Diskussion - die Sparbeschlüsse: Sparen

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Sparen

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 22.06.2010

Autor dieses Beitrags

Sandra Landrau

Haupttext

Ich bin 11 Jahre nach dem 2. Weltkrieg in Ostberlin geboren. Meine Eltern bewohnten eine 1-Raum-Wohnung mit Küche. Die Toilette war auf dem Hausflur 1/2 Treppe tiefer. Mein Vater arbeitete im Berliner Glühlampenwerk, meine Mutter war damals Hausfrau. Unsere finanzielle Situation war sehr angespannt. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist diese: Meine Mutter ging mit mir zur Rentenstelle, die sich in der Berliner Frankfurter Allee befand, um ihre monatlichen Rentenmarken zu kaufen. Da sie nicht berufstätig war, konnte sie mit dem Erwerb dieser Marken Rentenversicherungszeiten ansammeln. Sie „klebte“ (so nannte man das damals) monatlich 2,00 oder 3,00 Ostmark. Auf dem Rückweg bemerkte ich Tränen in den Augen meiner Mutter. Auf meine Frage, warum sie denn weine, antwortete sie mir: „Das war unser letztes Geld für diesen Monat, jetzt weiß ich nicht, wovon ich noch Essen kaufen soll“. Dieser Satz hat mich sehr erschreckt und meine Einstellung zum Sparen geprägt. Als ich später mein wöchentliches Taschengeld (1,00 Mark), dann das monatliche Taschengeld (bis 10,00 Mark) bekam, legte ich immer etwas davon beiseite. So sparte ich mir meine ersten kleineren Wünsche zusammen. Mit 16 kam ich in die Lehre und bekam Lehrlingsentgelt – 112,00 Mark monatlich im 1. Lehrjahr. Davon gab ich 50,00 Mark zu Hause als Kostgeld ab. Ich war unheimlich stolz darauf, etwas zum Haushaltsgeld meiner Eltern beitragen zu können. Von den restlichen 62,00 Mark sorgte ich für meine Kleidung und sparte für meine größeren Wünsche – z. B. eine Reise nach Budapest. Mit 21 Jahren bekam ich meine erste eigene Wohnung. Ich benötigte Möbel, Gardinen, Teppiche und Hausrat. Das alles war in der DDR nicht billig. Ich musste für jedes neue Stück sparen. Und ich war natürlich sehr stolz darauf, mir auch endlich einen kleinen Kühlschrank leisten zu können. Nur einmal musste ich meine Mutter anpumpen. Eine Sofagarnitur dunkelorange mit braunen Kunstlederarmen hatte es mir angetan. Aber 1900,00 Mark hatte ich nicht dafür übrig. Meine Mutter legte mir das Geld für die Sofagarnitur aus und ich zahlte monatlich eine bestimmte Summe zurück. Ich bekam damals 560,00 Mark Gehalt im Monat. Da ich mit den Rückzahlungen möglichst bald fertig sein wollte, konnte es schon mal vorkommen, dass ich die letzte Woche des Monats von Salzstangen (die Tüte für 35 Pfennig), trocken Brot und Blutwurst (100 Gramm 12 Pfennig) lebte. Aber das sagte ich meinen Eltern natürlich nicht. Dann hätte es Vorwürfe gehagelt, denn außerdem gab ich noch viel Geld für Bücher und Schallplatten aus. Diese Dinge waren für mich noch wichtiger als Butter und Brot. 1982 kam ich aufgrund meines Ausreiseantrages zu meinem Verlobten nach Rendsburg. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an den vielen schönen Dingen, die es hier gab. Nachdem ich einige Monate „in Saus und Braus“ gelebt hatte, um meinen schier unersättlichen Konsumhunger zu stillen, kam plötzlich die Ernüchterung. Mein Verlobter war oft auf Montage. Ab und zu ließ er sich einen Vorschuss von der Firma auszahlen, wenn das mitgenommene Taschengeld nicht ausreichte. Eines schönen Monats, es war ein März, wurden sämtliche Vorschüsse auf einmal vom Lohn abgezogen. Auf dem Lohnzettel standen nur 800,00 DM zur Auszahlung. 800,00 DM brauchten wir für Miete, Telefon und alle anderen festen Kosten. Wovon sollten wir also in diesem Monat leben? Es wurde ein sehr magerer Monat. Aber irgendwie bekamen wir das in den Griff. Ich nahm mir ganz fest vor, dass so etwas nie wieder vorkommen sollte. Also ging auch hier das Sparen weiter, nur in anderen Größenordnungen. Konnte ich früher von meinem Gehalt in der DDR nur 50,00 Mark im Monat beiseite legen, waren es hier „im Westen“ je nach Arbeitslage meines Verlobten 300,00 bis 500,00 Mark im Monat. So konnten wir uns auch größere Wünsche erfüllen. Ein neues Auto, mindestens zwei Auslandsreisen im Jahr und eine Eigentumswohnung. Alles haben wir erreicht. Wir mussten dafür aber immer sparen. Und jedes Mal, wenn wir uns wieder einen Wunsch erfüllen konnten, erinnerte ich mich dankbar an den Satz meiner Mutter, den sie damals zu mir sagte: Das war unser letztes Geld, nun weiß ich nicht mehr, wovon ich noch Essen kaufen soll. Ich habe Sparen gelernt und in der Rücklage war immer noch etwas Geld, um Essen kaufen zu können.

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Jahr

1956

Ort

Rendsburg

Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Knappheit, Sparen

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