Dorf, Stadt und Land: Urlaub - ich werde politisch

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Urlaub - ich werde politisch

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Erstellt von Maren Andreas am 29.08.2017
Zuletzt bearbeitet am 29.08.2017

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Maren Andreas

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Mein Lieblingsurlaubsland ist Frankreich und auch für den Sommer 2016 war dort ein zweiwöchiger Urlaub gebucht, nach Nizza. Während meines Studiums war ich schon einmal dort. Also träumte ich schon Monate vorher von der sonnigen Stadt am Mittelmeer. Dann kam der Terror auch nach Nizza. Es vergingen einige Stunden, bis ich die Lage wirklich begriff, den Flug storniere und schließlich auch die französische Vermieterin anrufe. Nach einer kurzen Pause höre ich: "Mais Madame, il ne faut pas faire place au terrorisme. Il faut resister." (Man darf dem Terrorismus keinen Platz geben, man muss dagegenhalten.) Ich lasse mich aber einschüchtern, gebe klein bei, ja wahrscheinlich unterstütze ich so den Terrorismus?! Eine Duckmäuserin, Mitläuferin am Ende... Ich weiß nur eines, ich will Urlaub, und ich will nicht auch nur irgendwem ins offene Messer laufen! Und wären alle wie ich, würde der Tourismus in Frankreich zusammenbrechen, zumindest aber in Nizza.

Ich buche. Für die Picardie. Da kann man auch mit dem Auto hinfahren, keine terrorverdächtigen Bomben auf Flugplätzen. Eine herrliche Autofahrt wird das! Und eigentlich liebe ich das Autofahren ja auch. Ich packe, das Radio läuft. Das läuft neuerdings ständig. Ein Terroranschlag in Nordfrankreich - in einer Kirche! Ich komme mir irgendwie gehetzt vor. Mir wird schlecht, alles dreht sich. Und Deutschland ist ja auch schön... Ich könnte ja auch... Nein, kann ich nicht. Ich fahre los in die Picardie.

Ich komme in einem winzigen Urlaubsort direkt am Meer an, die Landschaft habe ich schon bei der Autofahrt genossen. Weil ich das Wichtigste bei all dem Stornierungs- und Buchungs- und Radiostress vergessen habe, nämlich meinen Badeanzug, steuer ich sogleich auf das erste Geschäft zu, ebenfalls winzig. Dafür mit viel Angebot. Ich stöbere ein wenig unentschlossen herum, bis mir der Ladenbesitzer, ein älterer Herr, einen blauern Badeanzug mit weißen klitzekleinen Ankern und gelben Streifen an den Rändern vor die Nase hält - in Größe 36. Dazu meint er fachmännisch, der könnte passen, aber eventuell etwas zu knapp sein. Etwas beleidigt nehme ich den wunderschönen Anzug mit in die Umkleidekabine, wo mir dann schnell klar wird, dass ich in Frankreich immer eine Nummer größer habe und ich umrechnen muss. Nun gut.

An der Kasse schaue ich auf die leere Promenade und mir ist auch diese so ganz und gar leere Stadt aufgefallen. Mein Heimatstädchen ist durch die vielen Flüchtlinge seit 2015 richtig quirlig geworden. Ich frage den Mann an der Kasse, wo denn all die Füchtlinge wären, ob sie denn hier gar keine aufgenommen hätten. Er holt tief -tief- Luft und erklärt mir, dass Frankreich und also auch die Picardie, nämlich seine (!) Region eine Menge Flüchtlinge aufgenommen hätte, dass es auch immer mehr werden, es gäbe regelrechte Lager, es sei also keineswegs so, dass nur die Merkel ihre Füchtlinge hat usw.. Ich merke, dass ich irgendwie falsch angefangen habe, der Ladenbesitzer hat sich mittlerweile so in Rage geredet, dass ich lange nicht mehr alles verstehe. Ich versuche ein Nicken, stimme irgendwas zu und lächle ein wenig, aber nicht zu viel. Pause. Er hat mich was gefragt, mich, dem unpolitischten Menschen, den es gibt. Aber aus der Nummer komme ich nicht so einfach raus. Erwartungsvoll sieht er mich an. Resultat nach einem mindestens eineinhalbstündigen Gespräch: Die Flüchtlingskrise ist eine Katastrophe für Europa, für die Welt sowieso, das war abzusehen (Ladenbesitzer wissend), wir müssen helfen, aber besser woanders, und wenn sie schon mal hier sind, müssen wir integrieren (mit den Arabern hat's nämlich auch nicht geklappt, wie sieht es mit den Türken in Deutschland aus), Ausbildung, Beruf, Qualifikation, der Terror zersplittet Europa, hier sind sie ja auch nicht sicher, wollen Sie nicht auch flüchten und wohin. Ich sage, wir müssen zusammenhalten. Wir, Deutschland und Frankreich. Wir sind starke Länder. Wir hatten eine scheiß verdammte Vergangenheit, wir zwei. Wir halten jetzt zusammen, retten uns, Europa und die ganze Welt. Wir werden feierlich und es hätte nicht viel gefehlt, wir zwei würden uns in den Armen liegen, unsere Nationalflaggen schwenkend, für die Welt.

An der Tür höre ich sein "Bonnes vacances, Madame" (schöne Ferien, meine Dame), drehe mich um. Eine dicke Träne läuft seine Wange herunter.

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