Dorf, Stadt und Land: Klarapfel

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Klarapfel

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Erstellt von Sabrina Böhmer am 20.09.2016

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Maren von Pluta

Haupttext

„5 Klaräpfel sind reif, einen habe ich  dir mitgebracht“, sagt der Landmann, als er mich Anfang September zu einer Ausfahrt nach Friedrichskoog an der Nordsee abholt. Zum wohl letzten Mal Sommersonne tanken in diesem Jahr. Mein Begleiter bei Fahrten durch die Kremper- Haseldorfer Marsch nach Dithmarschen und ich haben uns vor einigen Tagen darüber unterhalten, wie gut in unsrer Kindheit die ersten Äpfel der Saison geschmeckt haben. Mein Partner nennt sie Klar-, ich Augustapfel.Meine Großeltern bezeichneten sie so, obwohl sie meist im September reif waren.In ihrem Garten stand ein knorriger Apfelbaum. Der Stamm war verformt, die Äste verbogen wie d e Gelenke eines Gichtkranken. Sehnsüchtig habe ich ab Mitte/Ende August den Baum beobachtet. Wann wurde das Grün der Apfel endlich hellgelb? Reife Früchte musste man rasch pflücken Wenn sie runter fielen, waren sie meistüberreif, bekamen braune Stellen, verdarben rasch. Sie waren nicht mit Hilfe von Chemie auf Langlebigkeit getrimmt worden. Sie waren aber ohnehin nicht für langes Lagern gedacht. In meinem Fall waren sie ohnehin zum sofortigen Verzehr gedacht.Als Lagerapfel gab es in Omas Garten den Boskop. Der hielt sich aber auch nur ein paar Monate Ab Dezember gab es Bratapfel Omas Bratröhre, im Kachelofen zubereitet, mit reichlich Zucker bestreut. Der Winter war eine magere Zeit was frisches Obst und Gemüse anging. Zwetschgen, Birnen. Bohnen, alles aus dem eigenen Garten, wurde eingeweckt. gekocht und in Weckgläsern haltbar gemacht.Oft ging der Deckel eines Glases .hoch“ Es hatten sich Gase gebildet die die Verpackung nach oben drückte. Früchte des Holunderstrauches. Fliederbeeren genannt, wurden zu Saft verarbeitet Ein prima Mittel gegen Erkältungen. Erdbeeren ließen sich sehr schlecht konservieren, ich frage mich, wie meine Großmutter es zustande gebracht hat an Silvester Erdbeerpunsch zu servieren - aus konserviertenFrüchten natürlich. Ich verbrachte Silvester häufig bei den Großeltern. Meine Eltern feierten außerhalb. Zum Erdbeerpunsch gab es Pforten, in Omas Pförtenpfanne gebacken mit viel, viel Fett. Und natürlich BratäpfelAb April kontrollierte ich regelmäßig das Spargelbeet. Dessen Oberfläche bestand aus platt geklopfter Erde Sobald sich Erhebungen bildeten, bedeutete das: Ein Spargelkopf wollte ans Licht. Wenn ich vier Köpfe ausfindig gemacht hatte, stach Großmutter den Spargel und kochte daraus eine Suppe für mich, in einer uraltenBlechschale. .Kumme  " genannt Für Spargelgemüse reichte die Ausbeute noch nicht. In den meisten Jahren war das ohnehin nie der Fall. Das Spargelbeet war nicht sehr groß. In der Spargelssaison kontrollierte ich auch jeden Abend die Erdbeerbeete Welche Flachte würden am kommenden Tag einen so hohen Rotanteil haben, dass ich sie essen konnte? Gelegentlich wurden Früchte mit nicht unbeträchtlichen Grün- und Weißtönen verzehrt.Dann kamen die Stachelbeeren Grütze daraus war meine Lieblingsnachspeise Es kam die Zeit der roten und der schwarzen Johannisbeeren. Sie waren für meinen Geschmack zu sauer. Ich verzehrte sie trotzdem frisch vom Strauch. Eine Hecke aus Johannisbeeren grenzte eine Sorte unseres Grundstückes ab. Die Bohnen wurden reif, danach die Erbsen Es gab Erbsen und Wurzeln. Letztere hätte man weglassen können. Erbsen mit ihrem süßlich-nussigen Geschmack waren mein Lieblingsgemüse Es gab sie als Sonntagsessen mit neuen Kartoffeln mit Schinken oder Rinderbraten und grünem Kopfsalat in Sahnesauce. An einigen Sonntagen wurden auch gebratene Jungtauben gegessen - von den anderen (mein Vater züchtete Tauben). Ich weigerte mich strikt, auch nur ein winziges Stück zu probieren, auch wenn d e Erwachsenen von der Delikatesse schwärmten. Das waren meine Tiere! Ich besuchte sie regelmäßig im Taubenschlag. Sie waren nicht niedlich wie Hühnerküken, hatten nicht deren wunderbar gelben Flaum, deren wenige Bewegungen. Jungtauben waren plump, hellgelber klebriger Flaum ließ die Haut durchschimmern wie d e Kopfhaut bei einem Menschen mit zu wenig Haaren. Die Jungvogel stolperten hilflos durch den Taubenschlag, ihre Körper unförmig, und genau deshalb mochte ich sie - weil sie nicht perfekt waren. Du ist doch Schinken. Der ist vom Schwein aus Omas Stall  ", sagte meine Mutterm dann keine Tauben?  " Das Schwein stand in einem dunklen Koben, fraß Küchenabfälle, grunzte Ich konnte keine Beziehung zu ihm aufbauen Außerdem lagerten auch andere Dorfbewohner die Schinken ihrer Tiere in Omas Räucherkammer.Nach den Erbsen, den Binnen. den Klaräpfeln waren die Zwetschgen reif. Eine Baumreihe stand an dem Weg. der das Grundstück zur Weidefläche abgrenzte. Zwetschgen und Pflaumen wurden frisch verzehrt, als Kuchenbelag verwendet. zusätzlich eingeweckt. Im Winter gab es sie als Beiträge zu jedem Sonntagsessen, dazu saure-Gurken. Ich sehnte die Zeit derZwetschgen nicht herbei wie die der Klaräpfel,Und jetzt, viele Jahrzehnte später esse ich den vom Landmann mitgebrachten Apfel und bin enttäuscht. Er schmeckte wässrig, mehlig, fast ein wenig fade, hat zu wenig Süße. Ich traue mich zunächst nicht, das meinem Partner zu sagen, tue es aber schließlich doch. .Komisch, dass du das auch sagst Ich finde, er schmeckt zu wenig nach Apfel, ist mehlig  ". Haben wir d e Erinnerungen an unsere Kindheit zu sehr glorifiziert, auch was Geschmackserlebnisse angeht? Oder haben die Entwicklungen auf dem Lebensmittelsektor unser Geschmacksempfinden stärker beeinflusst, als wir es uns vorstellen können? Es ist wohl beides der Fall.Wir s und ohnehin auf dem Weg nach Dithmarschen, also fahren wir bei .unserm  „ Obsthof Peters vorbei, Äpfel kaufen. Während der Fahrt halte ich dem Landmann einen Vortrag darüber, dass wir unbedingt einheimische Produkte kaufen müssen.Boskop-Apfel sind zum Beispiel nach der niederländischen Stadt Boskop benannt „Wollen wir so etwas?" .Du hast angegeben, dass du Äpfel aus Neuseeland gegessen hast  ", kentert? er. .Knallgrün, zahnpastaweißes Fruchtfleisch, eisgekühlt".- .Das ist 20 Jahre her. Weil ich ein Reklamefoto so toll fand. Eine Frau mit perfekt weißen Zahnen beißt in einen grünen Apfel.  " .Du hast nach Farben gegessen?" .Das war in der Zeit in der ich es toll fand, im Januar frische Erdbeeren zu essen, weil dies in meiner Kindheit nicht gab, aus Mexiko eingeflogen .Jetzt bist du auf dem Regionaltrip, dem ökotrip  . Jede Zeit hat ihre Moden  ", sagt der Landmann.Wir haben die so schön roten Apfel aus Belgien gekauft. Ein Kompromiss. Äpfel kommen ohne ursprünglich aus Vordersten. Aber ich verdanke dem Klarapfel eine Erinnerungsreise in den Nutzgarten meiner Großmutter.

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Apfel, Heimat, Oma

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2016

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