Krieg und Kriegsende: Brief an meinen Stiefvater

[Titel und Untertitel

Brief an meinen Stiefvater Familienschicksal

Mein Beitrag
Ersteller und Datum

Erstellt von Eggert Mumberg am 14.09.2017

Autor dieses Beitrags

E.Mumberg aus dem Nachlass der Eltern

Haupttext

Über das Schicksal von Fritz Burmeister und seiner Familie berichtet ein Brief seines Bruders Karl, geschrieben am 30.11.1945 in Sternberg/Mecklenburg. Fritz war verheiratet mit Liese Alexander, sie hatten 2 Töchter Renate und Hella. Fritz war auf dem Flugplatz in Leck( Schleswig-Holstein) interniert, arbeitete dann als Helfer in der Landwirtschaft in Schnatebüll und wurde dann wieder in den Schuldienst übernommen. Seine erste Schulstelle war das Zollamt in Pepersmark. Zuletzt war er Lehrer in Medelby (Eggert Mumberg)

 

3 Sternberg, Merfelberg(?), 30. Nov.1945

Finkerstr(?) 16

 

Mein lieber Bruder!

Gestern habe ich von Hause Deine Adresse erfahren und muß Dir nun leider die schmerzlichste Enttäuschung bereiten. Du wirst von Hause inzwischen schon Nachricht haben. Also: Deine Liesel und Deine beiden Mädchen ruhen hier in Frieden auf unserem Kirchhof, alle drei in einem Grab neben den Meinen. Alle sind freiwillig aus dem Leben geschieden am 4. Mai. Am 3. rückte die Rote Armee ein. Was vor sich gegangen ist, kann ich nicht schreiben. Das muß einem mündlichen Bericht vorbehalten bleiben. Alexanders habe ich alles berichtet. Ich traf sie auf der Beerdigung unserer lieben unvergeßlichen Mutter. Du wirst auch das erfahren haben. Kummer und Schmerz haben wohl unsere Mutter vorzeitig ins Grab gebracht. Für Alexanders war es ein Trost, daß Lisel mit ihren Kinder so entschlossen und tapfer gestorben ist. Sie hat die Mädchen und sich durch Kopfschuß getötet. Die Mädchen schliefen vor Erschöpfung. Wir sind ins Wasser gegangen, Else mit der Kleinen, Helga aus eigenem Entschluß, ebenso Schwiegermutter. Ich habe noch alles an Überredungskunst eingesetzt, um das Schreckliche zu verhindern. Aber im entscheidenden Augenblick war kein Halten. Alles vollzog sich in Blitzesschnelle. Auch meine haben schnell einen Tod gefunden ohne jede Quälerei. Nur ich bin unglücklicherweise am Leben geblieben. Ich konnte schwimmen und der erwartete Herzschlag trat nicht ein. Als ich dann Liesels Pistole nehmen wollte, war sie schon weg, auch 13 Tabletten Veronal schlugen nicht an. Ich bin wohl 8 Tage bewußtlos gewesen und ich hätte dann noch was unternommen, wenn mich Freunde und Bekannte nicht energisch zur Pflicht gerufen hätten. Liesel und die Kleinen sind von gefangenen deutschen Landsern, wie mir erzählt worden ist, im Nachbargarten beerdigt. Nach einigen Tagen wurden meine Lieben auf dem Friedhof beigesetzt ohne Sarg und irgendwelche Förmlichkeit, ich war nur allein dabei. Einen Tag später wurden deine umgebettet. So liegen nun beide in zwei Gräbern nebeneinander. Mir bleibt nur, die Gräber zu pflegen und manche heimliche Träne mußte ich vergießen. Das wird Dir auch wohl nicht erspart bleiben. Unsere Mutter war unverdrossen im Schreiben, sie hat wohl erst im Juli Nachricht bekommen von mir. Immer wieder schrieb sie mir, den Mut nicht sinken zu lassen und den Kopf wieder hochzuhalten. Ich hätte ihr nur noch gegönnt, zu erfahren, daß Du noch lebst, das wäre auch eine Freude für sie geworden. Von Karl V(enzmer). wusste sie noch, dass er in Hamburg und Umgegend war. Inzwischen ist er in Wismar eingetroffen. Doring erwartet im Dezember, hoffentlich hat sie Glück. Für uns beide ist das Leben jetzt ziemlich sinnlos geworden. Wir müssen aber hoffen, dass wir auch doch noch wieder den Anschluss erhalten. Ich bin wie alle anderen Pg. aus dem Schuldienst entlassen. Der Unterricht ruht hier fast durchweg, wird höchstens von irgendwelchen zweifelhaften Laienlehrkräften erteilt. Die Elternschaft ist äußerst unzufrieden, kann aber hier nichts durchsetzen. Ich habe den Sommer über Panzersperren beseitigt, eine gesprengte Brücke mit aufräumen helfen, Kartoffeln verladen und so weiter. Augenblicklich bin ich im Wald beschäftigt. Wir.... den Ginster aus Kiefernanpflanzungen heraus. Was weiter wird, weiß ich nicht. Mein Haus ist seit 5. Mai von Russen besetzt. Meine Sachen sind fort (?) Anzüge, Wäsche und dergleichen habe ich kaum noch. Es ist alles furchtbar trostlos hier. Liesel ist als Flüchtling mit den beiden Kindern unendlicher Mühsal aus dem Wege gegangen. Ich erlebe auch nur immer neue Demütigungen und Schikanen. Du wirst Dir bei euren Verhältnissen drüben kaum von uns eine Vorstellung machen können. So gerne Vater vor allem und Alexanders Dich wohl sehen würden, kann ich Dir nur raten noch dort zu bleiben. Deine Heimat mit deinem Glück ist doch dahin. Versuche nur dort in den Schuldienst übernommen zu werden. Jedenfalls hier bleibt Dir zunächst nichts. Wir warten alle sehnlichst auf Änderung der politischen Lage. Ob wohl damit zu rechnen ist? So ist es trostlos. Die Lebensmittelversorgung ist mehr als schlecht, ich bin in einem Zimmer von Schwiegermutters früherer Wohnung. Eine Einwohnerin macht es mir mit fertig und gibt mir auch zu Essen ab. Wenn ich arbeitslos würde, ginge ich zu Vater nach Dargun, aber meine Stellung möchte ich hier nicht so schnell aufgeben. Man hofft doch immer noch auf Wandlung. In meinem Haus möchte ich nicht mehr wohnen, nach allem, was wir da durchgemacht haben. Also nochmals Kopf hoch, Bruder, und herzliche Grüße. Mit Schmerzen Karl.

Bilder
Bewertungen
Wie anschaulich finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 0Jetzt bewerten
Wie informativ finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 0Jetzt bewerten
Weitere Informationen
Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Familienschicksal

Jahr

1945

Pinnwand

  • Auf dieser Pinnwand wurden noch keine Einträge hinterlassen.

Hier anmelden

Sie sind noch kein Mitglied der Community?

Jetzt beteiligen

Jetzt einen Beitrag verfassen