Das Versehrtenwerk: Das Versehrtenwerk (17)

Titel und Untertitel

Das Versehrtenwerk (17) Das Oberlyzeum

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Ersteller und Datum

Erstellt von GeZeiten Redaktion am 29.07.2009

Autor des Beitrags

Schilderungen von Dr. Werner Kuntze (†)

Haupttext

Eines Tages ging ich zum Direktor des Oberlyzeums in Flensburg und bat ihn, einmal vor den jungen Mädchen sprechen zu dürfen. Der Direktor sagte mir das sofort zu. Die Lehrerin stellte mich vor und führte mich ein.

Ich erzählte, was wir vorhatten, wie sie uns helfen könnten; dass gerade die Verbindung zur Jugend für die Versehrten die einzige und wichtigste Hilfe zu Reintegration sei.

Ich lud sie ein,, noch am selben Abend zu uns ins Versehrtenwerk zu kommen. Ich wollte den jungen Damen vor Augen zeigen, was wir schon alles geschaffen hatten und ich verabschiedete mich von ihnen mit dem Wunsch, dass unsere Zusammenarbeit fruchtbar sein könnte.

Beim nächsten volkstümlichen Konzert waren die Mädchen gekommen, um uns zu helfen. Der Saal war gefüllt. Wir holten, da die Straßenbahn noch nicht fuhr, die Musiker in unserem PKW ab. Das verzögerte unvorhergesehen den Beginn des Konzerts.

Das Publikum wurde bereits nervös. Ich kündigte zur Überbrückung an, was wir in der Pause vorhatten. Ich sagte ihnen, dass die Gegenstände, die wir verteilen wollten, ein Dank sein sollte.

In der Pause erfolgte der schlagfertige Überfall der Mädchen auf die Konzertbesucher. Die Gegenstände wurden über Spenden vergeben. Sie erzählten nachher, wie bereitwillig alle gegeben hätten Es war tatsächlich ein voller Erfolg.

Während der zweite Teil des Konzerts begann, versammelten sich die Mädchen und vier unserer Herren in einem Nebenzimmer und dort wurde abgerechnet. Die Mädchen hatten die Geldbeträge vorgezählt, ein Herr zählte nach. Ein weiterer zählte erneut und der Dritte notierte.

Das Konzert hatte für alle einen erfreulichen Ausklang.

Wenn man mir beispielsweise immer wieder vorgeworfen hat, man könne mir meine ehrenamtliche Tätigkeit nicht glauben, so habe ich nur lächeln können. Ich behaupte keinesfalls, große Opfer gebracht zu haben. Die Freude an dieser Arbeit ist trotz aller Schwierigkeiten so groß, dass man keinen weiteren Lohn braucht. Ich finde es immer etwas primitiv, wenn man den wert einer Arbeit danach bemisst, was sie an klingender Münze einbringt. Es gibt meines Erachtens viel schöneren und nachhaltigeren Lohn als diese materiellen Dinge.

Dazu gehört beispielsweise auch die Begeisterung, mit der uns die Jugend half.

Im Laufe der Zeit mussten wir erkennen, dass es nicht leicht ist, die Flensburger Herzen zu gewinnen. So schnell wir die Jugend für unsere Aufgabe hatten gewinnen können, so schwer war es, die Vorurteile zu überwinden, die gewissen Kreisen innewohnten. Vielleicht lag es an der Wesensart der norddeutschen Menschen, die alles Neue zunächst kritisch aufnahmen. Ich weiß aus Erfahrung, dass die Flensburger, wenn man ihr Herz einmal gewonnen hat, auch rückhaltlos zu einem stehen.

Vor allem haben sich Künstler immer wieder bereitwillig in den Dienst unserer Sache gestellt. Eine ganz besondere erfreuliche Bereitschaft zeigte der Nordwestdeutsche Rundfunk. Und hier vor allem die Kapelle Mario Traversa. Sie erklärte sich bereit, von Hamburg nach Flensburg zu fahren und dort im Deutschen Haus unentgeltlich zu Gunsten der Versehrten ein Wohltätigkeitskonzert zu geben.

Wir hatten einmal sogar die Ehre, dass der Landtagsausschuss des Amtes für Volkswohlfahrt unser Werk besichtigte und in unseren Räumen ein Gesetz zur Abänderung des alten Schwerbeschädigten-Gesetzes erörterte. Leider ist dieses Gesetz, in dem Zwangsbeschäftigungsquote der Versehrten für die Betriebe erheblich heraufgesetzt werden sollte, von der Militärregierung nicht genehmigt worden.

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Jahr

1947-48

Ort

Flensburg

Schlagwörter (passend zum Thema des Beitrags)

Versehrtenwerk

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