Dorf, Stadt und Land: Der Hase

Titel und Untertitel

Der Hase Geschichten vom Domziegelhof

Mein Beitrag
Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 18.10.2012

Autor dieses Beitrags

Ursula Wolff

Haupttext

Die Dampfzüge der Kleinbahn waren inzwischen den Triebwagen gewichen, die mit Dieselmotoren fuhren. Bei den älteren Modellen lag der Motor von ei­ner großen Haube abgedeckt mitten im Fahrgastraum. Für die Fahrgäste laut, störend und heiß, für den Triebwagenfahrer und den Zugführer aber hervorragend geeignet zur - Hasenjagd!

Ein Schatten auf den Gleisen, ein „Plopp"-„Minsch, dat wär'n grooten Has", sagte mein Vater leise. Nach einem raschen, verständnisinnigen Blick bremste Arnold den Triebwagen ab, fuhr ein Stück zurück und hielt. Er suchte sich einen möglichst imponierend großen Schraubenschlüssel, schritt mit gewichtiger Miene in den Fahrgastraum und öffnete die Motorhaube. Er hantierte am laufen­den, spuckenden Motor mit düsterem Gesichtsausdruck. Die Fahrgäste starrten ängstlich auf ihn und die blubbernde, röhrende - womöglich sogar kochende? - Maschine. Sollten sie hier bei Nacht und Nebel im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke bleiben?

„Meister, wat is los?" fragte einer. „Jo, ik weet ok nich", sagte Arnold, „mi dücht, dor stimmt wat nich", und er drehte hier und stocherte dort. Nach ange­messener Zeit schlug er dann die Motorhaube wieder zu. „Na, dat höllt wol noch bit ton Bohnhoff", sagte er und kehrte zum Führerstand zurück. Die Fahrgäste atmeten auf, die Fahrt ging weiter. Die angemessene Zeit aber war meinem Vater angemessen. Er hatte nämlich sogleich nach dem Stillstand den Triebwagen leise, behänd und dank Arnolds geschickt inszenierter Scheinreparatur auch unbemerkt verlassen und zwischen den Schienen nach dem Hasen gesucht. Er hatte ihn auch richtig gefunden und ihn schon im Führerstand verborgen, als Arnold zurückkam. Keiner der Fahrgäste hatte etwas von dem Beutezug bemerkt.

An dem Tag, als mein Mann sein Examen in Kiel bestand, kauften wir uns Ringe und verlobten uns. Abends fuhren wir zu meinem Bruder, der in einem Vorort von Kiel an der Förde wohnte, um die ersten Glückwünsche einzuheimsen.

Mein Bruder hatte nichts Eiligeres zu tun, als meine Eltern anzurufen, das heißt, er rief beim Nachbarn im Nebenhaus an, denn meine Eltern hatten noch kein Telefon, und teilte ihnen das Ereignis mit.

Mein Vater ging dann hinauf in die Dachkammer zu meinem Großvater. „Vad- der", sagte er, „de Deern (ich war immer „de Deern") häd sik verlooft."

Großvater zog ein paarmal an seiner Pfeife und meinte dann:Dat war ok Tied. Suns haar se keen mehr affkregen!"

Ich war damals 22!

Bilder
Bewertungen
Wie informativ finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 0Jetzt bewerten
Wie anschaulich finden Sie diesen Beitrag?
1 2 3 4 5 Bewertungen: 0Jetzt bewerten
Weitere Informationen
Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Hase, Kleinbahn, Triebwagen

Pinnwand

  • Auf dieser Pinnwand wurden noch keine Einträge hinterlassen.

Hier anmelden

Sie sind noch kein Mitglied der Community?

Jetzt beteiligen

Jetzt einen Beitrag verfassen