Krieg und Kriegsende: Erzählungen und zur Erinnerung an meinen Vater Wilhelm

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Erzählungen und zur Erinnerung an meinen Vater Wilhelm Kamenz in Schlesien, die unvergessene Heimat (III)

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 30.03.2010
Zuletzt bearbeitet am 30.03.2010

Autor dieses Beitrags

Michael Hansen

Haupttext

Ich war sechzehn, als ich zum Reichsarbeitsdienst ging und als siebzehnjähriger meldete ich mich dann freiwillig an die Front. Mein Vorgesetzter wollte mich nicht gerne gehen lassen.

Durch Handelsschule und das Aufbaugymnasium konnte er mich in der Schreibstube gut gebrauchen und bot mir einen gesonderten Lehrgang an, wenn ich bliebe.

Ich war aber genauso verblendet wie die anderen und lehnte ab. Erst wollte ich für den Führer und das Vaterland kämpfen. Mir wäre sicher vieles erspart geblieben, wenn ich sein Angebot angenommen hätte. Er sah mich sehr merkwürdig an, als ich ablehnte. Heute weiß ich natürlich, warum.

 

Aber damals ahnten wir nichts von Tod, Leiden und Entbehrung. Auch ich dachte nur an Heldentum und an die Ehre des Vaterlandes, die es zu verteidigen galt.

So hatte man es uns jahrelang beigebracht. An etwas anderes zu denken, kam mir gar nicht in den Sinn. Wie auch!

Wir waren hundertfünfzig junge Männer zwischen siebzehn und zweiundzwanzig Jahren, die ihre Grundausbildung in der Kaserne ‚Hermann Göring‘ zu Berlin erhielten.

Den großen imposanten Reichsadler am Eingang habe ich noch gut in Erinnerung.

Wir hatten auch alles. Warme Kleidung, gutes und reichliches Essen und jede Menge Spaß in unserer Kameradschaft. Die Front war weit weg und kaum einer wusste, was wir dort vorfinden würden. In der Wochenschau wurde nur von den Eroberungen und  Siegeszügen der Deutschen Wehrmacht berichtet.

Die Propaganda gestaltete sich genauso effektiv, wie der schon an Größenwahn grenzende Enthusiasmus, der uns als Kinder in Jungvolk und HJ beigebracht wurde.

Wir genossen unsere Grundausbildung und fühlten uns als erwachsene Männer und zukünftige Helden, die das Deutsche Vaterland erretten und wieder zu höchstem Glanze führen würden.

Die meisten träumten insgeheim vom Eisernen Kreuz und der feierlichen Zeremonie, wenn es womöglich noch vom Führer persönlich überreicht wird.

Eines Tages dann war unser Glück fast perfekt.

Hermann Göring kam mit seinem Gefolge in die Kaserne und aß mit uns einfachen Soldaten in der Kantine. Er saß nur wenige Meter vor mir am Tisch.

Wir konnten es kaum fassen, dem Reichsmarschall des Großdeutschen Reichs so nahe gegenüber zu sitzen. Meine Begeisterung damals war grenzenlos!

Zumal ich ja auch später einmal Förster werden wollte und Göring als Reichsforstmeister und Reichsjägermeister natürlich eine zentrale Figur für diesen Berufswunsch darstellte.

Dass es hinter den Kulissen für ihn nicht zum Besten stand, wusste natürlich keiner von uns.

 

Wir wussten damals im Spätsommer 1944 eigentlich überhaupt nichts. Dass der Krieg bereits verloren war, ist den Generälen    sicher schon bekannt gewesen, aber die haben natürlich nichts gesagt. So wurde auch uns die Wahrheit verschwiegen und wir fuhren völlig blauäugig ohne auch nur den geringsten Schimmer zu haben, was uns erwartete, gen Osten.

Nach einigen Gefechten folgte auf die anfängliche Begeisterung dann auch relativ schnell Ernüchterung.  Zu allem Übel  bekam ich  die Krätze und musste ins Feldlazarett.

Wir konnten uns wochenlang nicht ordentlich waschen und

das Ungeziefer richtete entsprechenden Schaden an. Der Winter 1944/45 war bitterkalt und wir hatten kaum Unterstände, um der größten Kälte zu entgehen.

Ich dachte manches Mal an die Schneeballschlacht im Skilager.

Durch diese „Spielerei“ sollten wir abgehärtet werden. Nicht alle überstanden die eisigen Nächte. Wir mussten uns dann im Zickzack wieder von Warschau nach Westen zurückziehen.

Der Russe kam immer näher und die Gefechte nahmen kein Ende.

Als ich das erste Mal aus dem Feldlazarett zurückkam, fehlte bereits die Hälfte der Kameraden. Es waren einige sehr gute Kumpels darunter gewesen.

Nachts, wenn es keiner sah, weinte ich um sie, dachte auch an Mutter und die kleine Schwester zu Hause in Schlesien.

 

Irgendwie hatte ich Glück.

Im Schützengraben schlief ich einmal völlig entkräftet und übermüdet ein und als ich erwachte, gab es den Wald um mich herum nicht mehr. Staunend blickte ich mich um. Das nächtliche Sperrfeuer hatte ich nicht mitbekommen und wie tot geschlafen. Anscheinend glaubten auch die Kameraden, dass ich nicht mehr am Leben sei.

„Willi, bist du noch da?“ hörte ich meinen Landser Freund leise rufen.

„Ja“, antwortete ich nach der ersten Schrecksekunde. Ich musste austreten, doch wohin sollte ich gehen?

Es machte wenig Sinn, den schützenden Graben zu verlassen. Der Feind stand draußen und wartete wahrscheinlich nur auf einen unvorsichtigen Jungen, der mal eben nur pinkeln wollte.

Ich hätte das allzu menschliche Bedürfnis sicher mit dem Leben bezahlt.

Also machte ich es wie die anderen. Zu essen hatten wir auch nichts mehr und es wurde Zeit, über einen weiteren Rückzug nachzudenken. In der nächsten Nacht kam der entsprechende Befehl. Die Kälte durchdrang die Kleidung, die uns verdreckt und stinkend keinen wärmenden Schutz mehr bot.

Wir zogen uns immer weiter vor den angreifenden Truppen der Roten Armee zurück. Viele waren wir nicht mehr. Später erfuhr ich, dass nur siebzehn von einst hundertfünfzig jungen Männern zurück kamen.

Ich bin einer davon.

Aber was machte das schon, wenn man an die Freunde dachte, die  mit vollem Enthusiasmus losgezogen waren und nun häufig nicht einmal ordentlich begraben, irgendwo im Feindesland bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschossen  herum lagen und anonym ihre letzte Ruhe finden mussten. Unsere Jugend, die Zukunft der ganzen Nation, lag tot auf dem Schlachtfeld.

Zuhause warteten Freundinnen, Mütter und Ehefrauen vergeblich auf ihre Heimkehr. Eventuell würden sie irgendwann ein Schreiben der Wehrmacht erhalten, in dem ihnen mitgeteilt wird, dass der geliebte Sohn, Freund, Ehemann und Vater ihres Kindes gefallen und den Heldentod fürs Vaterland gestorben sei.

 

Dafür konnte sich niemand etwas kaufen. Das Leben ohne den geliebten Partner weiter führen zu müssen, den unsäglichen  Schmerz und die Trauer aushalten, all das müssen die Angehörigen selbst bewältigen. Keiner kann ihnen dabei helfen.

Während unseres Marsches Richtung Westen über holte uns plötzlich ein Wagen mit zwei Feldjägern darin.

Sie stiegen aus und fragten, was wir hier machten.

 

So genau wusste das natürlich niemand. Der Russe war ja nur einen halben Tag hinter uns. Sie meinten, wir wären Deserteure,

nahmen uns die Gewehre ab und wollten uns kurzerhand aufhängen.

Sprachlos und entsetzt bemerkte ich, dass sie es ernst meinten.

 

Ich war doch erst siebzehn und hatte, sollte ich den Krieg heil überstehen, noch mein ganzes Leben vor mir!

Zweimal war ich nun schon im Feldlazarett gewesen. Das erste Mal kurz nach dem wir an die Ostfront gekommen waren. Ich hatte Krätze und Juckreiz am ganzen Körper. Wir konnten uns ja nicht waschen und sauber halten.

Gegen die Läuse und das Ungeziefer waren alle machtlos.

 

Und ein paar Wochen später, verfehlte mich eine Granate nur um  wenige Millimeter. Doch die kleinen Splitter drangen in meinen Nacken ein und ich musste operiert werden.

Zweimal konnte ich  also wieder genesen an die Front zurückkehren.

 

Dann fand ich während eines Gefechts eine Pistole neben einem toten Soldaten. Er konnte sie gewiss nicht mehr brauchen und mir würde sie vielleicht noch gute Dienste leisten. Es war eine nahezu neuwertige „ Mauser“ und noch ehe ich sie neugierig untersuchen konnte, hatte sie mir ein zweiundzwanzigjähriger Unteroffizier bereits wieder abgenommen.

Er fragte mich, ob sie geladen wäre und ich antwortete, dass ich das nicht wüsste, weil ich sie mir noch nicht hätte ansehen können.

Er drückte ab und schoss einem Kameraden in den Fuß.

Selbstverständlich bekam ich sofort die Schuld an dem Unglück und musste ihn zum Vorgesetzten begleiten.

Das Unfassbare geschah: Ich sollte vors Kriegsgericht!

Ich erklärte unserem Hauptmann, dass ich die Waffe gerade erst gefunden hätte und nicht wissen konnte, ob sie geladen sei.

Dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und erzählte, dass ich im Übrigen erst siebzehn wäre und der Unteroffizier im Gegensatz zu mir bereits ein erfahrener Soldat, der doch wesentlich besser wissen müsste, wie man sich in einem solchen Moment verhielte. Der Kommandeur schien beeindruckt zu sein und stimmte mir zu. Ich konnte gehen und war dem sicheren Tod entgangen.

 

Und nun sollte ich schon wieder unschuldig und dann auch noch durch die Hand unserer eigenen Leute sterben?

Diesmal sah es allerdings sehr gefährlich aus. Wir hatten keine Waffen und konnten uns nicht mehr verteidigen. Es war somit auch unerheblich, dass wir vier und die anderen nur zu zweit waren.

 

Ich hatte dem Führer stets treu und enthusiastisch gedient und schloss mehr als enttäuscht mit meinem Leben ab.

In meinem Kopf wanderten die Bilder schnell nach Hause. Ich dachte noch einmal an meine Mutter, die kleine Schwester, meine Onkels und Tanten und an Kamenz in Schlesien.

Wir gehörten zum Kreis Frankenstein. Die Glatzer Neiße floss am Ort vorbei und das Riesengebirge mit dem alten Rübezahl lag vor der Haustür.

Kamenz war eine sehr alte Gemeinde, die sich bereits 1096 im Schutz eines Klosters entwickelt hatte.

Das Kloster wurde später berühmt, als am 27. Februar 1741 König Friedrich II, also Friedrich der Große, dort auf der Flucht vor den Österreichern Schutz fand.

Ich sah das Schloss vor mir, in dem mein Großvater als Ofensetzer Meister die großen alten Kachelöfen reparierte. Wie oft war ich dorthin gelaufen, um den Männern ihr Vesperbrot zu bringen und hatte stundenlang in den vielen Räumen gespielt. Es gehörte natürlich den Hohenzollern und wenn der Prinz anwesend war, wurde immer geflaggt.

Als 1812 das Kloster Kamenz säkularisiert wurde, kaufte die Prinzessin Friederike von Oranien den Ort Kamenz. Ihr Sohn, der später im Jahre 1840 als Wilhelm II König der Niederlande wurde, lebte längere Zeit hier. Die Herrschaft Kamenz ging dann 1830 an dessen Schwester Marianne und wurde Mitgift bei ihrer Hochzeit mit dem Preußen Prinzen Albrecht. Weil das Kloster zwischenzeitlich teilweise abgebrannt war, beauftragte Marianne den Baumeister Schinkel mit dem Bau eines Schlosses, welches 1873 fertiggestellt wurde und im Besitz der Hohenzollernfamilie verblieb.

Kamenz wurde dann Ende des neuzehnten Jahrhunderts ein Eisenbahnknotenpunkt und zählte im Mai 1939 2500 Einwohner.

Breslau liegt etwas nördlich und war mit der Bahn gut und schnell erreichbar.

 

Ich sah in Gedanken unseren Mühlgraben, in dem die Freunde im Sommer badeten und die Neiße, an der ich so gerne gespielt hatte.

Auf den Schulausflügen wanderten wir regelmäßig ins Riesengebirge. Ich bekam stets eine Zitrone von meiner Mutter mit, die ich dann in eine Flasche ausdrückte und mit herrlichem eiskaltem

Bergquellwasser auffüllte. Keine gekaufte Limonade konnte diesen wunderbaren Geschmack ersetzen.

Mutters Klöße und das selbst hergestellte Sauerkraut ließen mir das Wasser im Munde zusammen laufen. Ich war ja im Jahr der Machtergreifung des Führers eingeschult worden und zum Führergeburtstag am 20.April, gab es jedes Jahr Würstchen in der Schule. Was hätte ich jetzt für eine schöne Bockwurst mit Senf gegeben!

 

Das Jungvolk und die HJ hatte ich wie jeder Junge im Dorf durchlaufen. Ein Fahrtenmesser bekam ich irgendwann auch. Es ging uns Kindern gut. Wir hatten sogar Witze über den Führer gemacht und nichts passierte. Die Lehrer waren zwar sehr streng gewesen, aber ich hatte meistens Glück und erhielt kaum Prügel. In der Schlageter Schule zu Münsterberg wollte ich mein Abitur machen und dann Förster werden.

Mit meiner Großmutter ging ich als kleiner Junge oft in den Wald zum Pilze sammeln. Sie war sehr erfahren darin und fand schnell die besten Plätze mit den schönsten Pfifferlingen. Die schlesischen Wälder sind ohnehin ein Naturwunder für sich.

Häufig begleitete uns meine sechzehnjährige Tante, die mir eigentlich mehr eine große Schwester war.

Im November liefen wir Schlittschuh und pünktlich mit dem ersten Schnee, meistens Anfang Dezember, wurden dann die Ski hervorgeholt.

Es gab wunderschöne Berge, die wir hinunter sausten.

Natürlich bauten wir Jungens uns auch einige kleine Sprungschanzen. Es verging kein Wintertag ohne Blessuren oder blaue Flecke, aber das schreckte mich nicht ab. Im Gegenteil. Ich ließ mich immer wieder hinuntergleiten, presste dann die Arme an meinen Körper und stellte die Füße zusammen, um soweit wie nur möglich zu fliegen.

 

Mein Leben lief in diesen schrecklichen  Augenblicken wie in Zeitlupe an mir vorbei.

 

Was dann geschah, übertraf allerdings alles, was ich bisher erlebt hatte. Auf einmal entriss der Fallschirmspringer einem der Feldjäger das Maschinengewehr und plötzlich lagen beide Feldjäger tot am Boden.

 

Wir rannten los. Wieder lief ich um mein Leben.

Ein LKW hielt neben uns an.

Darauf saßen die wenigen Kameraden, die übrig geblieben waren.

Unser Kommandeur wusste schon lange, dass wir den Krieg verloren hatten. Er wollte nicht auch noch die letzten seiner Soldaten sinnlos verheizen.

Wir fuhren nicht mehr nach Berlin sondern Richtung Ostsee.

So konnte ich dem ‚Kessel‘ entfliehen.

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Angst, Göhring, Heldentum, Reichsarbeitsdienst, Tod

Jahr

1943

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