Krieg und Kriegsende: Gesammelte Briefe von Wilhelm Christian Wilkens.

[Titel und Untertitel

Gesammelte Briefe von Wilhelm Christian Wilkens.

Mein Beitrag
Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 23.04.2009
Zuletzt bearbeitet am 23.04.2009

Autor dieses Beitrags

zusammengestellt von Hanna Justi

Haupttext

 

Wilhelm Christian Wilkens, geboren 11.6.1908, gestorben 5.10.1948 verheiratet mit Frieda Johanna Wilkens geb. Flor

Vater Friedrich Asmus Hans Wilkens aus Neumünster, Mutter Anna Maria Wilkens geb. Pedersen aus Blans in Dänemark.

Bruder Hans ist im Alter von 21 Jahren ertrunken. Bruder Otto fiel 1941 als Soldat in Russland. Bruder Karl lebte in Northeim. Schwester Katharina lebte in Kiel

Er hinterließ 3 Söhne und eine Tochter

Nach der mittleren Reife lernte Wilhelm C. Wilkens (WW) zunächst in einer kleinen Motorenfabrik Kaufmann, dieser Betrieb musste bald schließen und er beendete seine Lehrzeit bei der Fa. Saggau, Möbelfabrik und Verkauf, in Neumünster. Er ging dann nach Hamburg zur Fa. Bornhold, holte sich dort im Teppichlager eine Vergiftung und bekam später eine Stellung im Möbelhaus Köster (auch mit Fabrikation) .in Schleswig.  Dort hat er geheiratet und dort sind auch seine Kinder geboren. Vom ersten bis zum letzten Tag des schrecklichen Krieges 1939 bis 1945 war unser Vater Soldat und konnte nur sehr selten nach Schleswig kommen. Er sagte einmal, er würde alles in seiner Macht stehende tun, um mit seiner Familie diesen Wahnsinn zu überleben. Leider ist er 1948 bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

  Hier einige Briefe:

„Mein lieber Ernst!  

Das Expresspaket mit meinem Schuhzeug habe ich erhalten und danke Dir für die prompte Erledigung. Inzwischen wirst Du auch meinen Brief bekommen haben mit dem beigefügten Schreiben an Oberst Stams. Ich nehme an, dass meine Sache dort klar kam.

Ich habe nun eine große Bitte von meiner Firma aus. Ich brauche dringend 2 Reifen, an liebsten komplett mit Felgen 6,00 bis 7,25 x 20. Es können auch 18er Reifen sein dann natürlich komplett mit Felgen. Du könntest diese Dinger – meinen Namen als Absender benutzend – per Frachtgut nach hier schicken. Ich überweise Dir dafür den handelsüblichen Preis. Sieh doch bitte zu, dass Du mir helfen kannst. In übrigen kann ich mich immer noch recht ärgern, dass wir trotz unserer verzweifelten Anstrengungen nichts ändern konnten. Hoffentlich bist Du inzwischen mit deinem Gerät  von der Straße und hast einen, wenn auch bescheidenen Unterschlupf finden können.

Ich würde mich freuen, recht bald von Dir zu hören. Mit herzlichen Grüßen auch von meiner Frau bin ich Dein WW

 

                                                                                                          25. Februar 1946

 Mein lieber Ernst.

An sich bin ich ja etwas enttäuscht, von Dir auf meine letzten Schreiben und nach meinem Weggang von dort nichts mehr gehört zu haben. Wenn ich auch überzeugt bin dass Deine Zeit mehr in Anspruch genommen ist, die Werkstatt endlich einmal unterzubringen und mit ihr zum Arbeiten zu kommen, so glaube ich doch, dass Zeit für ein paar Zeilen an mich gewesen wäre. Ich habe noch einmal an Lungwitz in demselben Sinne wie an Stams geschrieben, da ja, weil ich nichts von Dir hörte. angenommen werden kann, daß dieser Brief verloren ging.

Beim Sichten meiner Brieftasche fand ich noch Deinen Einlieferungsschein für die Sparkasse in Oldenburg. Ich gebe ihn Dir hiermit zurück, da Du ihn voraussichtlich noch gebrauchen wirst

Vor etlichen Tagen schrieb ich an Hauke (Sohn von Ernst, Patenkind von W.W. in Einbeck. H.). Ich hoffe, daß mein Brief ankommt. Welche Nachricht hast Du von zu Hause? Kann S. gut an?

In der Hoffnung, dass Dich dieser Brief zu einem kurzen Bericht veranlassen wird, bin ich mit herzlichen Grüßen Dein WW

                                                                                                                     3. Advent 1945

Lieber Willy!

Ich hoffe, dass Deine Familie wohlbehalten über die Schrecken des Krieges gekommen ist und dass Du wieder bei Deinen Lieben weilst. Damit Du siehst, dass es auch mich noch gibt, hier ein Lebenszeichen! Beinahe hätte es mich nicht mehr gegeben, denn ich wurde bei einem Stoßtrupp im Kessel von Nancy durch M.G.Querschläger sehr schwer verwundet; ich musste liegen gelassen werden und kam so ziemlich im letzten Moment ins amerikanische Lazarett. Aber mein Geschick wollte es mir gut: sogar das Holzbein blieb mir erspart, allerdings habe ich zehn Monate in bester Behandlung zugebracht, davon 7 Monate  unbeweglich am Rücken in  verschiedenen Gipsen und Streckverbänden.

Da meine Familie ausgewiesen ist, wobei wir total alles verloren haben, ließ ich mich in die Brit. Zone entlassen. Hier wollte ich gerade Arbeit suchen, als ich in Braunschweig aus der Straßenbahn fiel und das zerschossene Bein abermals brach. Ja, Glück muß man haben! Jetzt liege ich also im Spital und philosophiere.

Lieber Willi, was macht Schleswig und die Schlei? Was der Seehorst? Es würde mich sehr freuen, von Dir etwas zu hören.

Bitte empfehle mich Deiner Frau Gemahlin. Mit besten Wünschen für Weihnachten 1945 bin ich herzlichst Dein Sepp Wollitzer.

 

5. März 1946

 Mein lieber Lothar.

Heute morgen gingen Deine beiden Briefe bei mir ein. Der Brief war erst am 12.3. von Wyk/Föhr abgestempelt und scheint dort so lange gelegen zu haben. Die Anschrift lautete schlicht und einfach „Möbelkaufmann W.W., Scheswig-Holstein“. Da nun in Schleswig-Holstein immerhin so 5 – 6 Millionen Menschen leben, ist es ganz beachtlich von der Post, mich so schnell gefunden zu haben.

Auf jeden Fall habe ich mit großer Freude davon Kenntnis genommen, dass Du lebst und, wie ich, heil aus dem Krieg gekommen bist. Wir sagten ja schon immer derzeit – was haben wir verbrochen, dass es uns so gut geht – und waren uns wohl auch einig darüber, dass es nicht immer so weiter gehen würde. Allerdings ahnten wir damals wohl nicht, dass wir so hoffnungslos in die Tinte kommen würden.

Ich will Dir  nun in aller Kürze berichten, wie es mir inzwischen erging. Bald nach meinem Weggang von der damals so schönen 17. ging es ja mit Volldampf in der Normandie los. Vom 8. Juni ab waren wir dazwischen. Ich hatte die Betriebsstoffversorgung unseres Korps und monatlich immerhin 1.5 Millionen Liter Verbrauch. Du kannst Dir ungefähr vorstellen, was es hieß, diese Menge immer heranzuzaubern. Als Letzte gingen wir aus den Kessel St.Loo und retteten uns am 24.8. nach Rouen und von dort ging es wieder weiter in das Gebiet der 17. in die Nähe von Ivetot. Ende August ging es dann mit dem letzten Zug an Amiens und der belgischen Küste entlang nach Nancy und von hier dann Mitte September nach Köln, um nach wenigen Tagen wieder einen Abschnitt zwischen Venlo und Nimwegen zu übernehmen. Hier hatten wir Fallschirmjäger dann wieder mal die Ehre. als letzte Reserve den Weselbrückenkopf zu halten und zogen uns dann wieder siegreich absetzend nach Oldenburg zurück. Hier erreichte uns der Wahnsinnsbefehl, mit den Korps und den Trümmern zweier Fallschirmjägerdivisionen nach Berlin eingesetzt zu werden und wurden auch bei Wesermünde und Cuxhaven über Weser und Elbe gesetzt mit dem Ziel, im Holsteinischen zu sammeln um dann im Landmarsch Richtung Berlin zu marschieren. Die Übersetzerei ging jedoch mit den zur Verfügung stehenden Mitteln so langsam vor sich, dass nur Teile des Korpsstabes und der 7. und. Division Holstein erreichte. Die Restteile wurden bei Cuxhaven gefangen gesetzt. Ich hatte in Anerkennung meiner Leistungen den Auftrag bekommen, eine Kolonne mit etwa 40 Kfz, 215 Mann und 8 Off. und Beamten von Oldenburg zum Einsatzort zu führen. Am Kai in Brunsbüttelkoog bekam ich schon den Befehl, nach Schleswig  auszuweichen und fuhr nun, um einer Gefangenschaft in letzter Minute zu entgehen, mit A.K. an der Westküste meiner Heimatprovinz und kam, nachdem ich monatelang nichts von meiner Familie gehört hatte, wohlbehalten zuhause an.“

Auch wir hatten nichts von unserem Vater gehört.  Wir bekamen unsere Informationen von der Wochenschau im Kino und aus dem „Volksempfänger“, der immer nur noch von Siegen, dem “Endsieg“ sprach. Ausländische Sender zu hören, zog hohe Strafen nach sich, wenn man erwischt wurde, und man konnte niemandem trauen. Die großen Radios mussten wir abgeben. Ich war damals 13 Jahre alt. Wir hatten schulfrei und mussten mit Leiter- und Kinderwagen zum Bahnhof gehen und den dort ankommenden Flüchtlingen (zum großen Teil in Güterwagons) helfen, zu ihren Quartieren zu kommen. Fast in jeder Wohnung wurde jeder Raum mit einer Familie belegt, genau wie alle Schulen der Stadt.   Sonst saßen wir Kinder oft am Denkmal an der Kreuzung Lollfuß – Flensburger Straße und sahen den fast ununterbrochen vorbeiziehenden Menschen zu. Gefangene Soldaten – meist Russen, Soldaten zu Fuß und auf Panzern oder Lastwagen. Flüchtlinge zu Fuß, mit Ziehwagen oder manchmal auch mit voll gepackten Pferdefuhrwerken. Menschen und Tiere völlig erschöpft. Die Menschen hatten ihre Heimat verlassen müssen, waren unter Todesangst geflohen und hofften in Richtung auf Dänemark jedenfalls ihr Leben zu retten. Wir konnten die Geschichten, die sie erzählten, oft gar nicht glauben, so entsetzlich war das alles.  So  konnten wir unser Glück kaum fassen, als plötzlich die ganze Schleistraße entlang unser Vater mit seiner ganzen Kompanie und vielen Militärfahrzeugen stand. – Hanna.

„Wir bezogen etwa 12 km von hier Quartier und ich konnte jeden Tag zuhause sein. Ende Mai ging es in ein Sammellager nach Süderdithmarschen. Von hier türmte ich Ende Juni und meldete mich in einem Lager in der Nähe Schleswigs und wohnte jetzt zu Hause und ging nur alle paar Tage, um nach dem Rechten zu sehen. Am 31. August wurde ich endgültig entlassen, nachdem ich schon 6 Wochen vorher bis zur endgültigen Entlassung großzügig beurlaubt wurde.

Von Euch hatte ich  hin und wieder gehört. Beim Rückmarsch in Frankreich traf ich mit einer San.-Kolonne auf der Straße zwischen Rouen und Evreux Stabsarzt Schmitz, der zur 18. Div. kommandiert war. Er erzählte mir von Eurem Pech. Dann traf ich an der Übersetzstelle etwas oberhalb Fleury an der Seine – wo ich mit einigen Lastwagen mit Benzinkanistern versuchte, möglichst viele wegen Spritmangel liegen gebliebene Kfz. zu retten – Oberwachtmeister Pauly von der 30t0 Kolonne. Wir verloren uns in dem Getümmel aber schnell wieder. Er lief mir dann wieder über den Weg beim 86.A.K., wo er bei der Korpskolonne war. Sein Chef war Ltl. Hans Herbrich. Lukas war dort  der O 2 beim Quartiermeister von Warning hörte ich auch, wenn ich nicht irre, war er Chef des Stabes des 63.A.K.. Dieses Korps übernahm unseren Abschnitt bei den Röhrstellungen und wurde dann Ende Februar hemmungslos überrannt.

Von Gerd Henning hörte ich zuletzt durch Funk aus St.Nazeir, über seinen Verbleib konnte ich noch nichts in Erfahrung bringen, da seine Frau aus Rudolstadt geflüchtet war mit unbekanntem Ziel.

Mit Ernst Reißig war ich fast ständig zusammen. Von Terroristen erhielt er im Juli  44 eine Verletzung der linken Hand und kam nach Ausheilung der Hand im Oktober zum Ersatztruppenteil nach Buchenbühl, von wo ich ihn wieder zu mir holen konnte und ihm eine Werkstattkompanie bei der 8. Div. besorgte. Die hat er glücklich mit nach Schleswig-Holstein gebracht und war seit Mai vorigen Jahres im Lager Putlos in Holstein und hat hier noch bis Ende Januar gearbeitet. Mitte Januar wurde er entlassen. Wir beide haben versucht, mit einem Teil der Geräte – er war mittlerweile fantastisch eingerichtet – für den Beauftragten der Flüchtlingsdurchgangslager im Bereich des 8. brit. Korps eine Werkstatt aufzuziehen und diese nach Erledigung dieser Aufgaben käuflich zu übernehmen. Wir hatten es geschafft, das Gerät mit sämtlichen Fahrzeugen und mit 32 Mann vom Engländer freizubekommen. Obwohl wir das gesamte Gerät bereits im Flüchtlingslager hatten und auch die Anstellungsfrage  zur allseitigen Zufriedenheit gelöst hatten, ist es deutschen Dienststellen gelungen, unsere Pläne zu durchkreuzen und das Gerät auseinander zu bringen. Ernst ist jetzt an einer Autowerkstatt in Einbeck/Hann. beteiligt. Er ist erst vor einigen Tagen dorthin gefahren und ich habe deshalb noch keine Ahnung, ob sich seine Sache dort lohnt. Er hat Verbindung mit seiner Frau und seinen beiden Buben, die den Krieg in Dresden gut überstanden haben und die sich sehnlichst wünschen, nach Einbeck übersiedeln zu können.

Ich selbst konnte in meiner alten Branche einstweilen nichts mehr werden, wegen völligen Fehlens irgendwelcher Materialien: zurzeit bin ich mäßig bezahlter Geschäftsführer einer Selterwasserfabrik |sie stellten u. a. Heißgetränke aus einem grässlichen roten künstlichen Sirup her, aus dem Mutti uns „Rote Grütze“ kochte. Vati holte sich dazu aus dem Fliegerhorst am Holm von den Engländern ihre leeren Juiceflaschen. H.|  und betrachte diese Tätigkeit als Überbrückung der derzeitigen schaurigen Wirtschaftslage.

Nun zur Hauptsache. Grüß bitte recht herzlich Deine Frau von mir. Ich freue mich, dass Ihr so schnell wieder zusammengefunden habt und dass nun dieses Zusammenkommen gekrönt wurde durch das Erscheinen eines Buben. Ich gratuliere herzlichst und wünsche ihm eine bessere Zukunft als uns beschieden war.

Hier in unserer Gegend sind sehr viele Kösliner. Es gibt hier sogar – nach altdeutscher Art – schon einen Kösliner Verein. Ich werde mich schleunigst bemühen, etwas über Deine Eltern zu erfahren und werde dann berichten. Hier bei uns kommen zurzeit auf einen Einheimischen etwas über zwei Fremde. Du kannst Dir die hier herrschende Wohnungsnot vorstellen.

Dieses alles in Kürze. Mit herzlichen Grüßen, Wilhelm

Bilder
Bild
Bildunterschrift

Wilhelm Christian Wilkens

Bewertungen
Wie anschaulich finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 0Jetzt bewerten
Wie informativ finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 0Jetzt bewerten
Weitere Informationen
Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Briefwechsel

Ort

Northeim

Pinnwand

  • Auf dieser Pinnwand wurden noch keine Einträge hinterlassen.

Hier anmelden

Sie sind noch kein Mitglied der Community?

Jetzt beteiligen

Jetzt einen Beitrag verfassen