Ehe, Familie und Freundschaft: Mein Vater fährt zur Kur

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Mein Vater fährt zur Kur Positive und negative Folgen

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 17.12.2014

Autor dieses Beitrags

Ursula Buchbinder

Haupttext

„Mutti, was ist mit Vati los, warum kommt er nicht zum Abendessen?", fragte Eva. „Vater geht es nicht gut, er hat wieder Probleme mit seinen Schussverletzungen am Kopf." „ Woher hat er die Verletzungen, wer hat denn auf ihn geschossen?“, wollte ich wissen. „Die hat er aus dem Ersten Weltkrieg, da ward ihr beide noch gar nicht geboren." Beim Essen merkte sie, dass uns diese Neuigkeiten verunsicherten. Sie versuchte uns zu beruhigen: „Papa wird eine Kur beantragen, vielleicht hat er ja Glück und bekommt die genehmigt."

Und er hatte Glück. Er erhielt eine Zusage für einer Kur in Hahnenklee bei Goslar im Harz in der Zeit vom 1.-31. Januar 1945. Er durfte eine Begleitperson mitnehmen. Da meine Mutter arbeitete und für meine Schwester ab 1. Januar die Schule sowieso geschlossen wurde, nahm mein Vater meine Schwester mit, die damals 16 Jahre alt war.

Sie wohnten in einem vornehmen Hotel. An die Anwendungen, die mein Vater erhielt, kann Eva sich nicht mehr erinnern - nur an das sehr leckere Essen, an anstrengende und manches Mal auch abenteuerliche Spaziergänge im Schnee und an lustige Rodelpartien.

Wie konnte mein Vater seine Frau mit seiner kleinen neunjährigen Tochter in der immer kritischer werdenden Zeit allein zurück lassen? Glaubten sie wirklich so fest an einen Sieg?

Vier Wochen dauerte die Kur, dann sollten sie wieder nach Hause kommen. Doch nichts ging mehr. Es fuhren kaum noch Züge zurück in den Osten, und wenn doch, dann durften weder Frauen noch Kinder mitfahren. Das bedeutete, meine Schwester durfte nicht zurück nach Gdingen. Mein Vater gab sie schweren Herzens in die Obhut einer Familie nach Goslar. Er versprach ihr, dass wir uns bald wieder sehen würden. Mein Vater schlug sich durch nach Swinemünde. Überall, wo er eine Pause einlegte, ließ er sich von einer zuständigen Behörde einen Stempel in seinen Pass geben, damit man ihm nicht irgendeine Art von Flucht unterstellen konnte. Denn ein Mann in seinem Alter - er war gerade 56 Jahre alt - musste zu der Zeit an der Front seinem Mann stehen. Von Swinemünde bis Gdynia (Gdingen) erhielt er dann die Möglichkeit, mit einem Schiff zu fahren.14 Tage dauerte es, bis er völlig erschöpft endlich zu Hause eintraf.

Meiner Mutter kullerten Tränen die Wangen herab. Ich hörte, wie sie zu ihm sagte: „Gut, dass du so lange gebraucht hast, um hier an zu kommen, sonst würden wir gar nicht mehr leben." „Wie meinst du das?" „Ich hatte doch Karten für die Gusto, die musste ich verschenken, weil die Gusto bereits am 30. Januar gestartet und untergegangen ist." „Davon habe ich wohl gehört, aber ich wusste nicht, dass du Karten für die Gustlov hattest. Wie bist du an die Karten gekommen, Lu?" „Das erzähle ich dir später. Jetzt möchten Ursel und ich erst mal wissen, wie es Eva geht

und wo sie untergebracht wurde." „Das erzähle ich euch nach dem Essen“, meinte
mein Vater und drückte uns beide an sich.
Doch so lange konnten wir gar nicht warten.

Während meine Mutter das Essen vorbereitete, deckte ich den Tisch. Die Worte
flogen hin und her. „Wie bist du an die Karten gekommen, Lucie?" fragte mein Vater.
„Wo ist Eva untergekommen, wie geht es ihr?" wollte meine Mutter wissen.
„Ja Papa, wenn wir nicht so rechtzeitig deinen Brief bekommen hätten, dass du bald
in Gotenhafen eintreffen würdest, wären wir schon längst mit unseren Möbeln in
Hannover."

„Jetzt verstehe ich gar nichts mehr, ich denke ihr wäret auf der Gustlov!"
„Ursula, halt du dich mal da raus", meinte meine Mutter mit strengem Blick, und sag
du mir Erich, wie es Eva geht, bitte!

„Eva geht es recht gut. Sie hat eine Unterkunft in einer sehr netten Familie
gefunden. Sie weiß, dass sie uns bald wieder sehen wird." „ Glaubst du wirklich
daran, Erich?" „Ja, das glaube ich. Aber nun erzähl du mir, was Ursula vorhin mit
Flug nach Hannover meinte."

„ Mein Chef ist, wie du weißt, der Leiter der Flugzeugwerke. Ihm war bekannt, dass
du zur Kur in Goslar warst, und wahrscheinlich wusste er zu diesem Zeitpunkt, dass
eine Rückkehr nach Gotenhafen für dich nicht mehr möglich sein würde.
So bot er mir an, mich und Ursula mit einigen wichtigen Möbeln nach Hannover zu
fliegen." „Und warum hast du das Angebot nicht angenommen?" „ Weil ich dich
kenne und an deine Rückkehr glaubte. Und auch die Karten für die Gustlov, die er
mir schenkte, gab ich, einen Tag vor der Abreise des Schiffes, weiter an
Mitbewohner unserer Wohnsiedlung. Sie waren mir so dankbar. Doch ich habe heute
ein schlechtes Gewissen. Über 9000 Menschen sind ertrunken! Das Wasser war
eiskalt! Die Außentemperatur lag bei minus 30 Grad."

„Das war ja alles ganz nett von deinem Chef, aber sind diese Angebote nicht etwas zu
großzügig? Womit hast du dir das verdient?" „Er war eben sehr zufrieden mit meiner
Arbeit."

Ob mein Vater mit dieser Antwort zufrieden war?

Viel später, nach Kriegsende erzählte sie meiner Schwester den eigentlichen Grund
für seine Großzügigkeit: Sie kannte ihren Chef bereits, bevor sie meinen Vater kennen
gelernt hatte. Sie waren auch beide verliebt und wollten eigentlich heiraten. Doch
seine Eltern waren dagegen, weil meine Mutter aus einem zu einfachen Elternhaus
kam.

Auch die Tatsache, dass meine Mutter auf den Flug nach Hannover verzichtet hatte,
erwies sich als Glücksfall - denn, wie man später erfuhr, wurde Hannover gegen
Kriegsende stark bombardiert.

Es war mittlerweile Mitte März. In unserer Reihenhaus -Siedlung wohnten nur noch
wenig Freunde. Die meisten waren bereits auf der Flucht.

Auch unsere Eltern standen vor einer Entscheidung. Würden wir auch flüchten?

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Angst, bevorstehende Flucht, Sorgen

Jahr

1945

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