Ehe, Familie und Freundschaft: Wenn der Oktober kommt...

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Wenn der Oktober kommt...

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 21.10.2010

Autor dieses Beitrags

Horst Kantak

Haupttext

Der Oktober zieht ins Land, der Monat der Kartoffel und Pilzernte. Ich sitze abends im Sessel und beobachte, wie die Dunkelheit immer früher einbricht. Und dann kommen die Erinnerungen.

Es sind Erinnerungen an schwere Zeiten, in denen die Menschen trotzdem Zufriedenheit spürten.

Einen Ort mit knapp 600n Einwohnern in Hinterpommern.

Es ist das Jahr 1936. Ich habe zwei Schwestern; 15 und 20 Jahre alt.

Die ältere hilft zuhause, im Haushalt. Dafür darf sie täglich die Eier der rund 60 Hühner an einen Aufkäufer verkaufen. Und im Oktober geht sie zu befreundeten Kleinbauern und hilft bei der Kartoffelernte.

Es sind Bauern, die noch keine Erntemaschinen haben.

So an die 10 Frauen sitzen vor je einer Furche. Sie haben eine Sackschürze an, damit sie kniend Reihe für Reihe die Kartoffeln mit der Hacke herausnehmen können. Regnet es, schützt ein Sack über den Schultern. Um 7°°h beginnt die Arbeit und erst wenn es dunkel wird, ist Feierabend. Am Vorabend gehen die Bauern zu den Interessenten und fragen nach, wer kommen möchte.

In diesem Jahr sind 5,- Reichsmark die untere, 6,- die obere Grenze für einen Tag. Dazu gibt es zum zweiten Frühstück die Schmalzstullen, mit Wurst und Speck belegt.

Zum Mittag gibt es fast überall Geflügel, Hühnersuppe. Am Nachmittag dann Kuchen und am Abend ein kräftiges Abendbrot.

Schon im nächsten Jahr wird die Ernte bei den meisten Bauern umgestellt; mit einem Spezialpflug werden die Kartoffelreihen aufgepflügt und die Kartoffelsammler rutschen auf den Knien durch die Reihen, mit Draht- oder Weidenkörben, und sammeln die Kartoffeln auf.

Und wenn meine Schwester keine Kartoffeln sammelt, geht sie mit zur Pilzsuche. Im Pfarrwäldchen, er ist nur 3 km von uns entfernt, haben wir besonders viel artenreiche Stellen entdeckt – dort braucht man nur zu sammeln, das Suchen entfällt.

Dieses Jahr bekommen wir für ein Pfund Steinpilze 25 bis 30 Reichspfennig. Schnell haben wir 10 bis 20 Pfund zusammen. Der Sonderwagen von den Aufkäufern geht direkt nach Berlin. Von den Pilzen, die ich gesammelt habe, wird ein Teil für das Abendbrot abgezweigt.

Ärger hat meine Schwester bekommen, da sie nicht zu den BDM-Heimatabenden erschien. Wir wohnen mit im Bahnhofsgebäude und bis zum Dorf sind es fast 2 km. Da vergeht den Mädchen schon die Lust an den Heimatabenden.

Meine jüngere Schwester hat eine Lehrstelle in der nächsten Stadt als Putz- und Hutmacherin.

Das Lehrgeld beträgt monatlich 1937 35,- Reichsmark. Aber nicht meine Schwester bekommt das Geld, sondern die Eltern müssen es monatlich an die Meisterin bezahlen.

Und der Arbeitstag? Morgens geht es um 6:20h mit dem Zug zur Stadt, dann 20 Minuten zu Fuß zum Geschäft in der Stadtmitte (das Geschäft wird heute noch betrieben). Pünktlich um 7°°h geht die Arbeit los; in der Mittagspause gibt es das Mitgebrachte; Feierabend ist um 17°°h. Wenn meine Schwester zu Hause ist, wird gemeinschaftlich Abendbrot gegessen.

Und dann, im Oktober 1937, entlädt sich aus den dunklen Oktoberwolken ein Gewitter.

Meine Mutter und ich sind beim Vater im Büro, warten auf den Zug, mit dem meine Schwester kommt. Gerda, eine Bauerstochter betritt das Büro, mit deren Familie wir seit langem eng befreundet sind.

Aber Gerda ist auch BDM-Führerin und nun stellt sie die entscheidende Frage: „Warum kommt Charlotte nicht zum Heimatabend, der beginnt doch erst um 19°°h?“

Mein Vater sagt nichts weil er sich politisch engagiert aber meine Mutter fragt, wie eine 16jährige einen solchen Tag bewältigen soll?

Gerda antwortet nur, dass es noch ins KZ ginge, wenn das nicht anders wird.

Das ist dann doch zu viel. Gerda bekommt zwei schallende Ohrfeigen und fliegt durch die Tür in den dunklen Oktoberabend.

Eine gute Freundschaft zwischen zwei Familien ist zerbrochen; so etwas geschieht in dieser Zeit tausendfach…

Einige Jahre später bewundern wir Kinder die neuen Kartoffel-Erntemaschinen…

Heute kommt die Kartoffel aus dem Supermarkt – fragen Sie mal die Kinder!

Und ein Azubi wird Ihnen erklären, wass er unter Lehrgeld versteht. Reichsmark? Wer kennt sie noch? Euro ist angesagt.

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

BDM, Kartoffelernte, Pilze sammeln

Jahr

1937

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