Ehe, Familie und Freundschaft: Milchsuppe mit Glas und viel "gute Butter"

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Milchsuppe mit Glas und viel "gute Butter"

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Ersteller und Datum

Erstellt von Sabrina Böhmer am 01.04.2015

Autor dieses Beitrags

Jutta Ohl

Haupttext

1943 wurde ich in Itzehoe in meinem Elternhaus am „Bocksberg 2“ in der Kaiserberg-Siedlung geboren. Mein Vater war zu dieser Zeit noch in der Kriegsgefangenschaft und meine Mutter musste die ganze Zeit für vier Mädchen  im Alter von 10, 6, 4 und „gerade geboren“ sorgen. 

Im Mai 1945 wurde der Krieg mit der Besetzung durch britisches Militär in Itzehoe beendet.  Zunächst mussten wir aus unserem Haus raus und kamen in einer kleinen Wohnung in der Oelixdorferstraße unter. Unser Haus wurde nämlich zunächst für britische Soldaten benötigt, bevor diese in die Räume der Zementfabrik Koch, schräg gegenüber von uns, untergebracht wurden. Da konnten wir nach kurzer Zeit glücklicherweise wieder in unser Haus zurück. Hier waren wir ja sogenannte „Selbstversorger“,  mit unserem Garten, den Hühnern und Kaninchen. Und wie bewundernswert: meine Mutter wusste aus allem was zu machen.  Ein Kontakt zwischen den britischen Soldaten und der einheimischen Bevölkerung kam schnell zustande. Besonders ein Soldat fiel uns auf, der sich freundlich um die Familien in der Siedlung kümmerte. Wir nannten ihn Onkel Bob. Ich durfte mir des Öfteren ein großes Butterbrot mit Marmelade in der Fabrik bei den englischen Soldaten abholen, dass ich dann stolz über die Straße trog, während der rote süße Saft links und rechts von dem Brot tropfte. Ich durfte auch gerne mal Kinderlieder vortragen und wurde dafür auf den Tisch gestellt. Onkel Bob, mit seinen Kameraden,  half wo er kann, nicht nur bei uns, auch bei anderen Familien.  Ich glaube, wir waren eine Art Ersatzfamilie für ihn. Es wird 1947 gewesen sein, ich war inzwischen vier Jahre alt, als wir Reimers-Kinder am Bocksberg 2, allein im Haus waren. Meine Mutter hatte sich mit dem Fahrrad auf den Weg nach Elmshorn !  zu meinen Großeltern gemacht. Unser Opa war Schlachter bei der Firma Asmussen, da viel manches mal etwas ab und Oma kochte Gemüse und Fleisch in Dosen ein. Meine Mutter erhoffte sich als Geschenk eine Fleischdose, aber Oma nahm es mit der Beschriftung nicht ganz so genau und dann waren wir enttäuscht, wenn es „nur“ Gemüsedosen gab. Wie gesagt, meine Mutter war mit dem Fahrrad unterwegs und meine große Schwester hatte den Auftrag eine Milchsuppe für uns zu kochen. Das machte sie dann auch auf unserem Küchenherd, dieses alte Ding in weiß, dass aber die Räume mitheizte und vier Kochfelder hatte, an denen man einzelne Ringe entnehmen konnte, je nach Topf- oder Kesselgröße. 

Die Suppe war fast fertig, etwas eingedickt durch die mitgekochten Nudeln, als noch der Zucker dazukommen sollte. Die Zuckerdose aus Glas stand allerdings ganz oben auf dem Küchenschrank und beim herunterholen, stehend auf einem Stuhl, fiel meiner Schwester die Dose aus der Hand. Sie sortiere die Glasscherben aus dem Zucker und holte ein Sieb, um noch den zusammengekehrten Rest durchzusieben. Dann gab es einen kräftigen Löffel Zucker in die Suppe. Ich konnte Milchsuppe mit Nudeln noch nie ausstehen und diese aßen wir alle mit besonderem Widerwillen. Als meine Mutter zurückkam war meine älteste Schwester geständig. Wir saßen am Küchentisch und weinten alle. Meine Mutter schlotterte vor Angst, wir hätten Glassplitter essen können war ihre Befürchtung. Auch der Hinweis auf das durchsieben ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Sie alarmierte unseren Arzt Dr. Claussen der nur einen Rat wusste, uns mit ziemlich viel guter Butter zu füttern. Das würde unseren Magen und Darm geschmeidig halten, und falls winzige Teile von Glas dennoch mit verschluckt worden wären, dann würden sie glatt unseren Körper wieder verlassen. Nur woher Butter nehmen uns nicht stehlen?  Lebensmittel gab es ja noch auf Lebensmittelkarten zugeteilt. So wandte sich meine Mutter an Onkel Bob, der in der gesamten Siedlung von Haus zu Haus ging, um genügend Lebensmittelkarten für Butter einzusammeln. Dabei wurde er von Nachbarn und Freunden unterstützt. Gerne gaben Bewohner ihre Karten her. Die Butter wurde besorgt und jede von uns sollte 1 Pfund Butter langsam aber konsequent essen. Auf was wir uns sonst so gefreut hatten, aßen wir nun mit Widerwillen und quälten uns die Butter runter. Dr. Claussen, der in der Stiftstraße in Itzehoe seine Praxis hatte, war dabei und machte uns Mut. Es dauerte auch gar nicht lange, und die draußen liegende Toilette (das Holzhaus mit Herz) wurde unser Aufenthaltsort für viele Stunden. Gottseidank blieben wir alle gesund. 

Onkel Bob war inzwischen ein Freund unserer Familie geworden. Als er mit seiner Militäreinheit abzog hinterließ er uns ein Foto und schrieb auf die Rückseite „All the best – Bob“. Einer seiner Kameraden  hatte  ein Auge auf unsere Nachbarstochter Irmi  geworfen. Sie war schon etwas älter als wir und wurde später seine Frau und  ging mit ihm nach England. 1949 zogen die britischen Soldaten ab. Die Norweger folgten, waren aber dann schon in Kasernen untergebracht. Später folgten in den Kasernen am Langen Peter die Dänen. Mein Vater war zurück. Die Zement-Fabrik Koch nahm die Arbeit wieder auf.  Langsam schöpften alle Erwachsenen wieder Mut, wir Kinder hatten die Welt ja mit Kinderaugen betrachtet.

Milchsuppe wurde für alle Zeiten aus meinem Essensplan gestrichen. Butter mag ich immer noch, aber nur in Maßen. Meine Eltern haben Onkel Bob und seine Frau und vor allem auch Irmi und ihren Mannnoch Jahre danach regelmäßig in England besucht und mit ihnen viele gemeinsame Stunden verbracht.

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Bob und vier Mädchen

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Milchsuppe, Selbstversorger

Jahr

1947

Pinnwand

  • 1427959871
    ehemaliges Mitglied
    ehemaliges Mitglied
    am 02.04.2015

    Werte Frau Ohl, wenn ich mir das Bild mit den kleinen Mädchen betrachte, weckt es in mir wahrlich viele Erinnerungen. Die Frisur, wir nannten es "Sahnerollenfrisur" hatten damals fast alle kleinen Mädchen. Sie haben einen interessanten Beitrag geschrieben, erzählen Dinge, die so auch bei uns zu Hause abgelaufen sein könnten. Wir Kinder haben einmal Mutters beste Bratpfanne mit selbstgemachten Bonbons (Zucker mit etwas Margarine braun gebrannt) verdorben. Wir hatten den Zucker zu lange karamelisiert, so das er bereits schwarz geworden war.
    Für die Erwachsenen war es bestimmt eine schwere Zeit, aber wie Sie bereits schreiben, durch Kinderaugen betrachtet wurde die Not relativiert.

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