Krieg und Kriegsende: Ein Frauenschicksal

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Ein Frauenschicksal

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 18.07.2013

Autor dieses Beitrags

Kurt Tomaschewski

Haupttext

Sie lebte mit ihrem Mann und 3 Kindern in Königsberg/Ostpreußen. Ihr Mann war auf der Königsberger Schichau-Werft im U-Bootbau tätig. U-Boote waren kriegs­wichtige Waffen für die Marine im 2. Welt­krieg. Die damit beschäftigten Werftar­beiter wurden vom Kriegsdienst ver­schont. Aber dann war es auch für ihren Mann soweit. Im August 1944 musste er, Jahrgang 1911, auch in den unseli­gen Krieg. Ihr 3. Sohn wurde am 30. Juli 1944 geboren. Da ihr Mann sich zum 1. August'44 bei sei­ner Einheit melden muss­te) hat er seinen Sohn nicht mehr gesehen. Er hat ihn nie mehr gese­hen, denn im Oktober'44 erhielt seine Frau die schlimme Nachricht, dass ihr Mann nach schweren Kämpfen mit der russischen Armee im ostpreußischen Grenzgebiet bei Wirballen, vermisst wird. Von seiner Kompanie hatten nur wenige überlebt.

Im Januar'45 musste die Frau mit 2 Kin­dern, eines ihrer drei Kinder starb am 21. Dezember '40, mit einem der letzten Schiffe aus Königsberg flüchten. Das jüngste Kind war 6 Monate alt. Die Flucht über Stettin, Pasewalk und Ueckermünde dauerte 3 % Monate. Sie endete am 7. Mai '45 in Flensburg. Nach einer kurzen Station bei einer Flensburger Familie leb­te sie mit ihren 2 Kindern von 1945 bis 1951 in einem Flüchtlingslager in Flens­burg. Das jüngste Kind starb mit 13 Mo­naten unter tragischen Umständen im La­ger. Um zu überleben, musste sie für sich und ihr Kind Rente beantragen. Für Ver- misste gab es keine. Von ihr wurde ver­langt, dass sie ihren Mann für tot erklärt. Ich glaube, wer sich nicht selbst in einer solchen Situation befindet, kann nicht ermessen, was das bedeutet, als Ehefrau ihren Mann und Vater ih­rer Kinder für tot zu erklä­ren. Sie hat länger gezö­gert, aber sie und ihr Kind mussten überleben. Dann tat sie es, um zunächst 36 und später 40 Mark Rente zu bekommen. Sie hat es nie verwunden. Sie sagte, sie kam sich vor, als hätte sie ihren Mann getötet. Die Frau hat dann, als das Leben sich im Nachkriegs­deutschland wieder nor­malisierte, als Putzfrau in der Pädagogi­schen Hochschule Flensburg gearbeitet. Ein Professor und Dozent der PH, der sich mit Flüchtlingsschicksalen beschäftigte, befragte auch die Frau nach ihren Erleb­nissen. Als er von ihr hörte, dass sie für einen kärglichen Geldbetrag ihren Mann für tot erklären lassen musste, war er er­schüttert. Er schrieb einem befreundeten Menschen, der beim Suchdienst des Deut­schen Roten Kreuzes tätig war, einen Brief, in dem er sein Unverständnis über solch unmenschliche behördliche Bestim­mungen zum Ausdruck brachte. Der Brief befand sich auch im Nachlass der Frau. Ich gebe ihn verkürzt wieder: Sehr geehrter Herr Dr. Wegener, Sie boten mir damals in Frankfurt Ihre Hilfe an, wenn ich ein Anliegen hätte. Hier an der PH-Flensburg ist eine Putzfrau tätig, die ich nach ihrer Familie und ihren Fluchter­lebnissen befragte. Die Schilderung, dass sie ihren Mann, einen geliebten Men­schen, für eine geringe Geldsumme für tot erklären musste, hat mich zutiefst er­schüttert. Ich könnte weinen, wenn ich so etwas höre. Ließen sich solche Gesetze für die Zukunft nicht ändern? Bitte su­chen Sie anhand der beigefügten Unter­lagen über das DRK nach dem Vermiss- ten.

Die Frau lebte die letzten 7 Jahre in ei­nem Flensburger Pflegeheim. Wenn ich sie besuchte, sprach sie häufig über diese unsägliche Toterklärung. Sie starb im Juli 2010, 6 Wochen vor ihrem 97. Geburtstag.

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Kurt Tomaschewskis Mutter

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Mut, Mutter, Stärke

Jahr

ca. 1944

Ort

Flensburg

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