Ehe, Familie und Freundschaft: Die Küche meiner Großmutter

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Die Küche meiner Großmutter

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 22.08.2014

Autor dieses Beitrags

Ulrike Wegener

Haupttext

Früheste Erinnerungen meiner Kindheit führen mich in die Küche meiner Großmutter. Der Fußboden – getüpfelt wie eine Blutwurst - wurde jeden Tag nach dem Mittagessen mit Ata und viel Wasser geschrubbt. Die Innenausstattung war schlicht. Ein beigefarbenes Buffet beherbergte das einfache Geschirr. Gummibänder, Butterbrotpapier, einen Besteckkasten, einen Milchpieker und einen riesigen Zuckertopf.

Opa füllte daraus 5 bis 6 Teelöffel in einen riesigen Humpen mit Milchkaffee, rührte einmal um, leerte den Inhalt zügig und zurück blieb immer ein knortziger Bodensatz. Dieses Privileg des üppigen Zuckerverbrauchs stand in der Familie nur ihm zu und faszinierte mich jedes Mal aufs Neue.

Dieses Buffet war – neben dem Bett – auch immer wieder ein Ort, wo Oma ihr „Pottmanee“ verstecken konnte, ohne es auf Anhieb wieder zu finden.

Rechts neben dem Buffet gab es einen Steingut-Gossestein, der einzige Wasserstelle der Wohnung war, die Toilette befand sich eine halbe Treppe tiefer, im Treppenhaus.

An der Wasserstelle wusch man sich, säuberte Kartoffeln und Gemüse, putzte Zähne. Über dem Ausguss hing ein kleiner rechteckiger Spiegel mit weißem Plastikrand. Er hatte schwarze Flecken und auf der Glasablage darunter standen Omas und Opas Gebisse, getrennt in einem Glas und einige Metallbehälter.

Neben dem Ausguss waren alle Familiengeschenke auf Borden hinter einem Vorhang verstaut. Am eckigen, sehr schlichten Esstisch aus Holz fanden sich – besonders am Wochenende – immer viele Onkel und Tanten zum Essen ein. Omas „gute Stube“ wurde nur zu besonderen Anlässen und Festtagen geheizt und genutzt.

Dort stand auch zu einem Weihnachtsfest ein Korbpuppenwagen mit einem Schildkrötbaby mit weichem Körper. Eine Unglaublichkeit in den 50er Jahren. Leider ist beides nicht mehr in meinem Besitz, denn den Puppenwagen verkloppte mein Vater für 50 Mark, als wir nach Hamburg zogen. Die Puppe musste ich in Hamburg auf Geheiß meiner Mutter einer Zahnarzttochter abtreten. Noch heute schaue ich auf Flohmärkten nach „meiner“ Puppe.

In und auf der Hexe wurde geheizt, gekocht und gebacken. Der brandige Kühlschrank0 beherbergte neben anderen Dingen immer eine steinharte Butter mit unangenehmem Geruch und Geschmack, was wohl an der fehlenden Abdeckung lag.

Auf dem roten Sofa aus Plüsch an einer Längsseite, machte mein Großvater, der beruflich Ganoven jagte und im Privaten Deutsch-Drahthaar-Jagdhunde züchtete, seine „Hundekosmetik“. Das heißt, die Hundeohren wurden gereinigt und die vielen Zecken entfernt, die Stellen dann mit Ballistol betupft.

Meine Oma hasste es, wenn mein Opa die Hunde in der Küche verarztete, ertrug es, aber widerwillig.

In diesem Jahr – also etwa 609 Jahre später – erfuhr ich von meiner Tante, weshalb meine Oma diese Prozedur so hasste. Sie hatte einen noch nicht einjährigen Sohn, der durch die Küche gekrabbelt war, an einem eingeatmeten Hundehaar verloren. Es hatte sich durch das Haar im Hals ein Abszess gebildet, der unbehandelt und unerkannt blieb – erst die Obduktion brachte die Aufklärung.

Verständlicher Weise hatte sie für die Hunde nie Verständnis und Interesse.

Viele Frauen dieser Generation mussten einiges ertragen; meine Großmutter brachte sechs Kinder zur Welt und ihr Leben bestand aus viel Arbeit.

Eigene Interessen, Wünsche oder Ansprüche gab es kaum. Hätte ich eine Tochter gehabt, ich hätte sie nach ihr benannt: Anna

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Erinnerungen, Frauenschicksal

Jahr

1950 ca.

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