Ehe, Familie und Freundschaft: Hochzeitsbräuche

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Hochzeitsbräuche

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 30.06.2010

Autor dieses Beitrags

Werner Rohwer

Haupttext

Ich bin 1940 geboren. An Hochzeitsbräuche in den Dörfern südlich von Rendsburg kann ich mich sehr gut erinnern. Einen Hochzeitslader, wie in anderen Gegenden, hat es bei uns nicht gegeben. Die Vorbereitungen begannen in der Nachbarschaft mit dem Binden einer Girlande um die Eingangstür des Brauthauses. Die noch ledige aber schon konfirmierte Person, die am dichtesten am Brauthaus wohnte, (also nächster Nachbar) übernahm meistens die Organisation des Bindens. Zum Beispiel: Weitere ledige Nachbarn, Mädchen und Jungen, einladen. Dann Tannengrün beschaffen, bunte Papierstreifen anfertigen usw.. Oft wurde das Girlandenbinden, am Vorabend des Polterabends, schon ein rauschendes Fest unter den jungen Leuten. Dann kam der Polterabend. Die Girlande wurde befestigt und die bunten Papierstreifen angebracht. Wenn alles zum Besten hergerichtet war, wurde vor dem geschmückten Eingang ein Lied gesungen. Meistens „Das Lieben bringt groß Freud“. Das war dann eine Aufforderung für den Brautvater, vor die Tür zu treten und Korn und Likör auszuschenken. Die Türgirlande wurde begutachtet und die jungen Leute wurden zu einer Nachfeier eingeladen, die dann fünf oder sechs Tage später im Haus der Brauteltern stattfand. Mit dieser Einladung war der Polterabend aber noch nicht zu Ende. Vor dem Hauseingang wurde viel Porzellan zerschlagen. Es musste ordentlich laut krachen. Auch Wäscheleinen mit Strampelhosen und Babyausstattung bestückt, wurden quer über den Hof gespannt. Ganz Mutige stellten auch einen Holzstorch und einen Kinderwagen aufs Dach, der den Nachwuchs ankündigen sollte. Am nächsten Tag dann die Hochzeit. Die standesamtliche und die kirchliche Trauung wurden an einem Tag vollzogen. Für die Fahrt zum Ort des Geschehens wurde eine Pferdekutsche angespannt. Unterwegs wurde gestrickt (s. Foto). Das bedeutet, es wurde ein Seil (also ein Strick auf Plattdeutsch) über die Straße gespannt und die Kutsche musste anhalten. Glückwünsche wurden ausgesprochen und der Brautvater musste Korn und Likör ausschenken. Und nun einen der Bräuche an den ich mich erinnern kann. Dem neu vermählten Paar wurde etwas überreicht mit einem Reim oder Gedicht dabei: Es war ein Nachttopf, halb mit Bier gefüllt, es lagen im Bier zwei Wiener Würstchen und der Rand des Topfes war mit Senf bestrichen (so richtig eklig). Was dieses Ritual zu bedeuten hatte und wie das Gedicht lautete, habe ich noch nicht herausgefunden, aber ich arbeite noch daran. Nach der kirchlichen Trauung, beim Verlassen der Kirche, wurde zu der Zeit noch nicht mit Reis geworfen. Das Hochzeitsmahl war reichlich und gut. Viele Damen aus dem Dorf halfen in der Küche und die jungen Mädchen mussten servieren. Auch Getränke und Zigarren wurden reichlich angeboten. Zur Mitternacht folgte der Brauttanz. Der Schleier wurde um den Kopf herum etwas eingeschnitten und Punkt 24.00 Uhr stürzten sich alle auf das tanzende Paar und der Schleier wurde in Stücke gerissen. Jeder wollte ein kleines Stück als Andenken erhaschen. Der Brautstrauß wurde von der Braut Überkopf nach hinten in die wartende Menge der jungen Mädchen geworfen. Meistens bekam auch das Mädchen den Strauß, die ohnehin Heiratspläne hatte. Damit war der Brauttanz zu Ende und das Paar wurde unter lautem Gejohle aus dem Haus geleitet, in freudiger Erwartung auf die Hochzeitsnacht und die anschließenden Flitterwochen. Brautentführungen waren zu dem Zeitpunkt in unserer Gegend noch nicht verbreitet. Es mag sein, dass in anderen Regionen Schleswig-Holsteins auch noch andere Bräuche gepflegt wurden. Man weiß, dass sich Brauchtum über viele Jahre halten kann, sie werden aber oft durch neue Rituale ergänzt.

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Hochzeit 1949 in Jevenstedt

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