Krieg und Kriegsende: Weihnachtszeit in meiner Kindheit

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Weihnachtszeit in meiner Kindheit

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Ersteller und Datum

Erstellt von Sabrina Böhmer am 07.12.2015

Autor dieses Beitrags

Renate Strauss

Haupttext

Unsere Flucht aus Westpreußen begann im Januar 1945. Mit Pferden und Wagen waren wir, meine Mutti, wir drei Kinder und meine Oma und Opa auf sehr glatten Strassen und starkem Schneetreiben unterwegs. Mein Papa war beim Volkssturm.

Nach vielen Unterbrechungen, wir übernachteten auf Bauernhöfen, Schulen, Turnhallen und Gütern, waren wir dann Mitte März in Niedersachsen gelandet und bei einem Bauern untergebracht. Wir waren nicht immer gerne gesehen, aber mit der Zeit wurde es doch

ein gutes Miteinander. Inzwischen war auch mein Papa wieder bei uns. Ich war damals 5 Jahre alt und kann mich doch noch an so vieles erinnern: So allmählich hatten wir uns in unserem neuen Zuhause eingelebt. Da es viele Flüchtlingskinder gab, hatten wir immer Jemand, mit denen wir draußen spielen konnten. Dann kam die dunkle Jahreszeit, die war für uns Kinder ganz besonders schön.

Es war inzwischen schon das Jahr 1946-1947, da wurde hinten auf dem Hof in einem großen Kessel Sirup aus Zuckerrüben gekocht. Ich mochte diesen Duft damals sehr. Abends gab es oft Mehlsuppen mit Sirup, nein, die könnte ich heute gar nicht mehr essen, es gab sie einfach zu oft. Wie gerne hätte ich mal Pudding oder Griesbrei gegessen, aber das alles gab es in der Zeit nicht. Wenn wir abends so richtig durchgefroren wieder rein kamen, empfing uns der Duft von Bratäpfeln, die in der Röhre des alten Kachelofens schmorten. Wir hatten keine Bücher und Spiele. Ich erinnere mich, dass Opa uns ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel auf Pappe gemalt und einen Würfel geschnitzt hatte, versehen mit den Punkten 1-6. Die Hütchen waren getrocknete, bunte Bohnen. Das ging damals alles und machte Spaß. Da in dieser Zeit doch Strom gespart werden musste, gab es oft Stromsperren. Bei Licht aus der Petroleumlampe erzählte uns Opa wunderschöne Geschichten und spielte viel mit uns. Er spielte dann auf seiner Mundharmonika und wir Kinder tanzten durch den Raum. Das war so herrlich gemütlich, wir vermissten nichts wir kannten es nicht anders. Dann kam die geheimnisvolle Adventszeit. Es wurden Pfefferkuchen-Plätzchen gebacken und wir Kinder durften dabei immer helfen und auch mal naschen. Nach einiger Zeit bekamen die Plätzchen einen schönen Zuckerguss mit Streuseln. Dann wurden die Plätzchen von Mutti versteckt, sie sollten ja für Weihnachten sein. Wir konnten noch so viel schnüffeln, aber wir fanden sie nicht. Am 6. Dezember kam der Heilige Nikolaus. Man hörte ihn kommen, die Ketten rasselten

und wir Kinder mussten ein Gedicht aufsagen und ein Lied singen. Dann bekamen wir Äpfel und Nüsse. Am schönsten war es, wenn es auf Weihnachten zuging. Da war das Jahr 1947 ganz besonders schön für mich. Am 22. Dezember waren Mutti und Papa immer mit uns in die Kirche gegangen, da fand eine wunderschöne Weihnachtsfeier statt. Aber in diesem Jahr war alles anders. Eine Nachbarin aus dem Hause holte uns ab und ging mit uns zu dieser Weihnachtsfeier Mutti hatte mir aus ihrem dunkelblauen Samtkleid ein wirklich schönes Kleid genäht und ich fühlte mich so toll damit.

Die Kirche war voller Menschen und zwei schöne, große Weihnachtsbäume, geschmückt mit Kerzen und Strohsternen, standen neben dem Altar. Es wurde gesungen und es wurden Gedichte aufgesagt. Nun waren meine Schwester und ich an der Reihe. Wir standen zwischen den schönen Weihnachtsbäumen, ich hatte großes Lampenfieber. Mitten im Zwiegespräch fragte meine Schwester (5 Jahre alt) mich: Renate, wie geht es weiter? Da ich den ganzen Text kannte, half ich ihr schnell auf die Sprünge. Ich sah die Menschen schmunzeln, die in den Bänken saßen, aber wir hatten das dann doch gut gemeistert. Es war eine wunderschöne Feier. Dann gingen wir wieder nach Hause. Es war alles so komisch, Mutti lag im Wohnzimmer auf dem Sofa und eine fremde Frau war auch noch da. So mussten wir dann auch recht bald zu Bett gehen. Am nächsten Morgen wachte ich  auf und hörte so ein komisches Quieken, das ich nicht deuten konnte. Ich stand auf und im Nachthemd öffnete ich leise die Tür zum Wohnzimmer. Da sagte die Frau zu mir:Komm mal her, du hast ein Brüderchen bekommen". Oh, war das eine Freude für mich. Es war das schönste Weihnachtsgeschenk damals. Nun kam der Heiligabend. Papa hatte uns einen schönen Weihnachtsbaum besorgt, den Mutti mit den von uns gebastelten Sternen, Goldketten und Kerzen geschmückt hatte. Mutti hatte meine langen Haare zu ganz vielen kleinen Zöpfen geflochten. Als die Zöpfe trocken waren, wurden sie geöffnet und meine Haare waren herrlich kraus. Dann bekamen meine Schwester und ich ein weißes Nachthemd von Mutti angezogen, versehen mit einem Goldband um die Taille und Stirn und einem goldenen Stern. Wir beide kamen als E n g e I singend ins Wohnzimmer. Dann kam der Weihnachtsmann mit großem Sack. Wir sagten unsere gelernten Gedichte auf, sangen alle zusammen die schönen alten Weihnachtslieder Wir bekamen einen bunten Teller mit ein paar Pfefferkuchen-Plätzchen, Äpfel, Nüssen und einer Apfelsine. Außerdem bekam ich eine neue Mütze mit passenden Handschuhen, die Oma gestrickt hatte. Darüber hatte ich mich damals soooo gefreut. Später bekamen wir mal einen großen roten Schlitten, den Opa gebaut hatte. Da ja um Weihnachten immer Schnee lag, wurde der Schlitten bald eingeweiht. Wir drei Geschwister mussten ihn uns teilen, aber das war so und wir kannten es nicht anders,  wir hatten immer alles geteilt. Auch gab es in dem Dorf eine Sonntagsschule, in die wir so gerne gingen. Es wurden Geschichten vorgelesen, gesungen und gespielt. Im Sommer ging es in den nahe gelegenen Wald mit vielen Spielen. Meinen 10. Geburtstag durfte ich mit meinen Freundinnen feiern. Da ich keinen auslassen wollte, wurden es so an die 15 Mädchen. Mutti hatte natürlich mit weniger gerechnet, so hatte sie einen Kuchen gebacken und Saft für uns hingestellt. Dann kamen sie alle, eine nach der anderen und Mutti begrüßte alle freundlich.  Da wurde mir  schon wohler. Wir rückten alle ganz dicht zusammen und es wurde mein schönster Geburtstag mit vielen Spielen in der Zeit.

1948 gab es dann die Währungsreform. Sofort waren alle Läden voller Waren und man hätte alles kaufen können. Aber mit den 40,00 DM pro Person konnten keine großen Sprünge gemacht werden.

Ich denke so gerne an meine schöne Kinderzeit zurück und bin heute noch meinen  Eltern und Großeltern unendlich dankbar.

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