Ehe, Familie und Freundschaft: Brief an einen Schulfreund von 1946

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Brief an einen Schulfreund von 1946 Geschenke, die man nicht vergißt

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Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 08.12.2014
Zuletzt bearbeitet von Sabrina Böhmer am 14.12.2016

Autor dieses Beitrags

Christel Valentiner

Haupttext

Lieber Sönke,

Du wirst sicher erstaunt sein, von mir Post zu erhalten!

Und ich schreibe Dir auch, warum!

Die Adventszeit ist die Zeit, in der man sich an Vergangenes erinnert, an eine behütete Kindheit, an eine glückliche, freudige Jugendzeit oder auch an schreckliche Erlebnisse.

Jedes Jahr denke ich, wenn es weihnachtet,an den Beginn meiner dramatischen Flucht 1944 aus Ostpreußen, aber auch an das befreiende Ende, als ich am 6.31946 in Fleckeby ankam.

Wir besaßen nur das, was wir am Leibe trugen. Als ich im April 1946 in die Fleckebyer Schule eintrat, hatte ich nur ewine kleine bunte Kinderspieltasche mit einem Heft und einem Bleistift in der Haqnd. Meine Cousine Inge hatte sie mir gegeben.

Wir wohnten zu der Zeit bei Herrn Reimers auf dem Freiboden, in einem Zimmer, besser gesagt, in einem Bretterverschlag. Das Haus stand schräg gegenüber der Dorfschule. Somit hatten Du, lieber Sönke, und ich nur ein paar Schritte den Schulweg gemeinsam. Es war mir peinlich, meine Schulhefte in dieser kleinen „Spielhandtasche“ zu tragen. Du bemerktest das. Und in den folgenden Tagen schenktast Du mir einen Tornister aus Leder, bei de3m die Vorderklappe mit weinrotem „Plüschstoff“ bezogen war. Ich habe diesen Ranzen noch einige Jahre benutzt.

Das war das erste Geschenk von Dir! Ich habe mich so sehr darüber gefreut!

Nebenan, auf dem Grundstück von Bauer Hansen, stand ein Pflaumenbaum, der seine Früchte auch auf unsere Einfahrt warf. Ich ging morgens extra etwas früher runter, um einige gelbe Pflaumen zu finden. Die waren dann mein Frühstück. Auch das bemerktest Du. Nun brachtest Du mir jeden Morgen einen saftigen Apfel aus Deines Großvaters Garten mit…

Es begann für mich ein herrlicher Sommer an der Schlei. Angst und Schrecken der Flucht waren bald vergessen. Dann kam der Winter 1946. Wir Kinder trafen uns nachmittagsbei der Gastwirtschaft Hammerichan der Au zum Schlittschuhlaufen. Wie gerne wäre ich mit Euch über dieses Eis geflitzt, aber ich besaß keine Schlittschuhe; laufen konnte ich zuhause schon recht gut. Ich trug aber nur Schaftstiefel von meiner Schwester Größe 40, die ich schon auf der Flucht anhatte. Meine Schuhgröße war 36. Nur mit zwei Paar dicken Socken konnte ich sie an den Füßen halten. Du, lieber Sönke, sagtest: „Ich habe noch ein paar Schlittschuhe zuhause und Riemen zum Festschüren bringe ich auch mit.“ Ich wartete am Ufer Tatsächlich, es klappte!Wir stürmten alle zusammen los, die Au entlang, manchmal über „Hohleis“, was sich am Rand gebildet hatte, bis zur Einmündung in der Schlei!

Ich konnte gut mit Euch Jungen mithalten. Die Gleiter und die Riemen hast Du mir geschenkt (3. Geschenk). Das eigentlich größte Geschenk war das wunderbare Gefühl, akzeptiert und und von Euch einheimischen Kindern in Euren Kreis aufgenommen worden zu sein. Das ist das größte Geschenk von Dir!

Lieber Sönke, ich habe vor etwa 2 Monaten durch einen Anruf bei Deiner Frau von Deiner Krankheit erfahren.

Es ist mir ein großes Bedürfnis, Dir diese Zeilen zu schreiben, weil ich hoffe, sie erfreuen Dich auch ein wenig. Mich erinnern sie an eine frohe Jugendzeit, an Deine freundlichen Gesten spontaner Hilfsbereitschaft, wie man sie heute bei Jugendlichen oft vermißt. An die Bereitschaft der einheimischen Bevölkerung, Wohnraum und dergleichen zur Verfügung zu stellen und noch vieles mehr!#

Lieber Sönke, wir wünschen Dir und Deiner Familie ein besinnliches Weihnachtsfest undein gutes neues Jahr!

Für Dich viel Zuversicht auf bessere Genesung!

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2014

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