Dorf, Stadt und Land: Der Zaubertisch

Titel und Untertitel

Der Zaubertisch Aberglaube in den Elbmarschen

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Ersteller und Datum

Erstellt von Sabrina Böhmer am 06.08.2016

Autor dieses Beitrags

Maren von Pluta

Haupttext

"Bei Vollmond um Mitternacht Wolfsmilch pflücken, auf die Warze streichen". Das war in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ein heißer Tipp. Warzen hatten damals offenbar Hochkonjunktur. Auf meinem linken Daumen prangte ein Mini-Mini-Exemplar. Ich war damals schon recht eitel. Diese Warze musste weg! Also stellte ich den Wecker auf Mitternacht. Ich hatte vor Aufregung nicht geschlafen, als er klingelte. Rasch gab ich ihm eins auf den Kopf, dann schlich ich durch die Hintertür aus dem Haus. Im Nachthemd, beim Anziehen im Schein der Taschenlampe hatte ich Krach machen können. Ich ging den im Buchsbaum eingerahmten Gartenweg entlang zu dem schmalen Wassergraben hinter dem Haus meiner Großmutter. In der Nähe des Wasserlaufes durften Pflanzen wachsen, die im  "Blumengarten „(so nannte man den Teil, in dem nicht Gemüse. Obst und Kartoffeln angebaut wurden) nicht erwünscht waren. Ich wusste ungefähr, wo ich das Unkraut suchen musste, ging an der Weißdornhecke entlang, die das Grundstück der Großeltern von dem öffentlichen Pfad direkt am Graben trennte. Ich leuchtete den Pfad aus - und da waren die niedrigen grünen Büschel Rasch pflückte ich einige Stängel. Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte die Wolfsmilch am Nachmittag besorgt. Für mich zählte jede Sekunde, die ich nicht in diesem Gespenstergarten zubringen musste Aber Wolfsmilch musste frisch gepflückt werden, sonst wirkte der Zauber nicht Ich quetschte die Pflanze aus, bis die Milch heraus quoll, strich diese auf die Warze und murmelte meinen Zauberspruch. Den kannte ich seit Jahren, ich kam aus einer im Zaubern erfahrenen Familie. Meine Eltern setzten zwar auf die Kraft der Vernunft und die Pillen und Tropfen vom Doktor Bredahl. Meine Großtanten, die Großmutter aber hatten von der Urgroßmutter gelernt, wie man sich selbst kurierte. Wr lebten wie eine Großfamilie - jede Partie im eigenen Haus aber die Gebäude standen auf einem großen zusammenhängenden Grundstück. In dieser Nacht guckte ich noch mal zum Rundgesicht des Vollmondes (das war wichtig, damit der Zauber wirkte), dann schlich ich rasch ins Haus meiner Eltern. Die Warze verschwand. Als ich erwachsen war, erfuhr ich, dass Wolfsmilch zu den Euphorien-Gewächsen zählt. Diese enthalten Substanzen, die Wucherungen auf der Haut beseitigen können. Zunächst aber war mein Glaube an die Macht der Magie gestärkt. Schon als ich noch etwas unsicher auf Stummelbeinen durch das Haus der Großmutter wackelte, erfuhr ich, dass Harten Lena eine Spiel oder eben eine Karte um Zwecke des Weissagens ist Herzdame bedeutete sie. Und als eine der Tanten endlich erfahren wollte, ob ihr Traummann sie mochte, da riss ich das Tischtuch mit samt den Karten herunter. Harten Lena lag auf dem Perser-Teppich,  die wichtigste Weissagung des Sommers war beendet. 

Die Geschichte wurde gern erzählt! An eine weniger harmlose  Begebenheit erinnere ich mich selbst. Ich bin sechs oder sieben Jahre alt gewesen, da wurde der Zaubertisch zu Rate gezogen Es war ein runder Tisch aus dunklem Holz mit zierlich gedrechselten Beinen. Die Frauen hatten den Teufelstisch eigentlich nicht mehr anfassen wollen. Aber Marte, eine Verwandte aus Elmshorn, war mit ihrer Mutter angereist. Martes Verlobter war nach dem zweiten Weltkrieg  "vermisst", wie man sagte. 

Marte wartete nun schon sechs Jahre, jetzt wollte Sie Gewissheit, egal wie - der Tisch sollte ihr dabei helfen. Draußen musste es dunkel sein, wenn die Zeremonie begann. Die Rollos waren runtergelassen Sicherheitshalber hatte man noch ein paar Decken von der Kriegsverdunkelung angebracht Fünf Frauen setzten sich rund um den Tisch, berührten ihn mit den Händen, massierten das Holz. Dann de Bitte: Der Verlobte  möge sich melden. Als ich halb erwachsen war. erfuhr ich, dass es zwei Versionen über   die Geschichte des Zaubertisches gab. Die erste Onkel Johannes, Mitglied einer Familie, die eine Tischlerei betrieb, hatte das Möbelstück so wuchtig konstruiert weil er den .närrischen "Weibern" einen Schreck einjagen wollte. Wenn ihn eine Reihe von Händen berührte, fing er an zu wackeln.  die zweite Version: Der Tisch stammte aus dem Besitz der „reichen" Tante Gesine aus Hamburg. 

Sie hatte im zweiten Weltkrieg eine Reihe von Möbeln in Grönland einquartiert, um ihre kostbaren Stücke vor einem etwaigen Bombenhagel in Sicherheit zu bringen. Als der Tisch prophezeite, dass ihre in den 30e' Jahren nach Amerika gezogene Tochter nicht mehr am Leben war, wollte die Tante den Teufelstisch nicht mehr. Er blieb in Grönland, zusammen mit dem "Schnapp" einem mächtigen Schrank. Das Schnapp und ein paar andere Möbelstücke spielten  im Teil 2 der Befragung des Tisches eine wichtige Rolle Die Frauen dachten praktisch. Wenn Marte ohnehin Kontakt zu ihrem Verlobten aufnehmen wollte, dann konnte man den Tisch auch  um eine andere Auskunft bitten. Ich hörte voller Erstaunen, dass die klotzigen dunklen Möbel überaus wertvoll waren! Eine Verwandte aus Pinneberg wollte nach dem Tode der Hamburger Tante auch ein paar Möbel aus deren Besitz Die Tante hatte die Pinneberger nicht gemocht Deren Mann war Kommunist. Der verstorbene Mann der Tante war Firmeninhaber. Also sollte der Tisch entscheiden, ob die Kommunisten Luxusmöbel brauchten.  Für mich hatte das in der Küche geparkte Schnapp aus anderen Gründen große Bedeutung Großmutter bewahrte dort Schokolade auf - und ihre Geldbörse. An guten Tagen gab es Pralinés, an sehr guten ein paar' Groschen für Brausepulver im Gasthof oder für Baisers bei Bäcker Witt. Die Tanten hatten wohl gar nicht bemerk, dass ich die Zauberzeremonie zu weiten Teilen mitgekriegt habe. Sie wähnten mich in der Küche beim Schnapp. Schokolade mopsen und dann das Album mit den Sammelbildern von Rama-Margarine angucken, .Die Vögel der Welt "zum Beispiel. In der heutigen Zeit haben wir so einen Hokuspokus zum Glück nicht mehr nötig Seit kurzem prangt allerdings am ehemaligen Haus meiner Großmutter ein Schild, auf dem für alternative Heilweisen geworben wird. Entfalten sich in Omas Dons doch magische Kräfte? Der Zaubertisch steht im Haus meiner Eltern im Keller. Vielleicht sollte ich ihn aktivieren, ihm Fragen zum aktuellen Geschehen stellen: Kommt die A 20 (400m von unserem Haus entfernt geplant)? Oder Bleiben der Landmann, mein Begleiter bei Ausflügen durch die Elbmarschen, und ich ein Paart "Wehe der Tisch prophezeit letzteres nicht. Dann wird er zu Kleinholz gemacht.


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Aberglaube

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2016

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