Ehe, Familie und Freundschaft: Drei Elektrogeräte und ein Kochtopf voller Babywindeln

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Drei Elektrogeräte und ein Kochtopf voller Babywindeln Die ersten Ehejahre in der Nachkriegszeit

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Erstellt von Sabrina Böhmer am 20.03.2009

Autor dieses Beitrags

Ilse Bohnhof

Haupttext

Die Goldenen Hochzeiten haben zur Zeit Hochkonjunktur. Die Annoncen in der Zeitung geben uns darüber Auskunft. Aber wer sind diese Hochzeiter? Wir gehören zu dieser Generation. Eine Generation, deren Kindheit von Krieg bestimmt war und, die ihre Jugend in der Nachkriegszeit verbrachte.

Wir erlebten also die Stunde Null und die Dynamik des Wiederaufbaus. Nach heutiger Bewertung waren wir fast alle sehr, sehr arm. Aber keiner hat es gedacht oder ausgesprochen. Junge Menschen, die sich kennen lernten und mochten, „mussten“ zumeist sehr schnell heiraten, weil die Antibabypille noch nicht bei uns angekommen war. Wohnraum war in dieser Zeit mehr, als Mangelware. Also war improvisieren gefragt. Die meisten jungen Ehepaare begannen als Untermieter bei ihren Eltern.

Wir hatten das Glück, dass drei Dachkammern im Mietshaus meiner Großeltern frei wurden. Drei Kammern mit Schrägung von insgesamt ca. 40 m² Wohnraum. Wir fühlten uns sehr reich, denn wir hatten ein eigenes Reich, eine eigene Tür zur Außenwelt, die wir abschließen konnten. Es war eine Puppenstube.

Ich möchte nicht aufzählen, was wir nicht besaßen, sondern positiv, was wir unser Eigentum nannten. Da benutzten wir unsere Steckdosen für drei Teile: ein Plätteisen, ein kleines Radio und einen sehr einfachen Staubsauger. Der Kaltwasserhahn in unserer winzigen Küche über dem Ausguss war der einzige „Sanitärbereich“. Hier fand alles statt, was in einer Familie mit Wasser zu tun hatte. Und wir waren bald eine Familie. Denn in den ersten vier Jahren unserer Ehe trudelten unsere drei Kinder ein. Natürlich waren Dinge, wie ein eigenes WC, Heizung, Telefon und Auto Utopie. Die Arbeitsaufteilung zwischen Mann und Frau war klar geregelt. Der Mann sorgte für das Einkommen und die Frau für den reibungslosen Ablauf des Haushalts und der Kinderbetreuung. Dabei waren Fertigprodukte auf allen Ebenen ein Fremdwort. So hatten wir jungen Mütter von morgens bis abends sehr viel „Handarbeit“ zu bewältigen. Der hellblaue, große Einwecktopf köchelte mit Baumwollwindeln und Babywäsche beständig auf dem Beistellherd und wurde auf dem Waschbrett gesäubert. Unsere Flaschenbabynahrung stellten wir aus Dosenmilch her.

Wir kauften alles Notwendige an Nahrung täglich frisch ein. Über der Straße lagen Kaufmann, Schlachter und Bäcker nebeneinander und gleich nebenan im Keller der Milchmann. Man kannte sich und seine Familiengeschichten sehr gut und bekam oft einen kleinen Schnack. Es war eine überschaubare Welt. 5 ½ Jahre haben wir so gelebt. Mein Mann arbeitete „Tag und Nacht“, um beruflich vorwärts zu kommen. Überstunden waren selbstverständlich und wurden nicht bezahlt, noch konnten sie abgefeiert werden. Von dem damals geringen Lohn sparten wir jeden Pfennig, den wir über hatten für unseren Traum: Wir wollten für uns und unsere Kinder ein eigenes Nest, ein Haus auf dem Land.

Inzwischen sind die Kinder schon lange flügge und in unserem Haus ist es sehr still geworden. Als ich das so nebenbei meinem 10 jährigen Enkel am Telefon sagte, meinte er ganz cool: „Ja Oma, dass ist bei alten Leuten so.“

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Ehe, Frau sein im „Wirtschaftswunder“, Improvisation, Kinder, Kühlschrank, Waschmaschine

Jahr

1962

Ort

Flensburg

Pinnwand

  • 1237565891
    Oliver Havlat
    Oliver Havlat
    am 20.03.2009

    Überschaubar war die Welt damals sicherlich, aber gesellschaftliche Zwänge waren fast überall stärker als heute. Heute ist die Welt sicherlich unübersichtlicher - aber die Freiheiten für jeden, sich selbst zu entfalten, sind doch größer geworden. Das ist besser, denke ich.

  • 1237562326
    Rüdiger Meyer
    Rüdiger Meyer
    am 20.03.2009

    Nach dem Krieg und nach der Hungersnot war die Zeit doch voller Perspektiven. Beim großen Wirtschaftsspiel unserem "Monopoly" hatten doch alle ähnliche Startbedingungen. Damals war das Leben überschaubar. Heute kann jeder nur einen kleinen Teilbereich überschauen, weil alles komplexer geworden ist.
    Was ist wirklich besser?

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