Ferienjob: Wer kennt noch Federnreißen?

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Wer kennt noch Federnreißen?

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Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 07.12.2010

Autor dieses Beitrags

Marga Jakobsen

Haupttext

Nun ist die Adventszeit wieder da.

Die Gedanken schweifen in die Ferne.

„Meine Heimat“ – ein kleines Dorf von 400 Einwohnern; den Wald vor der Tür. Der Name: Hasenberg!

Der Ort macht seinem Namen alle Ehre. Fuchs und Hase waren hier zuhause und stibitzten nachts sogar Hühner und Gänse aus dem Stall.

Meine Eltern waren Deputat-Arbeiter; auch wir mussten mithelfen: Korngarben zu Mandeln aufstellen, Kartoffeln aufsammeln und ich war die Gänsemagd! Beim Bauern habe ich in den Ferien Jahr für Jahr 15 – 20 Gänse gehütet (denn pommersche Gänse waren weithin bekannt).

Der Lohn war ein neues Kleid oder ein paar neue Schuhe.

Auch meine Freundin hütete Gänse, Stoppelfelder und breite Wege waren bei uns beliebt. Wir konnten Schularbeiten machen und auch noch spielen.

Heute sind wir beide 80 Jahre alt.

Unsere Freundschaft hält immer noch, Briefe erzählen von unserer Jugend und Flucht. Das Hasenbrot, das wir damals mithatten, schmeckt uns noch heute…

Anfang November waren die Gänse schlachtreif. Sie kamen dann in einen kleinen Verschlag, wurden in einer großen Zinkwanne gebadet. Wenn sie trocken waren, strahlten ihre Federn schneeweiß.

Nun wurden sie geschlachtet.

Ich war immer traurig, wenn es soweit war. Gefriertruhen gab es damals noch nicht, so wurden die Gänse in einem großen Steintopf eingepökelt. Nach Weihnachten ging nun das Federnreißen los. Ungefähr 6 befreundete Frauen, auch wir Kinder, saßen um den Tisch – in der Mitte ein Haufen Federn.

Es wurde jeder Feder uin die Hand genommen und zu beiden Seiten heruntergerissen, so dass nur der Kiel in den Fingern war.

Es wurde gesungen, Geschichten und Neuigkeiten ausgetauscht. Zum Abschluß gab es Pfefferkuchen und Brote mit Gänseschmalz und Salz.

Bevor es nach Hause ging, wurden die Stalllaternen angezündet. Es war stockdunkel, denn Straßenlaternen gab es noch nicht… Dann hieß es „Gute Nacht“. Das war unsere Beschäftigung, statt Fernsehen.

1945 habe ich unser Dorf verlassen müssen. Ich habe mir immer gewünscht, einmal noch die Heimat zu sehen. 1981 ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen aber ich war froh, als ich wieder aus dem Dorf meiner Kindertage konnte…

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Hasenberg bei Schneidemühl

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Dorfkindheit, Gänsemagd, rupfen

Jahr

ca.1935

Ort

Hasenberg

Pinnwand

  • 1486299794
    Friedrich-Wilhelm Trottmann
    Friedrich-Wilhelm Trottmann
    am 05.02.2017


    Auch wir „durften“ jedes Jahr „Federnspleißen“.

    Die Gänse waren in der Nachkriegszeit vorab von mir ins Jenseits befördert worden, Muttern wollte oder besser gesagt, konnte es nicht.

    Die guten Federn (Daunen) wurden verkauft oder auch zu den guten Füllungen von Kopfkissen verwandt, die teilweise verschenkt wurden.
    Dann hieß es jede große Feder einzeln spleißen, das dauerte Stunden. Diese Füllungen wurden für Oberbetten verwandt. Bei uns sieben Kindern waren auch viele Betten zu versorgen.
    Ja, das war die alte Zeit und heute heißt es immer wieder: Die gute alte Zeit, die es manchmal aber nicht unbedingt immer war.

  • 1427647031
    ehemaliges Mitglied
    ehemaliges Mitglied
    am 29.03.2015

    Sehr geehrte Frau Jacobsen, bei uns zu Hause hieß es "Federnschleißen" Meine Mutter hat auf diese Art und Weise für alle Kinder Federbett und Kopfkissen als "Aussteuer" selbst hergestellt. Jedes Kind brachte so sein neues Bettzeug mit in die Ehe. Auch ein gewisser Anteil an Bettwäsche, Handtücher, Geschirrtücher, Tischdecken, Tafelservice und Kochgeschirr brachte man mit in die Ehe. Die ersten Sachen für die Aussteuer gab bei uns meist zur Konfirmation. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich oft die Nase gerümpft habe, wenn es zum Geburtstag wieder einmal nur "Aussteuerzeug" gab. Selbst nach 45 Jahren Ehe habe ich noch Teile aus meiner Aussteuer. Ich hüte sie ganz besonders, um noch lange Freude daran zu haben.

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