Diskussion - die Sparbeschlüsse: Die Haushaltsbücher meiner Eltern

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Die Haushaltsbücher meiner Eltern

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 22.12.2010
Zuletzt bearbeitet am 22.12.2010

Autor dieses Beitrags

Jutta Ohl

Haupttext

Jeder, der sich schon einmal mit der Auflösung des Haushalts seiner verstorbenen Eltern befassen musste, weiß wie schwer es ist zu entscheiden: Was bekommt die Familie, wer möchte was, was behalte ich, was kann weg, was verschenke ich?  usw. Alles fällt nicht so leicht, und so bleiben oft einige Kartons zunächst stehen, die man sich erst viel später ansehen will, weil die Erinnerungen immer mitschwingen. Nun nach einigen Jahren packte ich wieder einmal einen Karton aus und fand darin die Haushaltsbücher meiner Eltern, von 1935 bis 1999! Mir war gar nicht so bewusst, dass Mutter und Vater genau alle Einnahmen und Ausgaben aufgezeichnet hatten.  Mit seiner akribischen Schrift geführt, nannte mein Vater die ersten Jahre diese Aufzeichnungen „Wirtschaftsbuch“. Sicher haben sie auch nach 1999 weiter ihre Einnahmen und Ausgaben notiert, aber ich glaube in anderer Form. Meine Mutter machte ihre Eintragungen stets in „deutscher“ Schrift, für uns nicht immer gleich lesbar.

Mit großer Sorgfalt wurde von 1935 bis 1999 auch der Mangel, vor allem in den Nachkriegsjahren, festgehalten. Alle kleinen und großen Ausgaben sind vermerkt:  für den Haushalt, die Anschaffungen und die Ausgaben für die vier Kinder, bis diese „flügge“ wurden und den Haushalt der Eltern verließen.  

 

1935 gab es ein „Erststandsdarlehen“ und 1943 „Friedensgebührnisse“. 1986 „Reisesparen“ und 1990 Spar-Beträge für die Enkelkinder. So ändern sich die Zeiten. Besonders interessant die Angaben zu den damaligen Lebenshaltungskosten, den Preissteigerungen und die Umstellung von der D-Mark auf den Euro. Ein Aufkleber auf dem Haushaltsbuch von 1992-1996 mit der Aufschrift „Die D-Mark bleibt!“ zeigt mir nachträglich, wie sich besonders die Generation meiner Eltern mit einer erneuten Währungsumstellung schwer getan hat.

 

Kindheitserinnerungen wurden wach beim Durchlesen der dokumentierten Zahlen. Ach ja, Schuhe für die Kinder! Dafür wurde dann aber beim Essen gespart. Es war auch 1943 (mein Geburtsjahr) das so genannte „Stillgeld“ das als Einnahme verbucht werden konnte, Ratenzahlungen von 1935 für kleine Anschaffungen in dem gerade erworbenen Siedlungshaus. So kostete der Kinderwagen 17,00 Reichsmark, Kohlen oder Holz waren für 6,00 Reichsmark zu haben. Auch ein Anrechnungsbescheid für Selbstversorger der Gruppe B wurde am 01.03.1949 ausgestellt, weil ein Schwein in eigener Hausschlachtung angemeldet werden musste.

 Im Zusammenhang mit dem Durchsehen der Wirtschaftsbücher bekam ich  einen Zettel in die Hand, der von 1945 datiert ist und einer meiner Freundinnen gehört: Dort wurde sich „um 6.00 Uhr in der früh vom letzten Brot verabschiedet“.

Wie sich die Situationen doch damals in den Familien gleichten und dennoch mit Liebe und Geduld getragen und ertragen werden konnten. Es ist für mich nicht ungewöhnlich, dass meine Eltern „Wirtschaftsbücher“ geführt haben, so wurde eben nicht mehr ausgegeben als eingenommen wurde. Eine wirkliche Tugend.

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Einnahmen 1935

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Bekmünde

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Haushaltsbücher, Sparen

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