Ferienjob: Die Flensburger Feldmühle

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Die Flensburger Feldmühle

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 08.12.2009

Autor dieses Beitrags

Horst Trojan

Haupttext

Meine erste Ferienarbeitsstelle hatte ich als Primaner 1949 in der Flensburger Feldmühle. Da mein Vater als ehemaliger Wehrmachtbeamter nur eine minimale Pension erhielt und mein uraltes Fahrrad fast auseinander fiel, musste ich einen Job suchen, um mir ein neues für die Fahrt zur Schule zu kaufen – immerhin von der Kelmstraße in Mürwik zur Selckstraße. Die erste Frage, die mir mein neuer Chef stellte, war: „Sind Sie ehrlich?“ Ganz verblüfft antwortete ich natürlich mit „ja“. „Gut“, war die ebenso verblüffende Erwiderung, „dann sind Sie der einzige ehrliche Mensch hier.“ Es war natürlich scherzhaft gemeint, aber ich erfuhr dann bald, dass man schon mal eine Rolle Klopapier, einen Block Schreibpapier, oder ein altes Buch aus dem angelieferten Altpapier mitgehen ließ. Das ließ man auch großzügig durchgehen. Der Job als Platzarbeiter war für einen nicht gerade gut genährten langen Kerl ganz schön hart. Den ganzen Tag schwere Zellulose-Ballen schleppen, Holz zur Kreissäge bringen, Papier verladen, am Holländer arbeiten, oder auch schon mal eine Doppelschicht an der Maschine stehen, schlauchte nicht zu knapp. Und das – anfangs jedenfalls – für 50, später 75 Pfennige Arbeitslohn! Dafür herrschten aber eine sehr gute Stimmung und gute Kameradschaft auf dem Platz. Ich wurde schon bald akzeptiert, weil ich nicht nur als Sportler gut trainiert war, sondern auch Plattdeutsch sprach. Wie man als Schüler lernt, bestimmte Arbeiten einzuschätzen. Lernte ich von Nane X. Er sei, so sagte man mir, der beste Schipper im Betrieb. Ich dachte etwas hochnäsig bei mir: Was ist schon dabei, Sand zu schaufeln? Als ich dann selbst einige Stunden Kaolin schaufeln musste, dachte ich nur: Oh, mien Krüüz! Jo, so is dat. Allens het eben sein Wetenschap. Noch eins: Nie wieder habe ich ein so schönes Faschingsfest gefeiert wie mit meinen Kumpels von der Feldmühle.

 

Nach dem Abitur kam gleich der nächste Job, und der gleich mehrfach, Schiffbauhelfer auf der kleinen Werft von Johannsen & Sörensen. Wenn schon die Platzarbeit bei der Feldmühle hart war, dann war es umso mehr die Arbeit in der Schiffsschmiede. Der bullige Otto C. schlug mit dem kleinen Hämmerchen den Takt, und ich musste mit dem großen Hammer, genannt Anton, nachziehen. Und wie viele Eisenstäbe habe ich beim so genannten Richten verschlagen, wie viele Nieten habe ich verbrannt, bis ich gelernt hatte, wie man sie richtig ins Feuer legt. Und als ich dann Aufreiber wurde, war das schon ein Schritt vorwärts. Übereinander liegende Löcher mussten passend aufgerieben werden, damit die Nieten passten. Wenn die Löcher nicht passten, mussten sie eben größer gemacht, aufgerieben werden. Dann wurden eben die Nietenköpfe platter gehauen. Da lernte ich auch den Spruch: Schiffe kann ein jeder bau’n; was nicht passt, wird hineingehau’n. Was war ich stolz, als der alte Iver M. sich erbot, mir das Nieten beizubringen. Und wie stolz war ich erst, als ich auf dem Englischen Kanal eines der wunderschönen J. & S. Kümos erblickte und einem Kommilitonen erklärte: „Bei dem Schiff habe ich die Bugplatten genietet.“ Die Probe aufs Exempel wurde gemacht, wenn wir mit dem fertigen Schiffsrumpf ins Wasser glitten, uns einige Nieten um die Ohren flogen und wir dann die Löcher zum Nachnieten markierten. Ebenso wie auf der Felsmühle kamen mir auch hier Körperkraft und das Plattdeutsche zustatten. Als ich einmal einen Fehler machte, sagte einer von meinen Kumpels: Mann, Du büst villicht dämlich. Du hest dat villicht hier – wies auf meinen Oberarm – ober nicht hier – wies auf meinen Kopf. Darauf der Meister: Du Dösbattel, de is veel schlauer as du, dat is unsen Warkstudent. Ober – zu mir – wies em mol, wat du dat ok hier hest – wies auf meinen Oberarm. Darauf nahm ich den Amboss und streckte ihn meinem Widersacher hin. Das war reine Angeberei und tat meinem ohnehin lädierten Rücken nicht gut, aber von da an hatte ich Ruhe. In vielen Ferienjobs habe ich mich im Laufe meines Studiums noch betätigt, aber die Arbeitszeugnisse der Werft hüte ich heute noch voller Stolz. Die eindruckvollste Bewerbung für einen Ferienjob verlangte allerdings die Bibliothek der University of Kansas von mir. In einem Fragebogen musste ich mich verpflichten not to overthrow the Government of the United States of America – nicht die Regierung der Vereinigten Staaten stürzen zu wollen – was ich denn auch nicht getan habe.

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Ferienjob

Jahr

1949

Ort

Flensburg

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