Diskussion - die Bundeswehr: Die letzte Flaggenparade

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Die letzte Flaggenparade

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Erstellt von GeZeiten Redaktion am 04.02.2011
Zuletzt bearbeitet am 04.02.2011

Autor dieses Beitrags

Victor Vogt

Haupttext

Im Mai 1956 erhielt ich meine Einberufung zur neu aufgestellten Bundeswehr nach Rendsburg, in die Flak-Kaserne.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich nach mehr als 12-stündiger Bahnfahrt von Aachen kommend, als einer der ersten einberufenen ungedienten Freiwilligen zur neuen Bundeswehr in dem mir völlig unbekannten Rendsburg eintraf. 

Am Bahnhof  wies man mir den Weg zur Flak-Kaserne. „ Die Bahnhofstr bis zum Greens-Hotel, dann rechts ab, vorbei am Stadttheater und dem Postamt, dann rechts ab bis zur Bahnlinie, und dieser folgend, und dann immer geradeaus“.

Ich trabte mit meinem schweren Koffer los. Bei den letzten Häusern von Rendsburg zweifelte ich am richtigen Weg und fragte erneut.

„ Da vorn, hinter dem Bahnübergang, linker Hand, liegt die Flak-Kaserne“. Endlich!!.

Am Haupttor wies mir ein amerikanischer GI den Weg. „Block III, hinten links, Meldekopf zweite Etage“. Auch das noch. Treppensteigen mit schwerem Koffer.

Ein strengblickender älterer Herr zeigte mir nach Vorweisen meines Einberufungsbescheides und einiger Unterschriften durch mich meine Stube, mein neues Zuhause.

Beim Betreten dieser machte ich große Augen. Acht Matratzen auf dem Fussboden, sonst nichts. Im Laufe des Tages trafen alle anderen, meist gleichaltrige Freiwillige ein, wir machten uns miteinander bekannt, und warteten gespannt. 

Am Nachmittag nach einer Begrüßung durch den „Chef“ begann unser Dienst, der auch in den Folgetagen mangels Uniform in Zivil durchgeführt wurde.

Wir lernten gehen, laufen, marschieren, reinigen – Revierreinigen innen und außen hieß das – und singen. Dazwischen Möbel tragen. In der Kaserne gab es einen Lkw – den Nato Ford. Dieser brachte unermüdlich unser noch fehlendes Unterkunftsgerät. Betten, Stühle, Schränke und einen Tisch pro Stube.

Und endlich empfingen wir auch unsere langersehnte erste Uniform. Zum Ausgehen aber nicht geeignet. Graubraun und aus Sackleinen. Dazu Schnürschuhe und Stoffgamaschen. Naja, aller Anfang war eben schwer. Wir hofften auf baldige  Besserung. 

Der Dienst wurde von Tag zu Tag immer härter. Wir marschierten täglich zur infanteristischen Grundausbildung nach HOHN, einen alten zerstörten Feldflugplatz . Zugweise und in Marschordnung und  natürlich immer mit Gesang.

Unsere Gruppenführer waren ehemalige Wehrmachtsunteroffiziere. Diese sorgten dafür, dass wir den Übungsplatz in Körperlängen vermessen. In allen Ausdehnungen. Durch das Moos an den Bäumen lernten wir auch die Himmelsrichtungen erkennen. 

Die Waffenausbildung erfolgte durch amerikanische Soldaten, davon lagen etwa 100 in unserer Kaserne. Zuvor mussten wir aber unsere „Braut“ , das Gewehr Rifle M 1, in zwei Abend – und Nachtschichten vom Fett befreien. Eine höllische Rabenarbeit. 

Unser Wochendienst ging immer bis Samstagmittag. Zapfenstreich täglich 22.00 Uhr. Der Sold betrug 120 DM. Zu den Mahlzeiten wurde geschlossen marschiert. Natürlich mit Gesang. Es wurde batterieweise gegessen. Natürlich unter Aufsicht. Unseren „Chef“ sahen wir anfangs nur am Samstagmorgen. Zwei Stunden staatsbürgerlicher Unterricht, mit Gesetzeskunde und dem Hinweis auf Beschwerdemöglichkeiten.

Wir waren die ersten ungedienten Freiwilligen, wir waren stolz, mit dabei zu sein, motiviert und von der Notwendigkeit deutscher Streitkräfte  berzeugt. Wer wollte sich schon von uns beschweren. 

Nach der Chefausbildung war Revierreinigen nach Plan angesagt. Natürlich innen und außen. Danach Singen mit unserem Feldwebel und seiner Kwetsche bis zum Mittagessen. Jeden Samstag ein neues Marschlied. Wer es am Samstagnachmittag nicht auswendig konnte, musste es lernen.

Erst dann bekam man die Ausgangskarte. Es war eine anstrengende, aber auch sehr schöne Zeit voll von Tatendrang, gesundem Ehrgeiz und kameradschaftlichen Miteinander, auf die kein junger Mensch verzichten sollte. Die gesammelten Erfahrungen reichen für ein ganzes Leben. Wir lernten Ordnung und Disziplin, Führungsverhalten und Organisation.

Ich durfte noch lange Jahre in dieser 1937 erbauten großzügigen Kasernenanlage in unterschiedlichen Verwendungen und Verantwortungsbereiche dienen, bevor ich das schöne Schleswig-Holstein verlassen musste, um neue Aufgaben in Koblenz zu übernehmen. 

Wehmütig schaute man  zurück, als nun zum letzten Mal die Bundesdienstflagge am Haupttor der ehemaligen Rendsburger Flak-Kaserne eingeholt wurde, in der in mehr als 50 Jahren alle länger dienenden   Soldaten der Heeresflugabwehrtruppe ausgebildet wurden

Bilder
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Bildunterschrift

Alte Flak-Kaserne Rendsburg

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Ort

Rendsburg

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