: sie gründeten Familien, eigene Unternehmen, bauten Häuser. Dabei sind die einschneidenden Kindheitserlebnisse aber nicht vergessen, sie sind höchstens verdrängt worden. Sah man uns damals an unserer bescheidenen und ausge­besserten Kleidung, an unserem Schuhwerk mit Holzsohlen oder Sandalen aus defekten Fahrradschläuchen das Flüchtlings Kind an? Heute sieht man es nicht mehr. Was hat uns damals als Schulkinder gestärkt? An eine psychologische Behandlung dachte niemand! Ich komme dabei immer wieder auf mein stabiles Elternhaus zurück, auch wenn es damals nur aus einer sechs Quadratmeter großen Aktenkammer auf dem Boden eines Amtsgerichts in einer Schleswig-Holsteinischen Kleinstadt bestand.

Als meine Mutter und ich im November 1946 in Hohenwestedt bei meinem Vater ankamen, waren wir fast zwei Jahre auf der Flucht gewesen«,

Was war in diesen zwei Jahren geschehen?

im Januar 1945 blieben wir zunächst bei unseren Verwandten auf dfe

Bauernhof im Kreis. Köslin in Pommern. Hier erlebten wir den

Einmarsch der Roten Armee mit Waffengewalt und Plünderungen,

anschließend, den Einzug der Polen, von denen wir im

Oktober 1945 zusammen mit unseren Verwandten ausgewiesen
wurden.

Den Winter 1945/1946 verbrachten meine Mutter und
ich auf dem Gut Eickhof, Kreis Güstrow, in der Speise-
kammer einer Tagelöhnerfamilie mit Zementfußboden, Holz-
pritsche. mit Stroh und kleiner Kochstelle. Das Holz
das wir im Wald sammeln durften, war nass, und die Pell-
Kartoffeln brauchten mehr als eine Stunde, bis sie
gar waren. Kartoffeln bekamen wir vom Gut; Lebensmittel-
karten wurden inzwischen ausgegeben, auf die man zunächst.
Brot., kaufen konnte.

Im Herbst 1945 wurde, zwischen der sowjetischen Besatzungs-
zone und der britischen Besatzungszone der Postverkehr
zugelassen. So erfuhren wir Weihnachten 1945 von
unseren Bekannten in Bonn, dass mein Vater lebte und nach
der sowjetischen Kriegsgefangenschaft über Mecklenburg
in Schleswig-Holstein gelandet war.

Sa. hatten wir nur noch den einen Gedanken, Mecklenburg
so schnell wie möglich zu verlassen und nach Schleswig-Holstein zu kommen.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten gelang meiner Mutter mit mir die Flucht bei Riebau (nahe Salzwedel) über die innerdeutsche Grenze im November 1946 mit erheblichen
Gefahren:. Die Grenze war noch nicht vermint, aber wurde von der bewaffneten Roten Armee bewacht.

Danach war. unsere erste Station das Flüchtlingslager
Pöppendorf/Lübeck. Für Hohenwestedt hatten wir keine
Zuzugsgenehmigung.. Trotzdem blieben wir dort, und zwar in der Aktenkammer auf dem Boden des Amtsgerichts.

Auf dem Kanonenofen wurde das bescheidene Essen zubereitet, und wenn das Holzfeuer erloschen war, wurde der Raum grausam kalt, der nur ein Bretterverschlag war. Die Eisblumen warn bei dem strengen Winter immer da, und über Nacht war das Wasser in der Waschschüssel bis. auf den Grund gefroren, sodaß das Wasser schon früh auf dem Kanonenofen aufgetaut werden mußte..

Auf Lebensmittelkarten gab es karge Zuteilungen. Die Schlächtereien verkauften Wurstbrühe ab der frühen Morgenstunden. Wenn man dort ankam, stand meistens Sichon eine lange Schlange dort.

Es muß schon März 194-7 gewesen sein, als wir bei einem Zahnarzt ein Zimmer in einem Anbau, bekamen. Zu unserer Freude war der Raum mit alten Möbeln ausgestattet: es gab ein Sofa mit kaputten Sprungfedern, einen Schrank, einen Tisch und einen Korbsessel, zwei Betten und einen größeren Kanonenofen. Zwei Hocker hatten wir inzwischen selbst angeschafft.

Wie andere Flüchtlinge konnten wir ein Stück Gartenland bewirtschaften und Kartoffeln und Gemüse anbauen« Mein Vater arbeitete als ungelernter Arbeiter in einem Warenlager der Engländer in Neumünster.

Nach fast zwei Jahren ohne regulären Schulbesuch - im Januar 1945 war ich im 2- Oberschuljahr - kam ich in eine Volksschulklasse und von dort probeweise in eine Mittelschulklasse. Da meine Eltern mit mir den Stoff in Mathematik und Englisch nacharbeiten konnten, fand ich schnell in Anschluss. Nachhilfestunden hätten wir nicht bezahlen können«,

Zur Verbesserung unseres Wintervorrates ging ich in den Herbstferien zum Kartoffleinsammeln bei einem Bauern im Nachbardof Holz sammelten wir mit Genehmigung des Försters: im Wald von Heinkenborstel. Im Juni 1948 war die Deutsche Mark als neue Währung eingeführt worden, man konnte wieder etwas für den Haushalte, kaufen, und mein Vater bestellte mit einem anderen
Flüchtling ein Pferdefuhrwerk, Clausens gesammelte Holz nach Hause fuhr.

Wenn ich nach vielen Jahren mit meinem eigenen Auto in die Straße nach Heinkenborstel einbog, um die Familie meines Patenkindes zu besuchen, musste ich immer an das Holzsammeln denken. Damals "war doch nicht daran zu denken, dort einmal mit dem eigenen Auto
unterwegs zu sein!

Im Mai 194-9 kam mein Vater durch eine Urlaubsvertretung: beim Arbeitsgericht Flensburg wieder in den Beruf, danach folgte 4ne Tätigkeit beim Arbeitsgericht Lübeck und dann di& Anstellung beim Arbeitsgericht Bad Oldesloe.

Mit Fleiß, Strebsamkeit und auch Angepasst sein versuchten
wir, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen. Erlebnisse des
Flucht - Hunger, Kälte, Beschuss durch Tiefflieger, Rotarmisten, die um sich schössen und Häuser anzündeten - waren noch lebendig in unseren Köpfen, aber wir sprachen nicht darüber.

Viele von uns haben aber heute etwas gemeinsam: Krankheiten, die sich im Alter bemerkbar machen, sind häufig auf körperliche und seelische Belastungen in den Jahren der Kindheit zurückzuführen: Mangelernährung im Wachstum, Schäden durch körperliche Arbeit in der Forst- und Landwirtschaft, z.B. Schleppen schwerer Kartoffelkörbe oder klobiger und. sperriger Äste beim Holzsammeln.

Und vielen tut es gut, heute darüber zu sprechen, was damals geschah!

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Angst, Hunger, Kälte, Kindheit

Jahr

2012

Pinnwand

  • 1427188889
    ehemaliges Mitglied
    ehemaliges Mitglied
    am 24.03.2015

    Werte Frau Brauer, wie richtig und wichtig ist es, dass wir Altvorderen über unser Erlebtes berichten. Wenn ich auch manchmal den Eindruck habe, damit niemanden mehr hinter dem Ofen hervor zu locken. Deshalb ist GeZeiten.de eine gute Plattform, um die Schicksale vieler, mittlerweile Schleswig-Holsteiner gewordenen, Menschen darzustellen. Auch wenn sich die Beiträge oft ähneln, das sagt für mich nur aus, dass sie wahr sind.
    Heute gehen die jungen Leute oft wegen eines Belastungssyndroms zum Arzt, nun gut, jede Zeit hat ihre Belastungen und Stresssituationen. Wir sind damals nicht einmal bei lebensgefährlichen Krankheiten zum Arzt geschickt worden, entweder dein Körper schafft es, unter der Anwendung einiger Hausmittelchen und du überlebst es, oder du hast Pech gehabt. Pech hatten wahrlich viele, viele Menschen. Besonders die Frauen, die Kinder zurück lassen mussten sollten niemals vergessen werden.

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