Krieg und Kriegsende: Schwarzgeschlachtet - rot gesehen

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Schwarzgeschlachtet - rot gesehen Ende 1944 ging es uns beinahe so schlecht, wie den Fluechtlingen heute.

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Erstellt von Sabrina Böhmer am 11.02.2016

Autor dieses Beitrags

Hanspeter Stüven

Haupttext

In unserem grossen Dorf gab es 1944 noch eine Volksschule. In unserer Klasse hatten sich fünf Kameraden zu einer Freundesgruppe zusammengefunden: Vier Jungs und ein Mädchen Sie hiess Katharina, Rina, wie wir sie liebevoll nannten, spielte nicht mit Puppen, hasste Kleider und rosa Schleifen imm Haar. Rina war das einzige Kind und die Tochter des größten Bauern im Dorf und der weiteren Umgebung. Dieser Bauer, war ein übler Volksgenosse:  großspurig, immer schlechter Laune, anmassend mit lautem Organ und ekelig im Umgang mit so gut wie allen Menschen, überaus geizig, aber gierig. Er war im Gemeinderat vertreten, hatte einen führenden Posten im Bauernverband, Parteimitglied sowieso.

Seine Tochter mochte er nicht, wir sie aber um so mehr, weshalb sie unsere Anführerin war.

Das Dorf nannte uns die „Hungerbande“, weil wir ständig Kompensationsgeschäfte tätigten. Wir tauschten Fahrraddynamos gegen Mettwurst. Brauchte jemand eine Fahrradkette, musste er in Naturalien bezahlen.

Viele Dinge konnten wir Fünf bei dubiosen Organisationstouren besorgen, nur keine Fressalien, wie wirf die raren Lebensmittel nannten.

Plötzlich, hiess es, gab es kein Salz mehr, doch die Hungerbande wusste eine Lösung: In der Küche des Marinelazaretts hatten sie genug Salz und bald darauf waren 20kg unser.

Auf dem Hof hatten wir, dank Rina, stets freien Zutritt. Zu den dort arbeitenden russischen Kriegsgefangenen hatten wir ein Bombenverhältnis. Wenn Ivan und Kasche melkten, zweigten sie uns drei Liter frische, fette, warme Milch ab, weil wir ihnen Heu und Stroh vom Boden holten oder Rüben schnetzelten oder die Schweine fütterten. Manchmal steckten sie uns ein „Stickchen Wurscht“ zu, wie sie die Mettwurst nannten und so werden die beiden unsere Freunde.

Kurz vor Weihnachten verrieten sie uns, dass der Bauer vier Schweine schlachten wolle. Am nächsten Tag drückten wir fünf uns an einem Seitenfenster, mit freiem Blick auf die Diele, platt.

Oh Mann, oh Mann, was waren das für riesige leckere Fleischberge, mit denen der mHerr Hausschlachter auf dem riesigen Tisch hantierte!

Und wir flüsterten uns zu: „Einmal ein solch grosses goldgelbes Kotelett oder ein knuspriges Stück Bauchfleisch auf dem teller haben? Was wäre das für ein Weihnachten!“

Urplötzlich stand der Bauer hinter uns, hielt uns Achtjährige fest, brüllte so etwas von Strafe von wegen verbotenem Belauschen und Bespitzeln und „Ihr kommt alle sofort ins heim für Schwer erziehbare“.

Während er schrie und fluchte, entdeckte er seine Tochter. Es riss Rina von uns weg, packte sie am Arm und die beiden verschwanden wortlos im Haus.

Gleich darauf kam Rina Mutter zu uns, erklärte uns ihre „Berchtigung“ zum Schlachten und dass das Fleisch fast alles oder hauptsächlich an das Marinelazarett gespendet würde und sie entschuldige sich für ihren Mann.

Als wir ihr schworen, nichts vom Schwarzschlachten zu verraten, gab sie uns eine alte Tomatenkiste mit Leber-, Blut- und Gruetzwurst. Es war Presskopf dabei, 2 Sorten Speck, 3 geräucherte Schinkenstücke, mehrere Stücke frisches Bauchfleisch und die freien Stellen aufgefüllt mit braunen Eiern. Welch ein Weihnachtsfest 1944!!

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Kinderbande, Schwarzschlachten

Jahr

1944

Ort

Sylt

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