Dorf, Stadt und Land: Weihnachten 2016

Titel und Untertitel

Weihnachten 2016 Zeitzeugin

Mein Beitrag
Ersteller und Datum

Erstellt von Gisela Hess-Hatting am 05.12.2016
Zuletzt bearbeitet von Sabrina Böhmer am 07.12.2016

Autor dieses Beitrags

Gisela Hess-Hatting

Haupttext

Es ist der Samstag vor dem Totensonntag. Ich räume in der Küche den Frühstückstisch ab und lausche nebenbei den Worten des Sprechers von „Deutschland Radio“. Ein älterer Journalist – ich schätze, fast mein Jahrgang, also eventuell 1942 geboren, stellt seine Lieblingsmusik vor.

„Deep in me  I do believe… we can overcome… some day….“ Ich höre dieses Lied, setze mich an den Küchentisch, stütze meinen Kopf in die Hände, merke, wie Ergriffenheit in  mir hochsteigt und lasse meine Tränen laufen. Die Musik überwältigt mich, weckt Erinnerungen. Vielleicht kennen Sie so eine Empfindung auch.

Was waren das für Hoffnungen, die wir damals hegten? Was ist aus unseren Hoffnungen geworden?  

Nach zwei Weltkriegen war die Sehnsucht nach Frieden, Gerechtigkeit und Geborgenheit sehr groß.

Mit der entstehenden und wachsenden Demokratie konnte alles  so viel besser werden. Wir hatten die Chance. Und wir nutzten sie. Wir leben jetzt im Wohlstand, können uns fast alles leisten, machen Reisen in die weite Welt, feiern Feste, haben internationale Gäste, nehmen Spezialitäten zu uns, die am anderen Ende dieser Welt entstehen und jetzt „in“ sind, sie hierzulande wie selbstverständlich zu genießen. Wir kleiden uns ständig neu ein, schaffen uns unaufhörlich Gegenstände an, die auf den Markt gebracht werden und für uns als „Lebenswichtig“ deklariert werden. Etwas zu reparieren lohnt sich nicht. Ein Neukauf ist günstiger. In „Billigländern“ wird vieles hergestellt – reist um die ganze oder halbe Welt – um unsere Ansprüche zu befriedigen. Die Gesellschaft ist des „Glücks selig“ im Kaufrausch. Etwas zu besitzen beruhigt uns. 

Aber da gibt es auch die andere Seite in uns. Werden wir ihr gerecht oder kommt sie  zu kurz? Es ist unser Gewissen. Es  lässt uns unser Leben trotz des Überflusses in dem wir leben, als nutzlos und leer erscheinen. Wir können nicht genießen. Unser Gewissen lässt uns unsere Machtlosigkeit  erkennen, dass wir trotz unseres Wissens und unseres Wollens nichts verändern können. Nicht den Menschen helfen zu können, die in ihrer Heimat bombardiert werden und  dadurch zur Flucht  zu uns nach Europa getrieben werden. Die viele Jahre darauf warten von uns in unserem Land integriert zu werden. Die sich als Fremde fühlen, die uns fremd bleiben, die uns beunruhigen. Einige  reihen sich ein in die Bevölkerungsschicht, die bei uns unter der Armutsgrenze lebt. Die darin leben muss. Die  viel arbeiten, aber trotzdem nicht auf einen grünen Zweig kommen. Jenen Mitmenschen fehlt die  Zukunftsperspektive, ja die Möglichkeit aus ihrer Misere herauszukommen.  Sie sind hinein geboren in diese „Unterklasse“. Trotz diverser Beschäftigungsverhältnisse,  die üblicher Weise unter der Mindestlohngrenze entlohnt werden, kommen sie aus dieser Lage nicht heraus  - ihre Zukunft und die ihrer Kinder erscheint hoffnungslos.

Trotz Wohlstand und wirtschaftlichem Wachstum ist es den regierenden Parteien nicht gelungen für Gerechtigkeit zu sorgen. Für eine Verteilung der Güter   an die unteren Schichten. Sie, unsere gewählten Volksvertreter,  haben durch ungerechte Steuergesetze dazu beigetragen, dass der Wohlstand in ungesundem Maße nach oben fließt, zu denen, die schon viel besitzen.         

Ja, uns Deutschen ging es noch nie so gut wie heute, sagt unsere Kanzlerin. Recht hat sie. Aber für welchen Preis können wir so leben?

Es sind jetzt noch vier Tage bis zum 1. Advent. Ich habe die Weihnachtsdekoration aus dem Keller geholt und beginne die Räume adventlich zu schmücken. Ich liebe diese Zeit, erinnere mich an meine Kindheit, an stimmungsvolle Weihnachten als Erwachsene und jetzt im Alter. Das ganze Haus bekommt einen warmen, gemütlichen Glanz. Eigentlich möchte ich jedes Jahr etwas weniger schmücken. Ich tu es dann doch nicht. Schon der Enkelkinder wegen. Sie freuen sich, wenn sie die „alten“ Sachen aus dem  vergangenen Jahre  wieder sehen. Einige Teile mögen sie besonders gerne. Und ich auch.  Da ist ein hübscher rot leuchtender Papierstern. Den hat mir eine Schulfreundin gebastelt. Dann die aus rotem Karton geschnittenen Figuren für die Fenster, die noch aus der Zeit stammen, als meine Tochter in den Kindergarten ging. Auch selbst gebastelt. Das war vor sechsunddreißig Jahren.  Viele Engel, Weihnachtsmänner, Sterne, Herzen sind in späteren Jahren dazugekommen, also neuer. Jedes Jahr kaufe ich etwas dazu, weil immer wieder andere schöne Dinge angeboten werden. Meistens verschenke ich sie dann und behalte meinen „alten“ Bestand.

Was gefällt mir so an der Weihnachtszeit? Ich glaube, es ist das Gefühl der Beständigkeit, die Wiederholung von  Sicherheit und Zuverlässigkeit. Das alles wieder so wird, wie es vorher immer war. Die Stimmung, der Glanz. Der Kirchgang am Heiligen Abend. Das gemütliche Zusammensein mit der Familie und mit Freunden. Und die Erwartung und Hoffnung, dass es so bleibt.  

Mit meinem Bruder spreche ich über unsere Weihnacht in der Kinderzeit. Er sagt:

„Weißt du noch, wie die friedliche Stimmung in der Vorweihnachtszeit um sich griff? Wie wir freundlicher, gelassener miteinander umgingen. Uns nicht anfeindeten, denn es war ja Weihnachtszeit – Friedenszeit. Und – fröhliche Weihnacht überall - . Alle Menschen sollten es gut haben. Wir hatten die Empfindung, mit unserer Friedfertig-keit dazu beitragen zu können. Es war ein gutes Gefühl!“

„Ja, und was erleben wir heute?“, frage ich.

Die Stimmung ist nicht wie sonst. Die jüngeren Bürger hetzen von einer Veranstaltung zur anderen, Weihnachtsfeiern überall, noch schnell kleine Geschenke für die Freunde besorgen, die Nachbarn, die Kollegen. Keiner darf vergessen werden. Das war in den Jahren vorher nicht anders, die Hektik ist sogar noch etwas mehr geworden.  Eine Ruhe lose Zeit – auch mit Vorfreude auf das Fest. Und doch spürt manch einer eine gewisse Unzufriedenheit. Man hat das Empfinden, es läuft etwas verkehrt.  Warum komme ich nicht zur Ruhe und genieße einfach und schlicht die Vorweihnachtszeit?  Freue mich an den Liedern, an der weihnachtlichen Musik. Freue mich über die strahlenden Augen der Kinder. Es sind die täglichen Meldungen in den Medien über Bomben, Tod und Elend. Über drohende Gebärden einiger Mächtigen in der Welt, die uns verkünden, nur ihre Sichtweise der Weltordnung, die ihres Glaubens,  ist die einzig richtige. Es ist etwas näher gerückt, was wir weit von uns entfernt glaubten. Dieses Empfinden wird selten ausgesprochen, weil man dann Gefahr läuft, in die Schublade des „rechten“ Denkens und des „Angst machen“ gepackt zu werden. Und die nicht mehr zu leugnenden Klimaveränderungen, die in vielen Gebieten unserer Erde durch zerstörende Unwetter  belegt werden. Wir alle tragen eine Mitschuld an diesen Zuständen. Wir leben im Überfluss. Warum haben wir uns nicht gewehrt? Warum machen wir den Tanz um das „Goldene Kalb“ weiter mit? Konnten wir nicht Einhalt gebieten? Wir sind doch Demokraten und sollten dafür sorgen, dass es uns und unseren Mitmenschen gut geht. Wir ließen uns einlullen durch das Erwecken immer neuer Bedürfnisse, die letztendlich nur den Erzeugern dieser Dinge zu immer größerem Reichtum verhelfen, und diese Menschen  zu immer skrupelloseren Egoisten werden ließen.

Es scheint, als hätte sich das Zusammenleben in der Gesellschaft verändert, weil die Werte wie: Rücksichtnahme, für den anderen eintreten, Mitgefühl und Nächstenliebe, an Wert verloren haben.  Diese Werte werden kaum mehr vermittelt. Dafür ist kein Platz in unserer Gesellschaft. Wir sehen ja, wie gut sie leben, diese „Glücklichen Reichen“. Warum soll der einfache Bürger nicht versuchen, diesem Vorbild nachzueifern?

Es ist in einer Nacht vor dem zweiten Advent. Ich gehe durch das dunkle,  durch kleine Advent-Leuchten erhellte Haus, und sehe den Garten in eine silberglänzende Helligkeit getaucht, vor mir liegen. Es ist eine durch blinkende Sterne klare, helle Nacht. Noch nie sah ich diese Vielzahl von Sternen an unserem nordischen Himmel. Es ist beeindruckend. Und dann die Stille. Lange verweile ich am Fenster und freue mich über diesen Sternenhimmel. Diese Ruhe, dieser Frieden, dieser Glanz. Unsere Welt ist so schön. Lieber Gott, hilf uns, dass wir sie uns erhalten können. Hilf uns, dass wir uns gegenseitig Frieden geben können.

05.12.2016 Gisela Hess-Hatting

 

 

Bilder
Bewertungen
Wie informativ finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 0Jetzt bewerten
Wie anschaulich finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 0Jetzt bewerten
Weitere Informationen
Jahr

2016

Pinnwand

  • Auf dieser Pinnwand wurden noch keine Einträge hinterlassen.

Hier anmelden

Sie sind noch kein Mitglied der Community?

Jetzt beteiligen

Jetzt einen Beitrag verfassen