Dorf, Stadt und Land: Eine Fahrt nach Hamburg im Jahr 2017

Titel und Untertitel

Eine Fahrt nach Hamburg im Jahr 2017 als Zeitzeuge bin ich beunruhigt

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Ersteller und Datum

Erstellt von Gisela Hess-Hatting am 02.05.2017
Zuletzt bearbeitet von Sabrina Böhmer am 12.05.2017

Autor dieses Beitrags

Gisela Hess-Hatting

Haupttext

Das ist nichts Besonderes, nach Hamburg fährt man öfter. Trotzdem möchte ich über unsere Fahrt nach Hamburg als Zeitzeuge berichten.
Wir, mein Mann und ich, hatten eine Einladung zu einem Konzert in die Elbphilharmonie für Anfang Februar 2017. Unsere Tochter, die in Hamburg lebt, hatte die Idee. Der Bau dieses architektonisch mutigen Gebäudes ist beeindruckend. Allein die Aussicht von der Plattform auf die Weltstadt Hamburg ist überwältigend. 

Aber das besonderer an dieser Fahrt war leider etwas anderes:

 Wir fuhren mit unserem Auto durch Hamburg, waren kurz vor unserem Hotel und mein Mann wechselte die Fahrbahn zum links Abbiegen, um das Hotel zu erreichen. Da passierte es. Es gab einen kleinen Schub an unserem Auto auf der Fahrerseite. Beim Wechseln der Fahrbahn touchierten wir einen  anderen Verkehrsteilnehmer, der uns überholen wollte. Mein Mann hatte das Auto gesehen, es war weit genug entfernt, um zum Fahrbahnwechsel anzusetzen. Der Fahrer gab aber plötzlich Gas. Wir hielten an. Die Schuld lag natürlich bei meinem Mann, das war uns sofort klar.
Aus dem Fenster des beteiligten Wagens blickte uns böse ein wild fuchtelnder Fahrer an. Er stieg aus, machte die Tür unserer Fahrerseite auf und überschüttete meinen Mann mit allen denkbar möglichen Schimpfworten der deutschen Sprache. Erstaunt, mit wachsendem Unbehagen, mussten wir diesen Wortschwall, verbunden mit Drohgebärden, über uns ergehen lassen. Endlich konnte mein Mann aus dem Auto steigen. Mein Mann versuchte den Verkehrsteilnehmer zu beruhigen – vergeblich. Dieser setzte, mit vor Wut verzerrtem Gesicht, seinen beleidigenden Redeschwall fort. Endlich kam mein Mann mit beruhigenden Worten auch mal zum Reden: “Nun hör doch mal auf, das ist doch alles zu regeln“, waren seine Worte. Der dunkelhaarige Mann hörte nicht auf zu schimpfen. Dann die Worte meines Mannes: „Nun hör doch mal auf“, und die Hand andeutungsweise erhebend, sagte er: „Oder willst du eins drauf haben, damit du endlich aufhörst hier so rumzuschreien?“
Da riss der Mann seine Arme hoch, sprang auf die Fahrbahn zurück und schrie: „Der Mann will mich erschlagen, der Mann will mich erschlagen!“ Inzwischen kam die Polizei. Ruhig sprach sie uns an. Das tat direkt gut. Der Verkehrsteilnehmer wurde sehr schnell ruhiger. In der Aufregung fand mein Mann nicht gleich seinen Führerschein. Ich hatte das Gefühl, wir, mein Mann und ich waren durch diesen  unnötigen, massiven Auftritt geschockt. Als wir alle Formalitäten erledigt hatten, der Polizist uns seine Visitenkarte gab, damit wir am nächsten Tag Name und Adresse des Verkehrsteilnehmers erfragen konnten und auch um unsere Versicherung zu informieren, setzen wir unsere Fahrt fort.Und der Schaden, an dem wir die Verursacher waren? Nur geringfügig. (An unserem Auto ist eine kleine Schramme im Lack, die durch einen Kostenaufwand von zwanzig Euro behoben wurde.  Als ich die Personaldaten des geschädigten Verkehrsteilnehmers am folgenden Tag erfragte, schilderte ich dem Polizisten am Telefon kurz den massiven, einschüchternden Auftritt des Fahrers.  Die Antwort:“Dazu kann ich nichts sagen.“Natürlich haben wir mit Freunden und Bekannten über dieses unschöne Erlebnis gesprochen. Es stellte sich heraus, dass es diesen, wie  ein inszeniert aussehender Auftritt, in Städten öfter gibt. Man hat sich daran gewöhnt, muss damit leben. Auch bei Hinweisen an Falsch-Parker, die Ausfahrten versperren oder Bürgersteige fälschlich zum Parken belegen,  ist damit zu rechnen, dass man in massiver Weise nicht nur mit Worten bedroht wird, wenn man etwas sagt. Es ist  angeraten, zu schweigen.
Diese Sache ist für mich befremdlich. Deshalb benutze ich auch den Ausdruck „Fremde“. Es sind  fremde Bürger unseres Landes, die hier im  Rechtsstaat geschützt und gut leben, aber dem Normal Bürger mit Machtgebaren gegenüber treten.
Ich finde es sehr bedenklich. Man sagt: Wehret den Anfängen! Das hat man über Jahrzehnte bei der Integration verschiedener Zuwanderer versäumt. Die Fremden und die hier ansässigen haben versäumt, sich miteinander auseinander zu setzen. Ich meine: Darüber muss man reden dürfen in einer Demokratie, um Schaden von der Bevölkerung abzuwenden. Wir wollen doch alle nur gut und in Frieden miteinander leben. Demokratisches Verhalten ist ja nicht angeboren – das muss man erlernen – aber – man sollte auch bereit sein, demokratisches Verhalten zu wollen und einzufordern.
Natürlich kann es so ein „Schauspiel“ auch mit einem deutschen Bürger geben. Der Ton in der Bevölkerung ist in den letzen Jahren anders geworden, rücksichtsloser und respektloser. Wollen wir das wirklich?
Mich stimmt diese Entwicklung traurig. Denn die Respektlosigkeit ist in einigen Bereichen unserer Gesellschaft verstärkt zu beobachten. Wir sollten mit unseren offenen, demokratisch denkenden Mitbürgern daran arbeiten, diese Situation zu verbessern.  Damit wir uns alle, die hier leben, geborgen fühlen. Beginnen sollte man in den Kindergärten, denn einige Kinder erhalten die Breitschaft demokratisch zu leben, im Elternhaus nicht vorgelebt, gleichgültig aus welchem Elternhaus sie kommen. Spätestens an den Schulen sollte verstärkt versucht werden, die  lebendige Demokratie mit Nachdruck umzusetzen. Das bedeutet Rücksichtnahme vorzuleben, meinem Gegenüber klar zu machen, dass das Dulden meines Gegenübers auf der Basis der gegenseitigen Rücksicht auf die jeweiligen persönlichen Belange basiert.  Das ist der Grundwert unseres Zusammenlebens,  unserer Demokratie. Wenn wir das nicht schaffen, ist es schlecht um unsere Demokratie bestellt. Im Moment hört man,  es soll an einigen Schulen so sein, dass der stärkere, lautere Schüler den Ton angibt. Dass gemobbt wird und dieser Zustand teilweise nicht verfolgt und bestraft wird, ist auch bekannt. Der Betroffene ist schuld, dass er sich mobben lässt. Welch eine feige Kultur!? Es drückt Hilflosigkeit aus und führt unweigerlich zur Diktatur. Vielleicht von einigen „Herrschaften“ gewollt. Weltweit sind wir Ansatzweise auf dem besten Weg dahin. Auch Hitler wurde, durch „Herrschaften“, die dann später den größten wirtschaftlichen und finanziellen  Nutzen aus der Nazizeit ziehen konnten, unterstützt, damit er an die Macht kam – das ist inzwischen wohl den meisten Bürgern klar geworden. Deshalb meine Bitte:“Wehret den Anfängen!“

Wir haben viel zu verlieren  -  nämlich unsere Demokratie.

Eine weitere Grundvoraussetzung unserer Demokratie ist die gemeinsame Sprache. Vor dreißig Jahren bemühte man sich durch Förderung auf der einen Seite und durch die Bereitschaft auf der anderen Seite, die gemeinsame Sprache zu erlernen. Ist es nicht erstaunlich, dass heute Kinder eingeschult werden, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, aber deren Familien schon in dritter Generation in Deutschland leben. Es fördert Missverständnis untereinander. Sich zu unterhalten ist schwierig. Verständnis füreinander aufzubringen fällt schwer. Man isoliert sich. Ich frage mich: Ist das gewollt, damit der einfache Bürger Spielball der „Mächtigen“ bleibt oder zum Spielball wird? Von den Schwierigkeiten, die durch das fehlende Verständnis der diversen Glaubensrichtungen entsteht,  möchte ich gar nicht reden. Auch hier ist das sprachliche Missverständnis die größte Hürde. Unsere augenblickliche Situation in Deutschland empfinde ich als beunruhigend.
Als ich Schülerin war – 1948 bis 1959 – war das Schulgebäude, der Schulhof – ein geschützter Raum. Man ging dort friedlich, respektvoll miteinander um. Man ging zur Schule, um zu lernen. War jemand auffällig, aggressiv und rücksichtslos – schränkte dadurch die Belange seiner Mitschüler ein – so wurde er der Schule verwiesen. Darüber wurde offen gesprochen. Davon sind wir heute weit entfernt. So, wie es heute in der Gesellschaft läuft, erzieht man kaum junge Bürger zu guten Demokraten.

 

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