Krieg und Kriegsende: Meine betrogenen Brüder

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Meine betrogenen Brüder

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 08.05.2009
Zuletzt bearbeitet am 18.05.2009

Autor dieses Beitrags

Werner Christiansen

Haupttext

Von den fünf Jungen meiner Niebüller Familie war ich, (Jahrgang 1936), wie auch mein Bruder Erhard (Jahrgang 1940) vom Krieg kaum unmittelbar betroffen. Auf das Leben meiner älteren Brüder, Peter (Jahrgang 1923), Harald (Jahrgang 1924) und Helmut (Jahrgang 1927) aber hatte der Krieg erhebliche Auswirkungen. Helmut, der noch 1945 an die Front geschickt wurde und in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet, kam einigermaßen glimpflich davon. Peter und Harald dagegen traf der Krieg besonders hart. Das wurde mir kürzlich wieder vor Augen geführt, als ich beim Durchstöbern alter schwarz-weiß Fotos auf ein Bild stieß, das mich stark berührte. Es stammt aus dem Jahr 1942 und zeigte meine Brüder Peter und Harald in Uniform des Reichsarbeitsdienstes auf einem Bahngelände irgendwo in einem osteuropäischen Land. Einmal mehr macht dieses Bild mir bewusst, wie meine Brüder und Millionen andere junge Menschen um ihre Jugend betrogen wurden. Ich kann mich gut daran erinnern, dass dieses Foto in meiner Familie große Freude ausgelöst hat, denn durch einen wundersamen Zufall sind sich meine Brüder auf dem Weg zu ihren jeweiligen Stellungen begegnet. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass sie sich sahen. Es war ein Wiedersehen und gleichzeitig ein Abschied für immer. Harald fiel am 28.12.1944 in Kurland, gerade mal 20 Jahre jung. Peter überlebte drei Jahre Ostfront, etliche Verwundungen und eine 5jährige Kriegsgefangenschaft in Sibirien.

Peter

Ich habe meinen großen Bruder bewundert. Für mich war er ein Held, denn auch wir Kinder konnten uns dem Einfluss unseres Umfeldes nicht entziehen. Wir hörten, wie die Erwachsenen über den Krieg sprachen, von Wunderwaffen und Heldentaten erzählten. Deshalb übten Krieg und Heldentum eine große Faszination auf uns Jungen aus, was sich vor allem in unseren Spielen manifestierte. Unsere Lieblingsbeschäftigung damals war Soldat spielen, exerzieren und „Krieg“ führen gegen rivalisierende Cliquen, wie zum Beispiel die aus dem Nachbardorf Deezbüll. Die Erinnerung an Peter aus diesen Tagen ist nur unscharf. Das lag nicht nur am Altersunterschied, sondern an den derzeitigen Umständen, weil mein Bruder sofort nach dem Abitur zur Wehrmacht eingezogen wurde und nur selten zu Hause war. Was mir jedoch im Gedächtnis geblieben ist, sind seine Heimaturlaube von der Ostfront, wenn er in seiner schneidigen Offiziersuniform durch Niebülls Hauptstraße ging und bewundernde Blicke auf sich zog. Er entsprach genau dem Idol eines Jungen aus diesen Tagen. Mir fielen vor allem die silbernen Kordeln und die Seitenwaffe an seiner Ausgehuniform, ein Säbel, ins Auge. Ich konnte bei meinen Freunden mit ihm gewaltig angeben: „Der Oberleutnant mit den vielen Orden und dem Säbel, das ist mein Bruder“, prahlte ich voller Stolz. Es dauerte lange bis ich Peter nach seinem letzten Heimaturlaub in Niebüll wieder sah. Da trug er nicht mehr die schneidige Offiziersuniform, die ich so sehr bewundert hatte, sondern die derbe, wattierte Kleidung des deutschen Kriegsgefangenen. Halb Niebüll war auf den Beinen und pilgerte zum Bahnhof, um ihn als Spätheimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zu empfangen. Die Freude in unserer Familie war überwältigend.

Harald

Auch meine Erinnerungen an Harald sind nur verschwommen und beschränken sich wie bei Peter auf die wenigen Tage, die er in seinen Heimaturlauben von der Front bei uns in Niebüll verbrachte. Seine liebevolle Art, mit mir und meinem jüngeren Bruder umzugehen, habe ich jedoch nicht vergessen. Ich entsinne mich gut, wie er mit mir herumgetollt ist und dass ich auf seinen Schultern geritten bin. Ganz besonders eine Begebenheit hat sich nachhaltig in mein Gedächtnis eingegraben. Während seines letzten Urlaubs, in der Nacht bevor er wieder an die Front zurückkehren musste, bin ich ohne einen Anlass plötzlich wach geworden, an das Bett meines schlafenden Bruders getreten und habe zu weinen angefangen, als hätte ich geahnt, dass ich ihn nie wieder sehen würde. Als die Todesnachricht überbracht wurde, war ich zugegen. Es dauerte eine Weile bis ich wirklich verstanden hatte, was geschehen war und in meiner Not beschäftigte ich mich eine mir endlos vorkommende Zeit intensiv mit meinen Schnürsenkeln, weil ich nicht wagte, aufzuschauen und in die verzweifelten Gesichter meiner Eltern zu blicken. Mit der Todesnachricht wurde auch die persönliche Habe meines Bruders übergeben, unter anderem eine Brieftasche, die ein großes Loch mit einem unscharfen Rand aufwies, das angeblich von dem Granatsplitter herrührte, welcher zu seinem Tod geführt hatte. Heute glaube ich, dass die Brieftasche manipuliert wurde, um unseren Schmerz mit der Version eines sofortigen Todes ohne Leiden zu lindern. Haralds Brieftasche enthielt neben Feldpostbriefen und Familienfotos auch das Gedicht von Friedrich Hebbel „Ich sah des Sommers letzte Rose stehn, sie war, als ob sie bluten könne, rot. Da sprach ich schaudernd im Vorübergehn: So weit im Leben, ist so nah am Tod“.

Im März diesen Jahres teilte mir der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit, dass man Haralds Grabstätte, die bislang als unbekannt gegolten hatte, ausfindig gemacht hat und das die sterblichen Überreste meines Bruders auf die Kriegsgräberstätte für die deutschen Kriegstoten des Kurlandes im lettischen Saldus (Frauenburg) übergeführt werden. Sobald die Beschriftung der Gräber beendigt ist, werde ich dorthin fahren, um dann endgültig Abschied zu nehmen.

Jenes alte schwarz-weiß Foto meiner Brüder hat einige, zum Teil verschüttete Erinnerungen, wiederaufleben lassen und in mir Gefühle ausgelöst, die ein Gemisch von Trauer, Wut und Dankbarkeit sind. Trauer über den sinnlosen Tod meines Bruders Harald, Wut auf diejenigen, welche viele Millionen junge Menschen für ihre verbrecherischen Ziele verführt, missbraucht und um ihre Jugend betrogen haben, tiefe Dankbarkeit darüber, dass ich vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt wurde, weil ich in jenen Zeiten zu jung war.

Bilder
Bild
Bildunterschrift

Peter und Harald Christiansen

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Familiengeschichte, Kriegsauswirkungen

Ort

Niebüll

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