Dorf, Stadt und Land: Als Flüchtlingskind in Hadenfeld

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Als Flüchtlingskind in Hadenfeld

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 28.07.2010

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Jürgen Schauer geschickt von Eggert Peperkorn

Haupttext

Ein Nest hat zweierlei Wortbedeutung. Nimmt man die etwas abwertende Variante, so ist damit klein, rückständig, aber auch hinterwäldlerisch gemeint. Aber es kann auch heimelig, gemütlich und der Ort sein, der Geborgenheit bietet. Es ist der Ort der Kindheit, es ist Heimat.

So erscheint mir Hadenfeld, wenn ich nach über 60 Jahren zurückschaue auf dieses„Nest“.

Wir waren Flüchtlinge aus Ostpreußen und Westpreußen, aus Danzig oder Königsberg. Wir haben dieses kleine Nest durch unsere große Zahl sicher überfordert, hat sich doch die Einwohnerschaft in den Jahren zwischen 1945 und 1950 nahezu verdreifacht.

Gab es Probleme? Natürlich! Da kamen die Flüchtlinge, die Fremden, vom Krieg gezeichnet, vertrieben, verstört und traumatisiert. Sie hatten Hab und Gut verloren, ihre Heimat, ihre vertraute Umgebung. Sie kamen oft aus Städten in dieses ich darf es noch einmal so nennen, kleine Nest.

Da waren die Dörfler. Meist gestandene, selbstbewusste Bauern, die aus alten Geschlechtern und Traditionen hervorgegangen waren. Sie fühlten sich jetzt überfordert, ja geradezu überrollt, durch die große Zahl ihnen aufgezwungener, fremder Menschen. Im Krieg relativ gut davongekommen, waren die Folgen des Krieges jetzt bei ihnen angekommen. Da herrschte nicht nur eitel Freude.

So wurde es von den Erwachsenen gesehen, und so war doch in der Bevölkerung in diesen Jahren stets eine Spannung vorhanden.

Aber wir Kinder! Auch wir hatten Schreckliches erlebt, auch wir waren verstört und sicher auch gestört durch die hinter uns gebliebenen Erlebnisse. Aber da waren auch die Hadenfelder Kinder, die „Eingeborenen“. Ganz unvoreingenommen ist man aufeinander zugegangen. Da waren Kinder, die ganz einfach nett und aufgeschlossen waren, und die das Neue, das Fremde mit erfrischender Neugier an sich herankommen ließen, die es auf kindliche Art genossen, und die Kontakte suchten.

Wir fanden zueinander. Es gab nicht einfach nur Begegnungen, es entwickelten sich schnell Freundschaften und die Größeren hatten bald auch erste „Liebeleien“ und ersten Liebeskummer. Eine Parallelwelt entstand, von der die Welt der Erwachsenen weit entfernt war, und die von Ihnen auch nicht bemerkt und verstanden wurde.

Der kleine Ort wurde für uns riesengroß. Auf Dachböden, in Scheunen und auf Höfen wurde gespielt und getobt. Manch versteckter Winkel wurde zum Spiel- und Abenteuerplatz, manche Speisekammer zur heimlichen Versorgungsstation, wenn die Bauernkinder ihren neuen Freunden etwas Gutes tun wollten. Die Eltern durften nicht immer merken, was da für Aktionen abliefen.

Das freie Feld und die damals noch weitgehend autofreien Straßen wurden riesige Spielplätze für alle möglichen und unmöglichen Kampfspiele, wo sich die Mannschaften z. B. beim Völkerball bis spät in den Abend hinein „bekriegten“. Es gab ja kaum ein Radio und Gott sei Dank kein Fernsehen oder gar ein Internet. Wie viel Zeit bleibt da für Spiele und Abenteuer! Was noch? Baden im Teich, graben im Moor nach vermeintlichen Schätzen, Ritterkämpfe über die Knicks an den Feldern hinweg. Wenn dann bei der Feldarbeit geholfen werden musste, so war das meist schon wieder abenteuerlich. Man durfte mit dem Pferdewagen mitfahren oder gar selbst lenken, man konnte Kartoffeln auflesen wie die Großen und im Stall durfte man sogar ausprobieren, wie das Melken ging. Die Sorgen der Erwachsenen waren spürbar, aber sie waren für uns durch neue Lebensfreude überdeckt. Man hat das Leben in einem wahrscheinlich nicht einfachen Umfeld in kindlicher Unbefangenheit genossen und feste Freundschaften, ja Bindungen entwickelt.

Nun sind mehr als 60 Jahre vergangen und ich muss die Frage nach der Heimat beantworten. Wo ist die Heimat eines Flüchtlingskindes? Die Antwort ist für mich einfach! Dort, wo ich Kind sein durfte. Nicht in kriegsbedrohten Orten, nicht in den Orten, in denen man nach der Umsiedlung angekommen war. Natürlich kamen dann die Aufbaujahre des Landes und im Umsiedlungsgebiet in Süddeutschland ging es wirtschaftlich immer besser. Aber die Heimat im Herzen bleibt im Nest, in Hadenfeld. So war der Abschied für uns Kinder aus dem Dorf und die Weiterreise nach Süddeutschland ein harter Eingriff in unser Leben. Viele Tränen sind geflossen, und doch sind die Kontakte im Verlauf der Jahre weniger geworden. Die liebevolle Erinnerung ist aber lebendig geblieben. Wir haben unsere dritte Heimat gefunden und sie auch lieben gelernt, aber eben erlernt und nicht „erfühlt“. Eine lange Reise durch das Leben und eine weite durch ganz Deutschland führt nun oft ein Gedanken zurück ins „Nest“ Hadenfeld.

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 28.07.2010

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Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Flüchtline, Kindheit

Jahr

1946-1950

Ort

Hadenfeld

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