Krieg und Kriegsende: Der „ganz normale Wahnsinn“ 1945 (I)

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Der „ganz normale Wahnsinn“ 1945 (I)

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 30.04.2010

Autor dieses Beitrags

Otto Burzynska

Haupttext

Durch die Ausbildung im „Jungvolk“ ab 10 Jahre, dann bis zum 14. Lebensjahr in der Flieger-Hitlerjugend, war es eines Tages soweit, dass man sich bei einem der Dienstabende freiwillig zum Kriegsdienst meldete.

Im März 1945 wurde ich dann zum Arbeitsdienst „RAD 3/43“ nach Hamburg Ochsenwerder-Reitbrok eingezogen. Drei Tage verbrachten wir in unseren Zivil bzw. HJ Uniformen. Bis es einem Kameraden zuviel wurde, der war schon als Schüler bei der Heimatflack im Einsatz gewesen und er kannte den Ton beim Militär. Also ging er mit mir und noch einem Kameraden zur Wache; wir nahmen Haltung an und der von dem Flack gab den Ton an und fragte, wann wir unsere Klamotten bekommen könnten.

Ich dachte, der Wachführer wird verrückt, so hat er uns zusammen geschrieen und uns mit „Hinlegen, Auf, Hinlegen“ über den Platz gejagt. Von wegen „Das Deutsche Ehrenkleid“ (Uniform) als „Klamotten“ bezeichnen. Nach diesem Erlebnis landeten wir in unseren Baracken und warteten auf die nächsten Befehle. In den nächsten Tagen ging es los: Einkleiden (Ehrenkleid).

Es waren ziemlich abgenutzte Uniformen. Ein wichtiger Uniformteil war die Ausgehmütze. Die nannte man nur „Arsch“ mit Griff. Dann waren die Stiefel ganz wichtig, denn beim Appell durfte kein Nagel fehlen. Es war immer gut, ein paar Soldatennägel in Reserve zu haben. Dann wurden wir nach und nach ausgerüstet.

Neben Spaten, Feldspaten die wir immer pflegen mussten, gab es jetzt ein Gewehr. Es war ein langes französisches Gewehr mit aufsetzbarem Dreikant Bajonett. Bald begann das Üben mit Spaten, Schaufeln und Pickhacken. Man musste mit diesen Arbeitsgeräten doch noch manches lernen. Wichtig war nach dem Dienst, diese Geräte wieder sauber zu machen. Besonders der Spaten. In dem musste man sich spiegeln können. Denn mit dem Spaten musste man auch Präsentieren üben.

Manchmal wurden diese Übungen durch feindliche Tiefflieger unterbrochen. Auf dem Deich war eine Wache mit einer großen Glocke, da wurde dann Alarm geschlagen beim Anflug der Tiefflieger. Wir übten mit dem Spaten.

Hinter unserem Lager war ein Schießstand. Hier mussten wir dann mit unserem Gewehr schießen üben. Auch das Schießen mit der Panzerfaust lernten wir auf dem Schießstand. Für gutes Schießen sollte es Ausgang geben.

Es wurde leider nichts daraus. Über den Vierlanden war in den Tagen ein Bombenangriff gewesen und viele Deiche und Straßen waren zerstört. Statt Ausgang hieß es Straßen und Deiche reparieren. Die Brücken über Gräben und Kanäle wurden zur Sprengung vorbereitet. Denn, wenn wir mit einer kleinen Abteilung Brot vom Bäcker holten, sah man die Sprengladungen in Form von Bombenblindgängern auf den Brücken liegen.

Das Brot holen war eine Abwechslung in unserem Dienstplan. Man konnte sich heimlich ein Stück Brot abbrechen, denn Hunger hatten wir immer. Der Dienstplan verlief sehr intensiv. Im Blick auf die näher kommende Front und damit auch eine immer stärker werdende Tätigkeit der Tiefflieger. Wir wurden immer in Bewegung gehalten und hatten keine Zeit für Überlegungen. Wir hatten ja von Jugend an Gehorchen gelernt.

Manchmal hörten wir schon das Donnern der Geschütze auf der anderen Seite der Elbe. Im Lager wurde es immer hektischer. Eine Abteilung musste mit dem Fahrrad zum Panzersperren bauen in Richtung Geesthacht fahren. Als diese Aktion beendet war, gab es wieder Gelegenheit, um aus normalem Dienst heraus zu kommen.

Unsere Panzerwagen (Pferdewagen) mussten einen Tarnanstrich haben. Wir hatten in der Einheit nur Pferdefuhrwerke mit Gulaschkanone. Dann ging der Betrieb weiter mit Waffenkunde, Gewehrappell, Schießen, Gewehrreinigen und wieder Appell. Weiter wurden wir mit der Gasmaske vertraut gemacht. Dazu mussten wir in einen geschlossenen Raum, in dem Tränengas war. In diesem Raum mussten wir Filterwechsel und Klarsichtscheibenwechsel durchführen. Wenn man nicht aufpasste, tränten doch manchmal die Augen. Die Front kam immer näher. In Lauenburg wurden die Brücken gesprengt und bei uns hieß es plötzlich: Fertig machen zum Abmarsch. Jeder bekam seine Waffen und so genannte „Eiserne Ration“ für den Fronteinsatz. Jetzt hieß es marschieren. Aber wohin?

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Arbeitsdienst, Ausrüstung, Uniform

Jahr

1945

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